Immer wieder werden Kleinkinder schwer oder tödlich verletzt, weil sie von Eltern, Stiefeltern oder Babysitter geschüttelt werden. Der häufigste Auslöser ist, dass das Baby nicht aufhört zu schreien.

In Baden steht ab morgen Dienstag als Hauptbeschuldigter der Ex-Partner einer Mutter vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, den Sohn seiner ehemaligen Lebenspartnerin derart fest geschüttelt zu haben, dass dieser starb.

Zudem soll er das Kind vorher schon körperlich misshandelt haben. Der Vorwurf lautet auf vorsätzliche Tötung. Das geht aus einer Medieninformation des Bezirksgerichts Baden von Ende August hervor. 

Demnach wurde auch die Mutter des verstorbenen 2-jährigen Buben angeklagt. Der Verdacht: Sie habe die Misshandlungen pflichtwidrig nicht erkannt. Bei ihr lautet der Straftatbestand auf fahrlässige Tötung durch Unterlassen.

Pro Jahr weniger als zehn Fälle

Markus Wopmann ist Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche im Kantonsspital Baden und Leiter der Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken. 2015 sagte er im Interview mit der AZ: «Gesamtschweizerisch werden pro Jahr weniger als zehn Säuglinge mit Verdacht auf Schütteltrauma in Kinderkliniken behandelt.»

Das heisse nicht, dass das Problem nicht bestehe. Einerseits kämen jene Kinder, die an den Folgen sterben, nicht ins Spital. Anderseits müsse es nicht immer zu sichtbaren gesundheitlichen Schäden kommen. 

Ein Baby zu schütteln ist deshalb so gefährlich, weil die Hals- und Nackenmuskeln noch nicht ausgebildet sind. Der Kopf, der im Vergleich zum übrigen Körper sehr schwer ist, wird so praktisch ungebremst hin- und hergeschleudert. Das bringt Blutgefässe im Gehirn und den Augen zum Platzen.

In rund einem Viertel der Fälle führen die dadurch erlittenen Verletzungen zum Tod. Überlebt das Kind, trägt es häufig Hirnschäden und Bewegungsstörungen davon.

Laut Kinder-Chefarzt Markus Wopmann wollen die wenigsten Eltern ihr Kind auf diese Weise «bewusst verletzen oder gar umbringen». Meist handle es sich um tragische Ereignisse, die den Gipfel chronischer Überforderung und Übermüdung, verbunden mit fehlender Impulskontrolle, darstellten.

Zweitägige Verhandlung

Der Prozess in Baden beginnt am Mittwoch um 8.30 Uhr. Am ersten Verhandlungstag werden die beschuldigte Mutter und die Parteivorträge dazu angehört.

Am Donnerstag schliesslich wird der Hauptbeschuldigte befragt und Verteidiger sowie Staatsanwaltschaft werden entsprechend plädieren. Wann die Urteile gefällt werden, wird während der Verhandlung bekanntgegeben.