Ennetbaden
«Tief im Inneren bin ich ein Pfädeler geblieben»

Nach zwölf Jahren nimmt Gemeinderat Fritz Gläser den Hut – er freut sich auf Wanderungen und Städtereisen.

Martin rupf
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Der abtretende Ennetbadener Gemeinderat Fritz W. Gläser: «Ich bin parteilos. Das bedeutet aber nicht, dass ich meinungslos wäre. alex spichale

Der abtretende Ennetbadener Gemeinderat Fritz W. Gläser: «Ich bin parteilos. Das bedeutet aber nicht, dass ich meinungslos wäre. alex spichale

In Ennetbaden ist er aufgewachsen, in Ennetbaden führt er seit knapp 20 Jahren ein Innenarchitektur-Büro und in Ennetbaden sass er während zwölf Jahren im Gemeinderat. Nun verlässt Fritz Gläser die politische Bühne. Zum Schlussgespräch lädt der 65-Jährige ins Gemeindehaus. An der Eingangstüre hängt ein Plakat mit der Aufschrift «Fritzissage». Drinnen im Parterre hängen verschiedene Collagen, auf denen der Gemeinderat zu sehen ist. «Klar, zum Abschied wird man von den Kollegen auch ein bisschen veräppelt; das muss man aushalten», sagt Gläser lachend.

Fritz Walter Gläser (65)

Fritz Gläser wuchs in Ennetbaden auf. Nach einer Möbelschreiner-Lehre und Berufsjahren besuchte er die Kunstgewerbeschule in Zürich, wo er sich zum Innenarchitekten ausbilden liess. 1995 eröffnete er zusammen mit seiner Frau in seinem Elternhaus das Innenarchitektur-Büro «Atelier 28». Seit 2002 ist er als Parteiloser im Gemeinderat Ennetbaden, wo er das Ressort Gesundheit, Soziales und Kultur führte. Zudem leitete er die Freiwillige Fürsorge- und die Kulturkommission und war Stiftungsratspräsident der Altersstiftung und im Alterszentrum Kehl Baden-Ennetbaden in zwei Verwaltungsräten. (az)

Herr Gläser, Sie sind hier in Ennetbaden aufgewachsen und nach 25 Jahren im Exil wieder zurückgekehrt. Wie würden Sie Ennetbaden heute beschreiben?

Fritz Gläser: Ennetbaden hatte immer den Namen der «Mehr-Besseren-Gemeinde». Aber ich habe das nie so wahrgenommen . Ich glaube das ist eine Aussenbetrachtung . . .

. . . tatsächlich? Es ist doch auffällig, wie viele teure Wagen und Offroader durch Ennetbaden fahren – einige stehen gerade jetzt wieder vor dem Gemeindehaus, um die Kinder von der Schule abzuholen.

Klar, Ennetbaden zieht dank seiner attraktiven Lage im Limmattal auch gute Steuerzahler an.

Das wünscht sich jede Gemeinde. Doch wie steht es ums Ennetbadener Dorfleben?

Klar würde ich gerne noch mehr Einwohner an der Gemeindeversammlung begrüssen (lacht). Aber man kann nicht sagen, in Ennetbaden läuft nichts. Es gibt hier ein Dorfleben, wenn ich etwa an den Weihnachtsmarkt, die Weihnachtsspiele oder die 1.-August-Feier denke.

Wie würden Sie als Kultur-Chef das kulturelle Angebot in Ennetbaden beurteilen?

Ennetbaden zahlt namhafte Beträge an Institutionen umliegender Gemeinden. Es macht doch keinen Sinn, dass jede Gemeinde gross in eigene Häuser und Produktionen investiert. Aber klar, wenn aus der Bevölkerung heraus gute Ideen kommen, dann hilft die Kulturkommission tatkräftig mit, diese umzusetzen.

Zurück zur Eingangsfrage: Droht Ennetbaden nicht zur Goldküsten-Gemeinde zu werden?

Klar, man muss die Entwicklung kritisch im Auge behalten. Die Gemeinde war ja nicht untätig. Der Gemeinderat ist hinaus in die Quartiere gegangen, und hat das Gespräch mit der Bevölkerung gesucht, um zu zeigen, dass Ennetbaden nicht nur aus der Limmatpromenade und dem Postplatz besteht. Ich bin mir sicher, dass Ennetbaden keine sogenannte «hochnäsige Gemeinde» ist.

Wie gefallen Ihnen die Betonbauten unten an der Limmat?

Ich bin in erster Linie froh, dass der Umfahrungstunnel gekommen ist. Vorher waren das keine Zustände unten an der Limmat. Dass trotz ausbleibendem Verkehr Investoren kamen und bauten, ist grundsätzlich zu begrüssen. Über Architektur und Geschmack lässt sich immer streiten. Mir gefällt moderne Architektur, so zum Beispiel auch das geplante Botta-Bad auf der Badener Seite.

In Ennetbaden kann man nicht mehr einkaufen. Das ist nicht gerade ein Standort-Vorteil für eine Gemeinde.

Fakt ist: Die Menschen kaufen nicht auswärts ein, weil es hier keinen Laden mehr gibt, sondern es ist genau umgekehrt. Weil die Menschen auswärts einkaufen – meistens nur noch einmal in der Woche einen Grosseinkauf –, sind die kleinen Quartierläden verschwunden. Wenn die Nachfrage nach einen Quartierladen da wäre, würde ein Grossverteiler in Ennetbaden sofort eine Filiale führen. Klar wäre es toll, wenn wir hier viele kleine Läden hätten, aber die Realität ist eine andere; das Einkaufsverhalten hat sich verändert.

Ennetbaden wird oft als die kleine Schwester vom grossen Baden angesehen. Könnten die beiden Gemeinden deshalb nicht gleich fusionieren?

Eine Fusion macht erst dann Sinn, wenn mehrere Gemeinden aus der Region zu einer Grossgemeinde fusionieren. Denn eines sage ich Ihnen: Eine Fusion von Baden und Ennetbaden wäre zwar wahrscheinlich die rascheste und unproblematischste Fusion, die je über die Bühne ging. Aber ich glaube nicht, dass dadurch die umliegenden Gemeinden auf den Geschmack kämen. Ich befürchte eher eine Abwehrreaktion.

Themawechsel: Sie haben sich während Ihrer Amtszeit vor allem für die Anliegen der älteren Menschen eingesetzt. Weshalb?

Weil es mir wichtig ist und war, zu zeigen, dass Alter keine Krankheit ist. Alt werden ist jedem garantiert. Ich bezeichne das Alter deshalb als «dritten Frühling». Ich bin stolz auf die Altersstiftung in Ennetbaden und deren zwölf Alterswohnungen an der Schlösslistrasse. Das ist das erste Beispiel in einem Ennetbadener Quartier. Weitere müssen folgen!

2001 wurden Sie in den Gemeinderat von Ennetbaden gewählt. Wie kam es dazu?

Ich war politisch immer sehr interessiert . . .

. . . gab es ein Schlüsselerlebnis?

Das kann man sagen! Einen grossen Einfluss hatte 1956 der Ungarnaufstand, als viele Ungarn auch zu uns in die Region zogen. Seither hat mich die nationale und internationale Politik immer interessiert.

Vom Ungarnaufstand bis in den Ennetbadener Gemeinderat ist es ein weiter Weg.

Im Frühsommer 2001 hat mich der damalige Gemeindeammann Markus Weber angefragt, ob ich nicht Gemeinderat werden wolle.

Haben Sie sofort Ja gesagt?

Zuerst war ich überrascht, aber innerhalb einer Woche habe ich mit einem guten Gefühl zugesagt.

Sie wurden als Parteiloser gewählt. Heisst das, Sie nehmen je nach Windrichtung eine andere politische Haltung ein?

Richtig, meine Haltung ist parteilos. Das bedeutet aber nicht, dass ich meinungslos wäre. Ich würde mich als bürgerlich bezeichnen, bin aber durchaus offen für linke Anliegen. Im Gemeinderat – und ich denke auch im Volk – wusste man sehr genau, wofür ich einstehe.

Hatten Sie als Parteiloser einen besonders guten Draht zu den anderen Gemeinderäten?

Das würde ich nicht sagen. Mir war aber ein respektvoller und kollegialer Umgang untereinander immer sehr wichtig. Obwohl wir fünf total unterschiedliche Typen waren, haben wir immer Kompromisse gefunden – und zwar keine faulen.

Sie waren ja auch in der Pfadi Baden. Konnten Sie von diesen Erfahrungen als Gemeinderat und auch im Berufsleben profitieren?

Ja, ganz klar. Teamfähigkeit und Kameradschaft sind mir sehr wichtig. Tief in meinem Innern bin ich auch heute noch ein «Pfädeler». Deshalb war auch das Ressort Soziales und Gesundheit nicht ganz unpassend für mich. Auch als Innenarchitekt arbeite ich auf Augenhöhe mit den Handwerkern zusammen. Denn ohne sie würden meine Pläne auf dem Papier bleiben.

Apropos Pläne: Welches sind Ihre privaten Pläne für Ihre Zeit nach der Politik.

Meine Frau und ich werden reisen gehen und viel wandern. Ich freue mich vor allem auf die Städtereisen. Und natürlich will ich im Beruf noch weiterarbeiten.

Also wirklich ein «dritter Frühling»?

Absolut. Natürlich habe ich als Selbstständiger auch Glück, dass ich beruflich noch weitermachen kann. Ich finde es schade, wenn mit 65 Jahren einfach ein Schnitt gemacht wird. In einem Alter, wo viel ihre grosse Lebens- und Berufserfahrung einbringen könnten.

Wird man Sie künftig an Gemeindeversammlungen antreffen?

Auf jeden Fall, aber ich werde mich sicher zurücknehmen.

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