Bellikon
Toni Scartazzini: Die Klinik ist sein zweites Zuhause

Nach einem Vierteljahrhundert als Direktor der Rehaklinik Bellikon geht Toni Scartazzini (64) in Pension. Er hat die Institution nicht nur für alle Versicherten geöffnet, sondern auch viele Schicksale miterlebt.

Carla Stampfli
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Toni Scartazzini im Kräutergarten der Rehaklinik. «Beim Gärtnern finde ich Ruhe.»

Toni Scartazzini im Kräutergarten der Rehaklinik. «Beim Gärtnern finde ich Ruhe.»

Alex Spichale

Noch ist das Büro von Toni Scartazzini in der Rehaklinik Bellikon nicht leergeräumt. Nur eine grosse Papier-Tonne neben der Tür weist darauf hin, dass dies in Kürze der Fall sein wird. «Ich werde die meisten Unterlagen, die sich in all den Jahren angesammelt haben, entsorgen», sagt Scartazzini. Denn in einer sich rasch wandelnden Branche wie dem Gesundheitswesen und mit der zunehmenden Digitalisierung mache es keinen Sinn, Dokumente aufzubewahren. «Um Entscheidungen zu treffen braucht es vielmehr klare Strategien, Affinität für die Situation und eine Portion gesunden Menschenverstand.»

Direktor Toni Scartazzini im neuen Eingangsbereich der Rehaklinik: «Bauen unter Vollbetrieb war eine grosse Herausforderung.»

Direktor Toni Scartazzini im neuen Eingangsbereich der Rehaklinik: «Bauen unter Vollbetrieb war eine grosse Herausforderung.»

Carla Stampfli

Ende Juni wird Toni Scartazzini (64) nach 24 Jahren als Direktor in Pension gehen. In dieser Zeit hat er die Rehaklinik weiterentwickelt, ohne aber das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: den Patienten. «Klar, gilt auch für unsere Arbeit der Grundsatz von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit. Doch unser primäres Ziel ist, dass die Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit die Perspektive verloren haben, wieder an die Zukunft glauben», sagt Scartazzini. Unerlässlich seien dabei die Mitarbeitenden, die auf Patienten eingehen und sie auch in schwierigen Zeiten motivieren können.

«Teils sehr traurige Geschichten»

Seit er 1994 an die Spitze der Rehaklinik gewählt worden ist, hat er viele Schicksale miterlebt. Menschen, die durch einen schweren Unfall oder eine Krankheit ihre Gliedmassen verloren haben, nicht mehr zurück an den Arbeitsplatz konnten oder um ihre Existenz kämpfen mussten. «Die Geschichten unserer Patienten sind teilweise sehr traurig und stimmen nachdenklich», sagt Scartazzini und fügt an: «Nicht immer fiel es mir leicht, vom Klinik-Alltag abzuschalten.»

Vor allem auch, weil er im benachbarten Dorf Remetschwil zu Hause ist. «Ich habe zwar einen kurzen Arbeitsweg, was sehr bequem ist. Doch auf der anderen Seite wird dadurch die Klinik auch zu deinem zweiten Zuhause.» Umso mehr freut sich Scartazzini, dass die Patienten dank der heutigen Medizin wieder rasch in den Alltag eingegliedert werden können. «Es ist eine grosse Befriedigung, zu sehen, wenn unsere Patienten Fortschritte machen und sie wieder an sich glauben.» Das habe ihn stets aufs Neue motiviert, sich für die Rehaklinik einzusetzen.

«Den Schritt habe ich nie bereut»

Der Ökonom Toni Scartazzini wuchs in Bern auf und bildete sich an der Uni Fribourg im Management von Non-Profit-Organisationen weiter. Zu Beginn arbeitete er als Finanzchef bei der Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel (VHTL), ehe er nach Bellikon berufen wurde. «Den Schritt habe ich nie bereut. Die Rehaklinik ist eine faszinierende Welt», sagt Scartazzini.

Er habe gerne gearbeitet und versucht, den Mitarbeitenden sowie den Patienten auf Augenhöhe zu begegnen. «Als Direktor habe ich eine Vorbildfunktion. Ich kann von meinen Mitarbeitern nicht etwas fordern, was ich selber nicht erbringen kann.» Überhaupt stellt sich Scartazzini ungern in den Vordergrund. Dass die Rehaklinik heute zu den führenden Spezialkliniken für Unfallrehabilitation gehöre, basiere nicht auf seinen alleinigen Entscheidungen, sondern auf der Arbeit des ganzen Teams.

Einen wichtigen Entwicklungsschritt legte Scartazzini in den 1990er-Jahren, als er entschied, die Rehaklinik für alle Versicherten zu öffnen. «Für mich war unverständlich, weshalb nur Patienten, die bei der Suva versichert waren, das Privileg hatten, Zugang zu adäquater medizinischer Reha-Versorgung zu haben.» Weitere Meilensteine wie die Totalsanierung der beiden Bettenhäuser in den 2000er-Jahren folgten.

Nicht zuletzt leitete er den grössten Um- und Neubau in der Geschichte der Suva: Letztes Wochenende wurde das 350-Millionen-Franken-Projekt mit einem Tag der offenen Tür und rund 15 000 Besuchern gefeiert. «Es war ein toller Anlass und eine grosse Genugtuung für alle, die in den letzten fünf Jahren auf diesen Tag hingearbeitet haben.» Dazu gehören unter anderem Planer, Architekten, Bauarbeiter, Mitarbeitende, die Gemeinde Bellikon und die Bevölkerung.

«Ich bin glücklich, dass ich meine Zeit als Klinikdirektor mit einem gelungenen Projekt abschliessen kann», sagt Scartazzini. Mit der Rundumerneuerung könne man die Betriebsabläufe optimieren, die interdisziplinäre Zusammenarbeit unter den Fachbereichen stärken und das Leistungsangebot langfristig weiterentwickeln. «Am 1. Juli übergebe ich die Rehaklinik meinem Nachfolger Gianni Rossi mit gutem Gewissen.»

«Der Austausch war bereichernd»

Den Klinik-Alltag wird er nach seiner Pensionierung wahrscheinlich schon etwas vermissen. «Die Begegnungen und der Austausch mit den Mitarbeitenden waren bereichernd.» Auch der Kontakt zu den Patienten werde ihm fehlen. Auf was er hingegen gut verzichten könne, seien die «vielen Sitzungen, die teilweise unnötig waren», sagt Scartazzini und lacht. Er freut sich, dass er nicht mehr nach Agenda leben muss und mehr Zeit mit seinen drei Enkelkindern verbringen kann. Ausserdem könne er sich nun seinem Ziergarten widmen. «Beim Gärtnern finde ich Ruhe, das gefällt mir sehr», sagt er.

Wird Toni Scartazzini der Rehaklinik ab und zu einen Besuch abstatten? «Das Gesundheitswesen wird mich weiter Interessieren. Ob und in welcher Form ich mich engagiere, lass ich noch offen», sagt er. Erst einmal geniesst er es, dass er den Körper runterfahren kann – und endlich Zeit hat, die Buchsbäume in seinem Garten zu schneiden.

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