Baden
Trotz Hungerstreik bleibt es dabei: Asylsuchende müssen morgen raus

Trotz Hungerstreik bleibt es dabei: Der Kanton braucht das Haus Bruggerstrasse 157 für asylsuchende Frauen. Jetzt müssen die asylsuchenden Männer ausziehen und werden dabei an verschiedene Standorte im Kanton verteilt.

Roman Huber
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Die Asylsuchenden vom Haus Bruggerstrasse 157 blicken in eine ungewisse Zukunft. -rr-

Die Asylsuchenden vom Haus Bruggerstrasse 157 blicken in eine ungewisse Zukunft. -rr-

Wenn sie Deutsch sprechen, versteht man sie vereinzelt gut. Seit drei Jahren sind sie schon im Kappelerhof in derselben Unterkunft. Sie stammen aus Iran, Irak und Syrien und möchten hier eine bessere Zukunft aufbauen.

Einige von ihnen hätten von Zuhause fliehen müssen und könnten nicht mehr zur Familie zurück. Die neun Männer bezeichnen sich nun selber als «eine Art Familie».

Sie leben an der Bruggerstrasse 157, einem kleinen Haus im Kappelerhof, das die Stadt von einer privaten Eigentümerschaft gemietet und dem Kanton zur Bewirtschaftung überlassen hat.

Jetzt müssen sie ausziehen und werden dabei an verschiedene Standorte im Kanton verteilt: Wettingen, Rekingen, Wegenstetten etc. heissen die neuen Stationen. Die Konsternation steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Man versteht sich, und das nicht nur in der Sprache, man teilt die Probleme und arrangiert sich in diesem Männerhaushalt.

Das Einvernehmen mit den Nachbarn ist gut. «Wir wollen wirklich nicht negativ auffallen», hält einer von ihnen fest. Bei der Polizei sind sie unbeschriebene Blätter.

Das heisst: Das waren sie bis letzten Samstag, als sie mit einem Hungerstreik vor dem Stadthaus (wir berichteten) sie auf ihr Schicksal aufmerksam machen wollten. Sie hatten zuvor die Polizei um Erlaubnis gefragt.

Frauen haben Vorrang

Am Donnerstag wurde ihnen die Botschaft des Kantonalen Sozialdienstes (KSD) überbracht. Der KSD ist es, der nebst den kantonalen Asylunterkünften auch für die Gemeinden die Wohnplätze bewirtschaftet.

Neu werden asylsuchende Frauen aus Eritrea (mit Ausweis «B» – anerkannte Flüchtlinge) in diesem Haus untergebracht. «Das ist so. Bei der Unterbringung haben Frauen den Vorrang», erklärt der Gruppenleiter des KSD. Ausserdem müsse diese Umsiedlung vor Schulbeginn vollzogen werden, denn am andern Ort müsse Platz geschaffen werden, weil dort neue Kinder von Asylsuchenden eingeschult würden.

Die zehn Männer sind wegen der bevorstehenden Ausquartierung sehr verunsichert. Sie hätten sich zu einer gut funktionierenden Gruppe zusammengefunden, sagen sie. Sie seien friedlich und würden sich anständig benehmen.

Polizeichef Martin Zulauf bestätigt: «Wir hatten vor ihrem Sitzstreik noch nie mit ihnen zu tun.» Jetzt haben sie davor Angst, dass einzelne von ihnen in Asylunterkünften platziert würden, wo es Drogen und Gewalt gäbe.

Gespräch mit dem Stadtammann

Stadtammann Geri Müller kam dem Wunsch der Gruppe nach und empfing sie gestern Nachmittag, zusammen mit Polizeichef Zulauf und dem KSD-Gruppenleiter im Amtshimmel. «Wir möchten zusammenbleiben», sagten die Asylsuchenden, zwei davon mit Ausweis «F» (vorläufig aufgenommen) nochmals und ersuchten den Stadtammann um Hilfe.

Geri Müller zeigte zwar Verständnis für ihre Situation. Er machte jedoch klar, dass die Stadt ebenso wenig Einfluss auf die Zuteilung der Asylsuchenden durch Bund und Kanton habe wie auf die schleppende Behandlung ihrer Gesuche.

Er machte ihnen auch klar, dass er im vorliegenden Fall keine anderen Möglichkeiten sähe. Müller bot aber seine Hilfe an, wenn sie sich trotz der Aufsplitterung vernetzen möchten, um in Kontakt zu bleiben, falls sie wieder zusammenfinden wollten, wenn sich ihr Status ändern würde.

Die neun Asylsuchenden zeigten sich enttäuscht, dass man ihnen nicht helfen konnte. Dies versuchte ihnen jedoch Geri Müller anhand des schweizerischen Systems und der verschärften Gesetzessituation zu erklären.

Ob sie nochmals in Hungerstreik treten wollten oder gar etwa Widerstand gegen die Ausquartierung leisten wollten, wussten die zehn Männer gestern noch nicht. Doch Geri Müller hatte ihnen klargemacht: «Widerstand könnte für jeden Einzelnen negative Konsequenzen haben.»

Auf engem Raum untergebracht

An der Bruggerstrasse 157 wohnen die neun Personen für Asylverhältnisse zwar gut, aber nicht im Luxus. In den beiden knapp 16 Quadratmeter grossen Schlafzimmern stehen je vier Kajütenbetten, im Kinderzimmer liegen zwei Matratzen auf dem Boden.

Einige der Männer haben Integrationsprogramme absolviert. Gerne würden sie irgendwo arbeiten, doch mit Ausweis F gibt es keinen Job. Ein Iraner stand bei einem Gerüstbauer fast schon unter Vertrag, doch es gab keine Bewilligung.