Baden
Tiefe Wahlbeteiligung: Stadtrat will mehr Junge an die Urnen locken

Junge Erwachsene sollen einen besseren Zugang zu politischen Themen bekommen. Dazu will der Badener Stadtrat unter anderem eine Broschüre lancieren. Experten sehen aber auch Handlungsbedarf am Familientisch.

Sabina Galbiati
Merken
Drucken
Teilen
Nur rund ein Drittel der Jungen geht wählen.

Nur rund ein Drittel der Jungen geht wählen.

Christian Schwier - Fotolia

Am 18. Oktober werden voraussichtlich gerade mal 30 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahre an den nationalen und den Stadtrat-Wahlen in Baden teilnehmen. Das kommt keineswegs daher, dass sie Wahl- und Abstimmungsmuffel sind. Fast 70 Prozent der 15 bis 21-Jährigen sehen es als ihre Bürgerpflicht, sich an Wahlen und Abstimmungen zu beteiligen. Doch sie tun es kaum.

10-Jährige sollen auch Politik machen

Im September legt der Stadtrat dem Einwohnerrat die neuen Leitlinien zur Kinder- und Jugendförderung in der Stadt Baden vor. Zielgruppe der Leitlinien sind die 5- bis 25-Jährigen. Die sechs Leitlinien orientieren sich am Gesetz des Bundes und des Kantons. Vorgesehen ist unter anderem, dass Kinder und Jugendliche bei der Gestaltung von Sport- und Spielplätzen sowie Schulanlagen einbezogen und vertreten werden. Sie sollen Unterstützung bei ihren eigenen Projektideen erhalten. Der Stadtrat hält dabei fest, dass eine politische Partizipation nachhaltig und wirksam umgesetzt werden sollte und schlägt vor: «Eine Umsetzung kann beispielsweise mit dem Projekt ‹Megafon› wieder aufgenommen werden.» «Megafon» war die regionale Jugendsession. Sie fand allerdings nur zweimal 2005 und 2006 statt und scheiterte am Desinteresse der Schulen und an der Ansicht der Jugendarbeiter, «Megafon» würde den Jugendlichen zu wenig Partizipationsmöglichkeiten bieten.

Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an wichtigen Entscheiden der Stadt soll von der Fachstelle Kinder- und Jugendanimation (KJF) unterstützt und begleitet werden.

Als weitere mögliche Massnahme zur Umsetzung der Richtlinien soll die KJF gemeinwesenorientierte Arbeit in den Quartieren leisten, um das generationenübergreifende Zusammenleben zu fördern. Dabei sei eine engere Zusammenarbeit mit der Fachstelle Integration, der Pro Senectute und Benevol anzustreben. (GAL)

Wecker zum Wählen

Der Stadtrat will nun für die 18 bis 25 Jährigen die «Easyvote»-Broschüre abonnieren. Sie soll den Jungen den Zugang zu Abstimmungsthemen erleichtern, indem sie jede Abstimmungsvorlage auf zwei A5 Seiten in leicht verständlicher Sprache zusammenfasst. Dabei enthält sie nationale und kantonale Vorlagen. Eine dazugehörige Internetseite mit Online-Videos und einem Abstimmungswecker soll zusätzlich motivieren, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen.

Die Absicht des Stadtrats geht auf ein Postulat von Jonas Fricker (Team Baden) zurück. Er verlangte vom Stadtrat, die Einführung der Easyvote-Abstimmungshilfe zu prüfen. Damals wollte der Stadtrat die Broschüre schon beerdigen, als die Einwohnerräte mit 27 zu 20 Stimmen entschieden, er solle nochmals über die Bücher gehen.

Das hat der Stadtrat gemacht und zitiert in seinem neuerlichen Bericht Studien, Theorien und eine Dissertation. Diese besagen: zwischen 18 und 25 Jahren beginne die aktive Beschäftigung mit Politik und Demokratie. Die jungen Erwachsenen entwickeln in dieser Zeit ihr Bewusstsein für politisches Handeln. Zudem würden sich Jugendliche eher über gedruckte Medien als über Online-Medien informieren.

Studienleiter Lukas Golder spricht der Broschüre zwar nicht die Wirkung ab, er relativiert aber: «Eine Broschüre alleine genügt nicht.» Es brauche eine politisch interessierte Gesellschaft, «und die beginnt in der Familie beim gemeinsamen Diskutieren.» Weil das gemeinsame Mittagessen heute aber in vielen Familien wegfalle oder manche Eltern selten politische Diskussionen führen, sei auch die Schule in der Pflicht. «Das kann ohne weiteres schon in der Primarschule beginnen, indem die Kinder eine von drei möglichen Schulreisen ‹wählen› können.» Dieser Abstimmung könne beispielsweise eine Diskussion mit Pro- und Kontraargumenten vorausgehen, sagt Golder. Sind Teenager in einem solchen Umfeld aufgewachsen, kann die Broschüre einen guten Übergang in die politische Realität schaffen.

Dass es mit einer Broschüre nicht getan ist auch den Stadträten klar. Politische Erziehung und Sensibilisierung ist denn auch ein erklärtes Anliegen der Kinder- und Jugendförderung der Stadt.