Baden
Trotz Petition: Historisches Haus abgebrochen – was bleibt von der Villa Schnebli?

1909 liess Biscuit-Fabrikant Ernst Schnebli sein Wohnhaus an der Haselstrasse in Baden bauen. Trotz Petition ist das Haus an der Badener Haselstrasse jetzt weg. Der Stadtrat will in Zukunft andere Lösungen bevorzugen.

Andreas Fahrländer
Merken
Drucken
Teilen
Neben dem Kulturhaus Royal klafft jetzt eine Lücke Die Villa Schnebli musste einer Zufahrt weichen.

Neben dem Kulturhaus Royal klafft jetzt eine Lücke Die Villa Schnebli musste einer Zufahrt weichen.

Alex Spichale

Die Villa Schnebli gibt es nicht mehr. Das grossbürgerliche Haus der Biscuit-Dynastie Schnebli an der Badener Haselstrasse ist in den letzten zwei Wochen abgerissen worden. Zuerst deckten die Arbeiter das Ziegeldach ab, dann wurde das Haus aus dem Jahr 1909 entkernt, und schliesslich fielen auch die dicken Bruchsteinmauern.

Jetzt klafft eine Lücke neben dem Kulturhaus Royal. Es entstehen eine Baustellenzufahrt und später eine Anlieferungszone zur geplanten Shopping-Mall im umgebauten Postareal. Die Bauherrin Zuriba AG spricht dabei von einem neuen «adäquaten Aussenraum» für die Öffentlichkeit.

Eine Petition auf der Onlineplattform petitio.ch, die sich gegen den Abriss wehrte, erreichte innerhalb nur eines Tages die nötigen 200 Unterschriften. Bis am Freitag haben 517 Personen unterschrieben.

Die Petition wurde frühzeitig an den Badener Stadtrat geschickt, der auch prompt antwortete. Für die Villa Schnebli ist es zwar endgültig zu spät, aber die Beteiligten wollen für die Zukunft ihre Lehren daraus ziehen. In seiner Antwort erläutert der Stadtrat noch einmal die Ausgangslage. Gegen den Abbruch wollte demnach der Aargauer Heimatschutz ursprünglich Einsprache erheben. Dem Heimatschutz (der als privater Verein nicht mit der kantonalen Denkmalpflege zu verwechseln ist) seien die Gründe für den Abbruch erläutert worden. Der Verein verzichtete in der Folge auf eine Beschwerde.

Die städtische Abteilung Planung und Bau wiederum hält fest, die Villa Schnebli sei «trotz ihrer interessanten Geschichte kein Schutzobjekt» gewesen. In der Interessenabwägung zum Baugesuch habe man festgestellt, dass die Villa Schnebli dem Royal «sehr nahe steht» und «den prominenten Bau bedrängt». In ihrer Argumentation folgt die Abteilung genau der Wortwahl der Zuriba: «Mit dem Abbruch der Villa und der Neugestaltung einer Freifläche wird das Kino Royal freigespielt und die markante städtebauliche Ecksituation aufgewertet.» Der Abbruch der Villa sei deshalb vertretbar.

Die Villa Schnebli neben dem «Royal»: 2017 und 1925 – mit dem Festumzug zur Aargauischen Gewebeausstellung.       

Die Villa Schnebli neben dem «Royal»: 2017 und 1925 – mit dem Festumzug zur Aargauischen Gewebeausstellung.       

Fotomontage/Historisches Museum Baden, Fotohaus Zipser

Es seien dem Stadtrat nach dem Einreichen der Petition keine neuen Erkenntnisse vorgelegen, deshalb habe man an der Baubewilligung und am Abriss festgehalten. Dem Stadtrat sei aber bewusst, dass der Abbruch historischer Bausubstanz einen Verlust von Identität darstelle. Wenn möglich seien deshalb in Zukunft «Lösungen, die einen langfristigen Erhalt wertvoller baukultureller Struktur sicherstellen, zu bevorzugen». Das Anliegen der Petitionäre sei nachvollziehbar und verständlich.

«Mehr Nachdenklichkeit gewünscht»

Frank-Alexander Thoma, einer der Initianten der Petition, sagt zur Antwort des Stadtrats: «Rechtlich ist die Reaktion der Stadt Baden korrekt. Ich hätte mir aber etwas mehr Nachdenklichkeit gewünscht.» Besonders reibe er sich an der Darstellung, dass mit dem Abbruch der Villa Schnebli der Kultureinrichtung Royal etwas «Gutes» getan wurde: «Es ist und bleibt Fakt, der Abbruch erfolgte aus rein wirtschaftlichen Gründen für die Anlieferung zum neuen Postareal.»

Damian Brunner, der die Petition zusammen mit Thoma lanciert hat, sagt: «Ich bin froh, wurde die Petition vom Stadtrat ernstgenommen.» Auch wenn es der Villa Schnebli nichts mehr genützt hat, hoffe er, dass in Zukunft in solchen Fällen früher reagiert wird. «Es sollte ja nicht sein, dass die Grossinvestoren entscheiden können, was in der Stadt neu gebaut wird», sagt Brunner. «Schliesslich geht es um die Identität von Baden.» Und diese gebaute Identität sei sehr wertvoll. Das höre er immer wieder, etwa wenn er Freunde aus Deutschland zu Besuch hat: «In Deutschland trauert man den alten Gebäuden nach, die im Krieg zerstört wurden. Bei uns werden bis heute wertvolle Altbauten abgerissen, die dann im Stadtbild fehlen.»

Brunner sagt, er möchte sich auch weiterhin einbringen, etwa an der Informationsveranstaltung der Stadt am 6. Juni. Dann werden der Öffentlichkeit die Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung zur Weiterentwicklung der Stadt Baden präsentiert. In seinen Erwägungen zur Petition schreibt der Stadtrat, er nehme das Anliegen eines aktiven Dialogs mit der Bevölkerung ernst.

«Das klingt für mich ein wenig nach einem Standardsatz», sagt Brunner. «Ich bin gespannt, wie der Dialog dann konkret aussieht.» Er wünsche sich, dass man die Augen offenhält und in Zukunft in der Stadt Baden lieber zweimal prüft, ob es einen Neubau braucht – oder ob man bestehende Gebäude nicht sanieren und erhalten kann.

Historische Bilder vom Kino Royal und dem Postareal:

Das Kino Royal 1948 Das älteste Kino im Aargau baute 1912 der Badener Architekt Arthur Betschon als Kino Radium, ab 1935 hiess es Royal. Rechts die Villa Schnebli.
25 Bilder
Das Royal heute Fast im letzten Moment konnte das "Royal" 2017 vor dem Abriss bewahrt werden.
Die Villa Schnebli muss weichen 1909 liess Biscuit-Fabrikant Ernst Schnebli das Haus für sich und seine Familie an der Haselstrasse bauen. Jetzt wird es abgebrochen, um Platz zu schaffen für die Baustellenzufahrt des Postareals.
Villa Schnebli Vergangener Glanz: Die Eingangstür zur Villa Schnebli an der Haselstrasse. Im Fenster spiegelt sich die Synagoge, die fast zeitgleich erbaut wurde.
Die Synagoge an der Parkstrasse Die Synagoge wurde 1912 von den Badener Architekten Dorer & Füchslin für die Israelitische Kultusgemeinde erbaut.
Die Villa Schnebli 1945 In dieser Zeit war das Haus im Besitz der Kohlen- und Mineralwasserhandlung Schneider & Haenggli.
Hotel Du Parc Das alte Hotel Du Parc an der Ecke Hasel-/Bahnhofstrasse (damals noch ungepflastert) wurde um das Jahr 1900 im Jugendstil erbaut.
Hotel Du Parc Die meisten Jugendstil-Ornamente und die Veranden sind später verschwunden.
Jugendstil im Du Parc Auch die Jugendstil-Gaststube (hier im Jahr 1903) ist längst verschwunden.
Autounfall auf der Haselstrasse Vor dem Kino Radium gab es 1929 einen Autounfall. Im Hintergrund die Synagoge.
Gewerbeausstellung 1925 Über die Bahnhofstrasse ging 1925 der Umzug zur grossen Aargauischen Gewerbeausstellung, hier vor dem Hotel Du Parc.
Gewerbeausstellung 1925 Der Umzug vor dem Cinema Radium und der Villa Schnebli.
Restaurant Berna An der Stelle der heutigen Hauptpost am Bahnhofplatz stand bis 1929 das Chalet-Restaurant Berna aus dem Jahr 1880.
Das Chalet Berna Das Chalet-Restaurant Berna am Bahnhofplatz wurde im typischen Schweizer Heimatstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts erbaut.
Die Hauptpost von Karl Moser aus dem Jahr 1930 Das Postgebäude plante der Badener "Stararchitekt" Karl Moser als Eisenbetonbau im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Die Hauptpost im Rohbau Die Eisenbetonkonstruktion war 1930 hochmodern.
Blick vom Dach der Post Karl Moser wollte ein Flachdach, die Badener ein Schrägdach: Moser musste einen Kompromiss eingehen. Im Hintergrund der Kohleschuppen der Firma Schneider & Haenggli.
Blick vom Dach der Post auf die Ruine Stein und das Belvédère In der Mitte der Hauptpost befand sich ein Lichtschacht. Er wurde später zugemauert, um Platz zu schaffen für die rasant wachsenden Telefonanlagen.
Der Neubau von Haefeli Moser Steiger Das renommierte Zürcher Architekturbüro plante 1974 den Erweiterungsbau für die Post, in neo-brutalistischer Betonbauweise.
Das Postareal heute Das Postareal ist heute im Besitz der Immobilienfirma Zuriba AG aus Möhlin, die es zu einer Shopping-Mall umbaut.
Das Postareal heute Das Aussehen von Karl Mosers Hauptpost von 1930 wurde in den Siebzigerjahren schon stark verändert. Ursprünglich wollte die Zuriba auch sie abbrechen.
Futuristische Pläne in den 50ern In den 1950er-Jahren gab es schon Vorstudien für eine komplette Neubebauung der Bahnhofstrasse. Sie wurden so nie realisiert.
Motor Columbus Fast die ganze Bebauung an der Parkstrasse stammt aus der Zeit kurz nach 1900. Den Hauptsitz der Motor Columbus AG von 1905 entwarf, wie die meisten Häuser hier, der Architekt Arthur Betschon.
NOK, heute Axpo Der Hauptsitz der Axpo, früher Nordostschweizerische Kraftwerke AG, auf dem Nachbargrundstück an der Parkstrasse wurde 1914 von Otto und Werner Pfister gebaut.
Kursaal-Kasino Der Badener Kursaal wurde 1875 nach Plänen von Karl Mosers Vater Robert Moser im Kurpark an der Parkstrasse erbaut.

Das Kino Royal 1948 Das älteste Kino im Aargau baute 1912 der Badener Architekt Arthur Betschon als Kino Radium, ab 1935 hiess es Royal. Rechts die Villa Schnebli.

Historisches Museum Baden, Werner Nefflen, Q.01.4643C