Baden/Wettingen
«Um aufzubrechen, müssen wir die kirchenfernen Leute gewinnen»

Mit dem Thema «Aufbrechen - Kirche neu denken» hat die Erwachsenenbildung den Nerv der Zeit getroffen. Über 580 Personen haben einen der fünf Vorträge oder das Podiumsgespräch besucht.

Dieter Minder
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«Aufbrechen - Kirche neu denken» war das Thema der Erwachsenenbildung.

«Aufbrechen - Kirche neu denken» war das Thema der Erwachsenenbildung.

Alex Spichale

«Allein schon der Besucheraufmarsch zeigt, dass unsere Bildungsreihe auf Interesse stiess und somit ein Erfolg war», sagt ein sichtlich begeisterter Hans Senn. Über 580 Personen haben einen der fünf Vorträge oder das Podiumsgespräch unter dem Titel «Aufbrechen – Kirche neu denken» besucht.

«Pater Martin Werlen, der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln, war unser Publikumsmagnet», sagt Heinz Bürgler. Senn und Bürgler gehören zum Leitungsteam der katholischen Erwachsenenbildung Wettingen.

Das Thema «Aufbrechen – Kirche neu denken» hatten sie für die Veranstaltungsreihe gewählt, weil die römisch-katholische Kirche der Region vor einem Aufbruch steht: Die Pfarreien sollen im Pastoralraum Aargau-Limmattal zusammengeführt werden. Dass die Vortragsreihe gut besucht worden war, hatten auch die Referenten positiv zur Kenntnis genommen. Enttäuscht waren sie, dass die Leiter des künftigen Pastoralraumes nicht gekommen waren.

Aus dem Gleichgewicht geraten

«Um aufzubrechen, müssen wir auch die kirchenferneren Leute wieder gewinnen», sagt Senn. «Das sind rund 70 Prozent der eingeschriebenen Kirchgemeindemitglieder.» Als Beispiel erwähnt er die Kirchgemeindeversammlung von Wettingen.

Nur rund zwei Prozent der 7000 Katholiken hätten daran teilgenommen. Viele der Abwesenden fühlten sich durch die heutige Kirche nicht mehr angesprochen. «Hier ist einiges aus dem Gleichgewicht gekommen», stellt Senn fest.

Dabei könne die Kirche von diesen Leuten sehr viel lernen. «Dazu muss die Kirche einen Dialog zulassen», sagt Bürgler. Gerade hier liege vieles im Argen, zu stark sei die Kirche im Hierarchiedenken verankert. Und deshalb, so Bürgler, besteht die Gefahr, dass die Leute resignieren und sich abwenden.

In seinem Vortrag prophezeite der ehemalige Bischof Renold Blank aus Sao Paolo in Brasilien: «Wenn die Kirche so weiter macht wie heute, wird es sie in 30 Jahren nicht mehr geben.» Er meinte damit vor allem den mangelnden Dialog mit den Gläubigen. Zu sehr sei die Kirche auf die Bewahrung der Strukturen ausgerichtet.

Ein Aufbrechen war die Themenserie auch für die katholische Erwachsenenbildung Wettingen. Sie ist über die Gemeindegrenzen hinaus gewachsen und kann auf die Zusammenarbeit mit den Pfarreien Baden und Ennetbaden bauen.

Das zeigte der Besucheraufmarsch an den fünf Abenden. Gekommen sind je rund 130 Personen. Die Mehrheit kam aus Baden und Wettingen, den beiden Veranstaltungsorten.

Auch aus anderen Gemeinden wie Brugg, Turgi und Würenlos fanden sich Besucher ein. Sie alle haben positiv auf das neue Bildungsangebot reagiert, wie die schriftlichen Umfragen bei jedem Anlass zeigten.

Es braucht einen klaren Fokus

Die Problematik der Distanz zwischen einem grossen Teil der Kirchenmitglieder und der Kirche ist nicht neu. Pater Martin Werlen zitierte den Heiligen Augustinus (354-430) zu einer Herausforderung seiner Zeit: «Viele gehören nur äusserlich zur Kirche, aber dem Herzen nach sind sie draussen – viele dagegen, die äusserlich draussen sind, sind dem Herzen nach drinnen.» Hier Gegensteuer zu geben und die ferneren Mitglieder wieder zu gewinnen, sieht die katholische Erwachsenenbildung als ihre Aufgabe.

Aus dem abgeschlossenen Vortragszyklus haben Senn und Bürgler eine Lehre gezogen: Das Jahresprogramm braucht einen klaren Fokus, um attraktiv zu sein. «Es muss sich auf den Kirchen- und Gesellschaftsbereich konzentrieren», sagt Senn.

Dazu müssten die besten Referenten gefunden werden, die auch kontroverse Ansichten vertreten: «Damit trifft man den Nerv der Zeit und das Interesse der Leute.» Dieses Ziel hat sich das Leitungsteam für den Zyklus 2016 gesetzt. Er heisst «Kirche – leben und beleben». Die Reihe beginnt am 2. Februar mit einem Vortrag der Theologin Doris Strahm aus Basel.