«Bilder sagen mehr als tausend Worte» zitierte der Staatsanwalt und illustrierte sein Plädoyer mit der Projektion eines Videos. Es war in den frühen Morgenstunden des 16. Februar vergangenen Jahres vor dem Club «Löschwasserbecken» in Baden aufgenommen worden.

Etwas schemenhaft sind darauf junge Menschen zu sehen, darunter ein sichtlich stark alkoholisierter Bursche und mittendrin ein Hüne von einem Mann. Dieser, nennen wir ihn Victor (alle Namen geändert), sass am Mittwoch – beschuldigt der versuchten schweren Körperverletzung und der falschen Anschuldigung – vor dem Bezirksgericht Baden.

Auseinandersetzung auf Video

In dem Video liegt einer der jungen Männer plötzlich auf dem Boden. Was geschehen war, konnte man beim einmaligen Betrachten der Aufnahmen nicht erkennen. Die Anklageschrift brachte Klarheit. Als Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma hatte Victor den betrunkenen Burschen aus dem Club gewiesen. «Draussen wurde ich dann von mehreren Leuten beleidigt, bedroht und geschubst», so Victor.

Einer der jungen Männer habe zu ihm dann «ich stech dich ab» gesagt. «Weil ich glaubte, ein Messer in seiner Hand gesehen zu haben, fühlte ich mein Leben bedroht und habe zu meinem Schutz so reagiert.» Was Victor mit «so reagiert» konkret meint: Der 1,90 Meter grosse und über 90 Kilo schwere Mann streckte den 20 Zentimeter kleineren, 25-jährigen Yannick mit einem geschwungenen Fusstritt an dessen linke Kopfseite nieder. Yannick knallte rücklings auf den Asphalt und erlitt eine Riss-Quetsch-Wunde, eine Schädelfraktur und eine Hirnblutung.

EM-Titel im Sanda Boxen

Inzwischen ist der junge Robotertechniker Gott sei Dank wieder vollständig genesen. So war Victor «nur» der versuchten schweren Körperverletzung angeklagt. Den Vorwurf der falschen Anschuldigung hatte er sich wegen der Behauptung, Yannick habe ihn bedroht, eingehandelt.

Der Vater von drei kleinen Kindern hat einen guten Job als Handwerker. Seit 12 Jahren arbeitet er nebenbei als Türsteher. Er habe eine entsprechende Ausbildung und auch Weiterbildungen gemacht. Der 30-jährige Victor hatte früher intensiv Kampfsport betrieben und war vor zehn Jahren Europameister seiner Klasse im Sanda Boxen – auch chinesisches Boxen genannt. Vor Gericht bedauerte Victor sehr, was er getan hatte: «Im Nachhinein tut es mir extrem leid, aber damals hatte mich im Recht gefühlt, denn in meinen Augen war Yannick kurz vor einem Angriff und ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit. Überdies habe ich, nach entsprechenden Erlebnissen von Kollegen, panische Angst vor Messern.»

Ein Mehrheitsurteil

Dass Victor Notwehr geltend mache, sei eine reine Schutzbehauptung, so der Staatsanwalt. Er forderte für den Mann eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, davon ein Jahr unbedingt. Der Fusstritt sei eine reine Kurzschluss-Reaktion gewesen, «mit Kraft und höchster Präzision durchgeführt».

Die Verteidigerin plädierte derweil auf Freispruch – Victor habe sich, da er in der aufgeheizten Atmosphäre vor dem Club von einem Angriff ausgegangen sei, wehren müssen. Es sei auch nicht bewiesen, dass er mit dem Fuss gegen Yannicks Kopf und nicht gegen dessen Schulter gezielt habe.

Das Gericht sprach Victor einstimmig schuldig der versuchten schweren Körperverletzung – und ebenso einstimmig frei vom Vorwurf der falschen Anschuldigung. Eine Mehrheit der Bezirksrichter verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft bedingt; eine Minderheit hatte sich für zweieinhalb Jahre, davon sechs Monate unbedingt, ausgesprochen.

Lesen Sie hier den Kommentar zur aktuellen Aargauer Regelung zu den Bewilligungen für Sicherheitsdienste.