Prozess in Baden
Twint-Betrügerin legt Freunde und Bekannte rein – nun erhält sie die Quittung samt Landesverweis

Erstaunlich einfach gelang es einer jungen Brasilianerin, eine Reihe von Personen um viel Geld zu erleichtern. Nach dem Urteil des Bezirksgerichts Baden bekommt sie die Härte des Gesetzes zu spüren.

Philipp Zimmermann
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Nicht solche Kleinbeträge, sondern Tausende Franken überwies sich die Beschuldigte von fremden Konten auf das eigene. (Symbolbild)

Nicht solche Kleinbeträge, sondern Tausende Franken überwies sich die Beschuldigte von fremden Konten auf das eigene. (Symbolbild)

Christian Beutler/ Keystone

Hochschwanger betrat Cynthia (Name geändert) den Saal des Bezirksgerichts Baden. In wenigen Wochen erwartet die fast 24-jährige Brasilianerin ihr erstes Kind. Doch ob sie auch in der Schweiz bleiben darf und ihr Kind hier wird aufziehen können, das war vor der Verhandlung die grosse Frage.

Denn Cynthia war angeklagt wegen gewerbsmässigen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage, gewerbsmässigen Betrugs und qualifizierter Geldwäscherei. Der Staatsanwalt forderte nicht nur eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren, von der sie 1,5 Jahre abzusitzen habe, sondern auch einen obligatorischen Landesverweis von 10 Jahren.

Cynthia, einen Teil der schwarzen gelockten Haare zu einem Rossschwanz hochgesteckt und bis auf die weissen Schuhe ganz in Schwarz gekleidet, hatte gemäss Anklage zwischen August 2018 und Februar 2019 rund 20 Personen und Firmen um rund 47'000 Franken erleichtert, rund 40'000 Franken via Bezahlapp Twint. Die meisten Opfer waren Freunde oder Bekannte, teilweise aus der Region Baden.

Betrug auch von Brasilien aus

Cynthia ging dabei meist folgendermassen vor: Unter dem Vorwand, Schulden via Twint zurückzahlen zu wollen, erhielt sie von den Opfern die nötigen Kontoangaben, um einen Twint-Account auf deren Namen zu eröffnen. Sodann überwies sie mit ihrem eigenen Handy Gelder auf ihr eigenes oder auf ein Konto von Bekannten. Diese zahlten es ihr in gutem Glauben bar aus oder überwiesen es ihr, als sie sich ferienhalber in Brasilien aufhielt.

Einen Mann nahm sie sogar dann noch aus, als dieser Cynthia mit dem Geldbezug konfrontierte. Die Brasilianerin versprach nun, die Schulden zurückzuzahlen, doch stattdessen überwies sie sich munter weiter Geld. Als er sein Konto sperren liess, brachte sie ihn sogar dazu, einen via SMS verschickten Verifizierungscode weiterzuleiten, mit dem sie wieder Zugriff auf sein Konto erhielt – und ihn prompt um noch mehr Geld erleichterte. Fast 8100 Franken nahm sie allein diesem Bekannten während rund 50 Tagen ab.

Beschuldigte lieferte «hollywoodreife Show»

Cynthia verstand es offenbar, ihre Opfer mit allerhand Lügengeschichten, Vertröstungen und Versprechen zu beruhigen. «Mit Schlauheit und Raffinesse» sei sie vorgegangen, sagte der Staatsanwalt. Mit Verweis auf den seitenlangen Chat mit einem der Opfer sprach er von einer «hollywoodreifen Show», die sie da abgezogen habe.

Auch bei Online-Shops schlug sie zu: So bestellte sie Kleider, Parfum oder Schmuck unter Angabe falscher Namen und E-Mail-Adressen. Die Lieferungen erfolgten an unterschiedliche Adressen. Cynthia wechselte in diesen Monaten einige Male ihren Wohnort. Wobei sie auch Personen betrog, die ihr Unterschlupf gewährten.

Zu einem Vorwurf sagte sie:

Anfangs hatte ich kein schlechtes Gewissen. Ich habe nur an mich gedacht, ehrlich gesagt.

142 Tage sass Cynthia in Untersuchungshaft. «Ich bereue mega, was ich gemacht habe», sagte sie. Ihre Verteidigerin, die 24 Monate bedingt forderte, argumentierte gegen den drohenden Landesverweis, indem sie von einem Härtefall sprach und auf das «enge Verhältnis» mit der in der Schweiz lebenden Mutter verwies: «Das Heimatland der Beschuldigten ist die Schweiz.»

Schulzeit in Schweiz absolviert

Im Dezember 2004, als Siebenjährige, war sie mit der Mutter in die Schweiz gekommen. Hier hat sie die obligatorische Schulzeit absolviert. Eine Ausbildung kann sie nicht vorweisen; die KV-Lehre brach sie nach einem Jahr ab. Danach hat sie nie gearbeitet, einzig ein Praktikum in der Pflege absolviert. Dort würde sie auch gerne in Zukunft arbeiten. Bewerbungen wollte sie nach der Geburt schreiben. Klappen werde es, «weil ich es jetzt wirklich will», sagt sie. «Ich habe mich wirklich geändert.» In Brasilien hat sie nur wenig Verwandte:

Ich habe dort eigentlich gar nichts.

Was gegen sie sprach: Auch nach der Untersuchungshaft blieb sie nicht gesetzestreu. Wegen Kreditkartenmissbrauchs wurde sie im Dezember 2019 zu einer Geldstrafe verurteilt. Trotz der Beteuerungen hatte das Gericht unter dem Vorsitz von Präsidentin Gabriella Fehr denn auch grosse Zweifel, ob Cynthia ihren Wunsch nach einem neuen Leben wird umsetzen können. Es verurteilte die fast 24-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren, wovon sie 18 Monate im Gefängnis absitzen muss. Die anderen 18 Monate werden bei einer Probezeit von 4 Jahren bedingt ausgesprochen.

Auch den Landesverweis von 10 Jahren sprach das Gericht aus; er gilt für den Schengen-Raum. Das Gericht gewichtete bei der Einzelfallbeurteilung das öffentliche Interesse höher als das private von Cynthia. Auch weil sie es nicht geschafft hat, sich in finanzieller und beruflicher Hinsicht zu integrieren.

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