Dem Badener Stadtrat stehe «ein Zermürbungskrieg» bevor, kommentiert Christian Dorer, Chefredaktor der  «Aargauer Zeitung». Die Stadt Baden habe einen Ammann, der entmachtet sei, aber weiterhin 260'000 Franken Jahressalär kassiere, während seine Stadtratskollegen nebenamtlich noch mehr Aufgaben wahrnehmen müssten. «Man muss kein Prophet sein, um festzustellen: Das kommt auf Dauer nicht gut.» (Lesen Sie den ganzen az-Kommentar hier).

Auch in den anderen grossen Schweizer Tageszeitungen war Geri Müllers Nicht-Rücktritt ein Kommentarthema.

Tage-Anzeiger: «Mensch Müller»

Der «Tages-Anzeiger» spricht in seinem Kommentar von Müllers Selbstüberschätzung:

«Müller überschätzt sich. Er ist nicht der tragische Held im Kampf gegen die rasende elektronische Erosion der Intimsphäre, zu dem ihn die" Weltwoche" krampfhaft machen möchte. Nein, Müller ist ein Mensch und ein Politiker, im Guten wie im Schlechten.»

Das jedoch schütze ihn als Politiker keineswegs: «Das Allzumenschliche allerdings hat im Leben eines Politikers keinen Platz. Schon gar nicht im Leben eines Politikers, der in der politischen Diaspora agiert. Als Grüner im konservativen Baden und im noch konservativeren Aargau darf man sich keine Blösse leisten.»

Südostschweiz: "Der Mut des Verzweifelten"

Die «Südostschweiz» sieht Müller selbst in der Verantwortung für seine jetzige Situation und sieht Parallelen zum Skandal um die Nacktfotos der Bundeshaussekretärin:

«Geri Müller ist vor allem eines anzulasten: dass er es so weit hat kommen lassen. Monatelang stand er unter dem Druck, jeden Moment mit einer Veröffentlichung rechnen zu müssen. Warum hat er diesen Schritt nicht selbst getan? Die Deutungshoheit wäre ihm weitgehend geblieben. Verschwörungstheorien wären nie entstanden. Und das Mediengetöse wäre nach kurzer Zeit verstummt. Nur etwas hätte er auch so nicht verhindern können: das Ende seiner Karriere als Stadtammann von Baden spätestens bei den nächsten Wahlen. Die von der NZZ geoutete «Porno-Sekretärin» hat ihren Job übrigens gleich verloren.»

Politologe Michael Hermann: «Neue Dynamik in der Affäre»

Politologe Michael Hermann war schon vor Müllers Ankündigung vm Dienstag der Meinung, dass Geri Müller wieder das Amt des Stadtammanns zurückkehren solle. In der Nachrichtensendung «10vor10» von SRF sagte er: «Die Affäre hat eine neue Qualität bekommen: Jetzt ist es nicht nur ein Präjudiz gegenüber den Medien, ob man solche Privatangelegenheiten öffentlich macht oder nicht. Es ist jetzt auch ein Präjudiz bezüglich des Verhaltens des Stadtrats.» Geri Müller sei vom Volk gewählt worden und er habe «nur ein sittliches Vergehen begangen». Seine Kollegen hätten ihn jetzt aufgrund dieses sittlichen Vergehens entmachtet. «Das hat jetzt eine neue Dynamik». Nun müsse Müller auch wieder ein Präjudiz schaffen und dem entgegenhalten, sagt Hermann.

St. Galler Tagblatt: "Ungerecht und unausweichlich"

Das «St. Galler Tagblatt» sieht zwar die Notwendigkeit des Schutzes der Privatsphäre, sieht Müller jedoch trotzdem in seiner politischen Integrität beeinträchtigt:

«Privates müsse privat bleiben. Das stimmt - gewährt Müller aber keinen Freipass und bringt ihn nicht um die Vertrauensfrage herum. Schliesslich hat auch er dazu beigetragen, dass Privates mit Öffentlichem vermischt wurde, und er hat sich nur allzu leichtfertig der Erpressbarkeit preisgegeben. Bleibt Müller unter diesen Umständen im Amt, ist er viel zu angreifbar. Darunter leidet nicht nur er, sondern ganz Baden.» Und weiter: «Die 200 bis 300 Menschen, die kürzlich für Müller demonstrierten, waren wohl Balsam für seine verletzte Seele, doch können sie ihm bei dem Gegenwind, er ihm weiterhin entgegenblasen wird, nicht ausreichend den Rücken stärken.»

«Blick»: «Es ist Zeit, zu gehen»

Für den Blick ist klar: Müllers Zeit ist abgelaufen: «Nun hat die Affäre eine neue Dimension: Müller hat bisher gesagt, er mache seinen Verbleib im Badener Stadtrat vom Vertrauen des Umfelds abhängig. Nun klammert er sich gegen den Willen seiner Regierungskollegen an sein Amt. Warum? Er will verhindern, dass 'Denunziantentum und Verletzung des Persönlichkeitsschutzes' in der Politik Schule machen. Müller gibt den Winkelried für die Privatsphäre. Das ist verständlich. Doch der Preis, eine Regierungskrise in Baden, ist zu hoch. Müller stellt seinen privaten Kampf über die Interessen seiner Stadt. Das geht alle etwas an. Für Müller ist es Zeit, zu gehen.»

Auch auf dem Kurznachrichtendienst Twitter sorgt Geri Müllers Ankündigung, im Amt verbleiben zu wollen, für Reaktionen – in der Mehrheit sind es zustimmende, so ein grober Überblick. Hier eine Auswahl:

Gerigate-Tweet von Denis Simonet

Gerigate-Tweet von Hopyy

Gerigate-Tweet von Peer Teuwsen

Gerigate-Tweet von Hansruedi Widmer

Gerigate-Tweet von Mark Balsiger

Auch in den Kommentarspalten auf www.aargauerzeitung.ch äussern sich zahlreiche Nutzer zur Affäre Geri Müller. Einige lassen es an Schalk nicht mangeln. 

Etwa Kommentarschreiber «Dr. Johnson»: «Stets zu haben für einen Knüller, Das war schon immer Geri Müller. Nun aber sag ich, dies mit Verdruss, Vorhang, Abgang, Theater zu und Schluss.»

Andere äussern sich differenzierter, wie Nutzer «Beat Bättig»: «Ich bedaure den Entscheid sehr, dass Hr. Müller im Amt bleiben will. Politisch gesehen ist er nun wirkungslos weil faktisch vom Stadtrat entmachtet. Damit wird Herr Müller zu einem Sesselkleber, wie viele vor ihm auch schon. Ich habe mir von ihm die Grösse gewünscht, vom Amt als Stadtammann zurückzutreten.»

Nutzer «Hugo Schmid» spricht für viele, wenn er Neuwahlen fordert: «Es gibt nur eine faire Lösung, damit Geri Müller wieder sein Gesicht zeigen kann: Stadtrats-Neuwahlen! Das Badener Volk soll entscheiden, ob er noch tragbar ist. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass er am Montag wieder antreten will. Ebenso wird er es im Nationalrat sehr schwer haben. Seine Würde hat er leider verloren.»

Wortmeldungen, wie jene von «Monika Ramuz», welche den Verbleib von Geri Müller im Amt fordern, finden sich jedoch nach einem groben Überblick deutlich in der Unterzahl: «Bravo Geri! Gratuliere Dir zum Entscheid zu bleiben und wünsche Dir viel Erfolg! Ich stehe politisch nicht auf der gleichen Wellenlänge, aber wie hier versucht wurde, jemanden mit anderer Meinung kalt zu stellen, ist unterste Schublade und der "lebensfrohen Stadt" unwürdig!» (tk/rhe)