Bezirksgericht Baden
Trotz Heirat führt er die Affäre weiter – bis die Geliebte mit schweren Vorwürfen zur Polizei geht

Gewichtige Anklagepunkte gegen einen 27-jährigen Kosovo-Albaner hatten vor dem Richter in Baden keinen Bestand.

Rosmarie Mehlin
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Das Bezirksgericht am Schulhausplatz Baden.

Das Bezirksgericht am Schulhausplatz Baden.

Walter Schwager

«Die Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft»: Worüber der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer vor fast 200 Jahren sinnierte, war dieser Tage ursächlich für eine Verhandlung vor Bezirksgericht Baden. Dort musste sich Jeton (alle Namen geändert) unter anderem wegen Freiheitsberaubung und mehrfache Nötigung verantworten. Dafür sollte der gebürtige Kosovo-Albaner laut Staatsanwalt für 11 Monate unbedingt hinter Gitter und anschliessend für 5 Jahre des Landes verwiesen werden.

Jeton erschien – während es draussen schneite – im kurzärmligen T-Shirt und mit einem bekannten Anwalt vor Gericht. Dass er eifersüchtig auf Nathalie war, stritt Jeton nicht ab; ob er Grund dazu hatte, blieb offen. So viel jedoch wurde klar: Guten Grund zur Eifersucht hätte die zwei Jahre ältere Nathalie gehabt. Jeton ist hier geboren und aufgewachsen. Eine Lehre als Pfleger hatte er abgebrochen. Seit Anfang des Monats hat er eine Festanstellung als Hilfsarbeiter und verdient 4800 Franken brutto. Ende 2012 waren er und Nathalie ein Paar geworden, dessen Himmel allerdings nur zeitweise voller Geigen hing.

Heirat hinderte ihn nicht an Beziehung

Mitte 2015 hatte er sich im Kosovo verlobt. Nach der Hochzeit war die Frau ihm im August 2016 hierher gefolgt. Inzwischen ist er Vater eines gut zweijährigen Buben und einer vier Monate alten Tochter. Die Heirat hatte Jeton nicht gehindert, die Beziehung zu Nathalie weiter zu pflegen. Und – wer weiss – vielleicht wäre das noch immer der Fall, wäre Nathalie nicht am 21. Dezember 2018 zur Polizei gelaufen. Dort zeigte sie ihren Geliebten wegen häuslicher Gewalt an: Für Jeton hätten sich regelmässig Hiebe auf Liebe gereimt. Nicht nur habe er sie immer wieder geschlagen, sondern auch mal mit dem Tod bedroht. Auf seinem Geheiss habe sie in ihrem Handy die Ortungsfunktion aktivieren und die Passwörter von Handy und Laptop herausgeben müssen. Kurzum – Jeton habe sie total überwacht.

Ohne Führerschein Handbremse gezogen

Davon, dass er in der Nacht zuvor in ihrer Wohnung nach einer Auseinandersetzung wegen ihrer angeblichen Männergeschichten ein Küchenmesser auf den Wohnzimmertisch gelegt, ihre Handys behändigt, die Wohnungstüre abgeschlossen, den Schlüssel einsteckte sowie ihr, als sie um Hilfe schreien wollte, den Mund zugehalten hatte – laut Gesetz also eindeutig Freiheitsberaubung begangen habe, verlor Nathalie bei der Polizei kein Wort. Dieses Vorkommnis schilderte sie erst neun Monate später gegenüber dem Untersuchungsrichter.

Jeton seinerseits hatte dies, wie fast alle übrigen Vorwürfe dort ebenso in Abrede gestellt, wie hier vor Einzelrichter Peter Rüegg. «Das stimmt nicht, nein, niemals» wiederholte Jeton immer und immer wieder, als Rüegg ihm für Punkt der Anklageschrift vorhielt. Auch den Vorwurf wies Jeton weit von sich, er habe im Frühling 2018 als Beifahrer in Nathalies Auto während der Fahrt die Handbremse gezogen, «obwohl er nicht über einen Führerausweis verfügte», was sich in der Anklageschrift als «Fahren ohne Berechtigung» niederschlug. Einzig den Vorhalt, zusammen mit Nathalie Marihuana und Kokain konsumiert zu haben, gab der Beschuldigte zu.

Äusserst diffuse Anklageschrift

Nathalie hat einen bereits schulpflichtigen Sohn aus einer früheren Beziehung, der bei ihren Eltern aufwächst. Diesen, besonders aber Nathalies Vater, war Nathalies Beziehung zu Jeton stets nicht nur ein Dorn, sondern ein Pfahl im Auge. Jetons Anwalt Urs Oswald schloss in seinem Plädoyer denn auch mitnichten aus, dass Nathalies Vater und nicht sie treibende Kraft für die Vorwürfe der Freiheitsberaubung war, «um den ungeliebten Schwiegersohn loszuwerden.» Oswald sezierte in der Folge die Anklageschrift dergestalt, dass zu guter Letzt kaum ein gesetzlich subsumierbarer, handfester Vorwurf übrig blieb.

Entsprechend kommentierte Richter Rüegg sein Urteil, in dem er Jeton nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» in allen Hauptpunkten freisprach: «Erwartungsgemäss hat der Verteidiger die insgesamt äusserst diffuse Anklageschrift nach Strich und Faden auseinandergenommen und das Gericht folgt seiner Argumentation.» So sei unter anderem überhaupt nicht klar, wozu der Beschuldigte die Geschädigte überhaupt genötigt haben soll. Vollends abstrus sei, wieso das «Ziehen der Handbremse während der Fahrt» ein «Fahren ohne Berechtigung» sein soll. Einzig schuldig der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes wurde Jeton zu einer Busse von 300 Franken verknurrt.

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