November 1918
Über 3000 Menschen legten ihre Arbeit nieder: Baden war Hauptschauplatz des Landesstreiks im Aargau

Andreas Fahrländer
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Der Dragonerzug vor dem alten Schulhaus (heute Kantonspolizei) am Ländliweg.

Der Dragonerzug vor dem alten Schulhaus (heute Kantonspolizei) am Ländliweg.

Historisches Museum Baden

Endlich Frieden! Europa und die Welt haben im November 1918 gerade den schlimmsten Krieg aller Zeiten hinter sich. Dass dieser Friede anhalten wird, ist aber alles andere als klar. Am 11. November, am Tag des Waffenstillstands von Compiègne, titelt das Badener Tagblatt nüchtern: «Die Waffenstillstands-Bedingungen.» Das Wort Friede kommt nicht vor. Nicht zuletzt hängt das wohl mit dem drohenden Generalstreik in der Schweiz zusammen. Und der liegt auch in Baden in der Luft. In den hiesigen Betrieben ist schon an den Tagen zuvor gestreikt worden. Die Samstagsausgabe des BT vom 9. November 1918 kann wegen des ersten Proteststreiks nicht gedruckt werden.

Und dann kommt der Landesstreik – kurz, aber heftig. In Baden, dem wichtigsten Industriestandort im Aargau, legen gut 3350 Arbeiter ihre Arbeit nieder. Vor den Toren der Brown, Boveri & Cie. kommt es zu einer Schlägerei zwischen Arbeitswilligen und Streikenden, die mit einigen blauen Augen und diversen zerbrochenen Regenschirmen endet. Bestreikt werden nicht nur die BBC, sondern auch die Firmen Merker, Oederlin und die Parkettfabrik Cioccarelli & Link. Weil sich die christlichsoziale Metallarbeitergewerkschaft aber gegen den Streik stellt, gehen trotzdem zahlreiche Arbeiter ihrer Arbeit nach.

Dragoner in der Stadt

In einem vertraulichen Bericht des Badener Gemeinderats (damals gibt es noch keinen «Stadtrat») an den «hohen aargauischen Regierungsrat» sind die Ereignisse nachzulesen. Der Badener Historiker und Landesstreik-Experte Willi Gautschi publizierte den bis dahin unbekannten Bericht 1984 in einem Separatdruck zu den «Badener Neujahrsblättern». Einen besonderen Eindruck machen demnach die berittenen Truppen, die während der Streiktage Baden besetzen. Ein Dragonerzug der Schwadron 22, kommandiert vom Badener Hoteliersohn und Leutnant Paul Borsinger (im Bild an der Spitze) reitet am 12. November von Brugg her in die Stadt. Es folgen schwer bewaffnete Infanterie, Mitrailleure und weitere Kavallerie. Insgesamt sind bald 300 bis 400 Mann in Baden stationiert. Die Dragoner, die in der Reithalle der Familie Boveri Quartier beziehen, haben den Befehl, sich nur für den Notfall bereitzuhalten und sich ansonsten in der Stadt nicht zu zeigen. Man will nicht provozieren.

Am zweiten Streiktag lässt der Badener Gemeinderat einen Aufruf verteilen. Darin heisst es, Besonnenheit sei in diesen Tagen oberste Pflicht. Die Truppen seien allein zur Aufrechterhaltung der Ordnung und «ausdrücklich nicht zu politischen Zwecken» in der Stadt. In der Nacht auf den 14. November marschieren dann rund 120 Arbeiter zu Fuss in kleinen Gruppen von Zürich nach Baden, um hier den Streik zu unterstützen. Sie werden verhaftet und für einige Stunden interniert: im Turnlokal unter der Sebastianskapelle und im Tanzsaal des «Roten Turms». SP-Grossrat und Lehrer Karl Killer (später Stadtammann, National- und Ständerat) warnt zusammen mit den anderen sozialdemokratischen Badener Grossräten den Regierunsgrat in einem Telegramm, mit der Verhaftung den Aufruhr unter den Arbeitern nur zu vergrössern. Die Unterstützer seien unbewaffnet «und ohne Mordzeug» nach Baden gekommen.

Am Morgen eine warme Suppe

Die Justizdirektion in Aarau lässt später – gestützt auf den vertraulichen Bericht des Gemeinderats – ausrichten, es sei bei der Verhaftung alles mit rechten Dingen zugegangen und man habe bei den Streikenden «2 Schläuche, 1 Kabel und einen Totschläger (Schlagring) konfisziert». Ausserdem wurden «im Gang des Stadthauses in Baden, hinter einem Heizkörper, noch ein geladener Revolver und ein Bund Flugblätter gefunden, welche Zürcher Leute dort versteckt haben dürften». Die Stimmung unter den Internierten bleibt indessen fröhlich. Im Saal des «Roten Turms» wird getanzt und gesungen. Die Verhafteten bekommen eine warme Suppe, bevor sie am Morgen des 14. November um 8 Uhr entlassen werden.

Nach nur drei Tagen ist der Spuk im ganzen Land vorbei. «Nach vollständig ruhigem Vormittag und nachdem der Streikabbruch bekannt war», rücken die Truppen aus Baden ab. Die langfristigen Folgen des Streiks wirken bis heute nach: Eine bessere Stellung der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften, die Einführung der 48-Stunden-Woche und die spätere Schaffung der AHV.