Morgen Freitagabend wird auf den Badener Strassen ein Ausnahmezustand herrschen. Martin Brönnimann, Chef der Stadtpolizei, erklärt: «Es kommt kurzzeitig zu Strassensperrungen, ein grösserer Fahrzeugkonvoi wird durch die Stadt fahren. Anordnungen der Polizei und der Verkehrsdienste sind unbedingt zu befolgen.»

Die Polizei schreibt in ihrer Mitteilung von einer «besonderen Ausgangslage», nennt aber den Grund nicht. Das Badener Tagblatt weiss: Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu (55) wird ab 19.00 Uhr im Kongress- und Businesszentrum Trafo eine Rede halten.

Kaum einem europäischen Politiker galten in den letzten zwei Wochen so viele Schlagzeilen wie Davutoglu. Wenige Tage nachdem er in Paris am Protestmarsch gegen den Terroranschlag auf das Satire-Magazin «Charlie Hebdo» teilgenommen hatte, kritisierte er scharf den Nachdruck der Mohammed-Karikaturen, bezeichnete sie als gezielte Provokation. «Die Pressefreiheit bedeutet nicht die Freiheit zur Beleidigung», sagte er. «In diesem Land erlauben wir keine Beleidigung des heiligen Propheten. Das ist eine sehr klare und grundsätzliche Haltung.»

Einen Tag zuvor hatte die regierungskritische Tageszeitung «Cumhuriyet» einige der «Charlie Hebdo»-Karikaturen gedruckt. Gegen die Zeitung ermittelte danach die Staatsanwaltschaft. «Türkei hetzt gegen Journalisten», titelte die «Neue Zürcher Zeitung» in diesem Zusammenhang.

In die Schlagzeilen geriet Davutoglu ausserdem, weil er gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit schwerem verbalem Geschütz auffuhr. «Wie die Terroristen, die die Massaker in Paris verübt haben, hat Netanjahu Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt an der Spitze einer Regierung, die Kinder massakriert hat, die am Strand von Gaza spielten», sagte Davutoglu mit Blick auf die israelische Militäroffensive gegen die Hamas im Gazastreifen im Sommer, bei der fast 2200 Palästinenser getötet worden waren.

Diese Woche nun hält sich Davutoglu in der Schweiz auf. Zuerst reist er nach Davos ans Weltwirtschaftsforum, ehe er am Freitagabend ab 19 Uhr im Trafo eine Rede halten wird. Zum Anlass lädt die «Union of European Turkish Democrats – Switzerland» (UETD) ein. Die UETD unterstützt die Regierungspartei AKP, der neben Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan auch Ministerpräsident Davutoglu angehört. Warum spricht er ausgerechnet in Baden? Die UETD erklärt: «Der Anlass wurde recht kurzfristig organisiert. Wir sind froh, in den Trafo-Hallen eine geeignete Lokalität gefunden zu haben. Der Anlass ist öffentlich und gratis, allerdings sind alle Eintrittskarten schon vergeben.»

Reto Leder, Leiter Sales und Marketing des Trafo, sagt: «Wir erwarten am Freitag 1500 bis 2000 Besucher. Es finden im Trafo gleich mehrere Anlässe statt, neben dem Grossevent auch das Konzert des Argovia Philharmonic und ein ‹Dinner-Krimi›.» Er empfiehlt allen Trafo-Gästen – auch den Kino- und Fitnesscenter-Besuchern –, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen oder in umliegenden Parkhäusern zu parkieren.»

Vergangene Woche hielt Davutoglu bereits einen Vortrag in Berlin. Die Boulevardzeitung «Bild» berichtete über den «irren Auftritt des Türken-Premiers»: «Aus ganz Deutschland wurden die ‹Fans› des Premiers mit Bussen nach Berlin gekarrt, um dem Regierungschef eine eindrucksvolle Kulisse zu bieten. Bescheiden-fröhlich tapst der Premier auf die Bühne, winkt brav, als wäre ihm der bombastische Empfang fast peinlich.»

Davutoglu sprach gemäss der Zeitung von der «neuen Türkei», deren Flagge – wie einst das Osmanische Reich – auf dem Balkan und im Nahen Osten geehrt und gefürchtet werde. Diese Türkei sei wieder eine wirtschaftliche Grossmacht. Und Davutoglu versprach: «Die Türkei wird bis zum Jahr 2023 eine Weltmacht sein!»