Dass derzeit viele Aargauer in den Ferien weilen, fällt bei einem Spaziergang durch Mellingen gleich auf. Während normalerweise rund 15'000 Fahrzeuge pro Tag durch das Reussstädtchen verkehren, ist es in diesen Tagen vergleichsweise ruhig. Ruhiger wird es in Zukunft auch ausserhalb der Ferienzeit sein: Mit der Umfahrung Mellingen soll der Durchgangsverkehr in der historischen Altstadt auf maximal 1500 Fahrzeuge täglich beschränkt werden. Dies und weitere Massnahmen sieht die Vereinbarung zwischen dem Kanton, der Gemeinde und den Umweltverbänden vor, die Ende Juni unterzeichnet worden ist und den Weg für die Umfahrung ebnet.


Was bedeutet der Durchbruch – sieben Jahre, nachdem das Aargauer Stimmvolk Ja zum Bauprojekt sagte – für die Gewerbetreibenden? Claudia Haus ist froh, dass die Umfahrung nun rechtskräftig ist. «Die Altstadt mit ihren historischen Gebäuden liegt mir sehr am Herzen», sagt die Inhaberin der Drogerie Haus. Die Fassaden würden unter den Abgasen sehr leiden, ebenso die Auslagen vor den Schaufenstern an der Hauptgasse, die täglich vom Russ befreit werden müssten.

Haus, die seit 1981 für die Drogerie arbeitet, hofft, dass das Erscheinungsbild aufgewertet wird. Sie gibt aber zu bedenken, dass Mellingen nicht aussterben darf: «Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Kunden weiterhin in die Altstadt fahren dürfen.» Denn aufgrund des veränderten Kaufverhaltens müsse man bereits jetzt viel bieten, damit sie überhaupt den Weg ins Zentrum finden. Mit dem Teehaus, der Naturheilpraxis im ersten Stock und dem nahe gelegenen Fachgeschäft für naturheilkundliche Tierprodukte versuchen Haus und ihr Team, dem entgegenzuwirken. «Es ist wichtig, dass mit der Verkehrsbeschränkung auch optimale Bedingungen für Gewerbetreibende geschaffen werden.» Etwa mit Umschlagplätzen auf der Hauptgasse.

Gewinn an Lebensqualität

Marisa Frick, Inhaberin des Spielgeschäfts Salamander an der Grossen Kirchgasse, freut sich sehr: «Nach so vielen Jahren wurde es endlich Zeit!» Das Bauprojekt trage nicht nur zur Sicherheit der Passanten und Velofahrer bei, sondern erhöhe auch die Lebensqualität der Altstadtbewohner. «Nichtsdestotrotz liegt für mich noch einiges im Unklaren», sagt Frick, die seit 24 Jahren das Spielgeschäft Salamander führt. Können die Kunden noch zum Einkaufen mit dem Auto in das Städtchen fahren? Fallen Parkplätze weg? «Ich hoffe sehr, dass das Zentrum aufgewertet wird und gleichzeitig Massnahmen ergriffen werden, damit mehr Geschäfte und Leben zurückkehren.»

Nadja Lienberger, Mitarbeiterin der Stadttörli Bar, findet es positiv, dass mit der Umfahrung der Verkehr abnehmen wird. «Für unsere Gäste, die draussen sitzen, ist es manchmal unmöglich, sich zu unterhalten, vor allem, wenn Lastwagen vorbeifahren.» In Zukunft werde es bestimmt ruhiger und die Gäste würden weniger den Abgasen ausgesetzt sein.
Bei den Stammgästen ist aber mehr Unmut als Freude zu erkennen: «Dass die Umfahrung kommt, ist nach so langer Zeit doch nur logisch. Das ist ja kein Zustand mehr», sagt ein Stammgast. Ein anderer fügt an: «Das Städtli bleibt sowieso ausgestorben, mit oder ohne Umfahrung.» Nichtsdestotrotz sind sie gespannt, wie sich Mellingen mit der Umfahrung verändern wird.

Eine Chance für Mellingen

Doris Jenni, die das gleichnamige Blumengeschäft und die Gärtnerei an der Kleinen Kirchgasse betreibt, sagt: «Es wäre super, wenn die Umfahrung endlich kommen würde. Doch ich traue der Sache noch nicht ganz. Wie die Vergangenheit zeigt, kann man sich nicht sicher sein, ob nicht weitere Beschwerden das Bauprojekt verhindern werden.» Die Umfahrung sei eine Chance für Mellingen, beispielsweise könnten Geschäfte vermehrt draussen Waren präsentieren oder Restaurants Tischchen aufstellen. «Es ist aber wichtig, dass das Städtchen für das Einkaufen mit dem Auto erreichbar bleibt.»

Das kantonale Departement für Bau, Verkehr und Umwelt wird nun das Landerwerbsverfahren in Angriff nehmen. Geplant ist, dass mit den Bauarbeiten für die Umfahrung im Frühjahr 2021 gestartet werden kann. An einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung am 27. September werden die Mellinger Stimmberechtigten zudem über zwei Planungskredite befinden: für ein Aufwertungsprojekt der Altstadt und für den Zentrumsbereich.