Ehrendingen
Unbekannte zerstören Gesteinsplatte – wollten sie Fossilien stehlen?

Der "Gipsgrubenheiland", ein Ehrendinger Unikat, entdeckte zahlreiche Fossilien. Eine von ihm gefundene Gesteinsplatte mit dem Abdruck eines Ammoniten wurde zertrümmert.

David Rutschmann
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Zerstörte Gesteinsplatte in Ehrendingen

Zerstörte Gesteinsplatte in Ehrendingen

Aargauer Zeitung

Der Weg zur Gipsgrube Oberehrendingen ist gesäumt mit mehreren Gesteinsplatten. Für geologische Laien nicht einfach zu erkennen, handelt es sich dabei um Kalksteine, die mit seltenen Fossilien überzogen sind − jahrmillionenalte Fundstücke und kleine Würdigungen des «Gipsgrubenheilands», eines Ehrendinger Unikats.

Dessen Geschichte aufrecht zu erhalten, ist Claudio Eckmann ein Anliegen. Der Maurermeister beschäftigt sich eingehend mit der Ortsgeschichte. Er bietet Dorfführungen an und bemühte sich um die Sauberhaltung der Gesteinsplatten. Doch an Silvester fand er einen der Steine zerstört vor − in mehrere Stücke zerbrochen.

undefined Nach der Zerstörung ist ein Teil des wertvollen Abdrucks abgetrennt, Bruchstücke sind entfernt worden.

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zvg
undefined So sah der 26 Zentimeter grosse Abdruck eines Ammoniten vor der Zerstörung aus.

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«Ich vermute, dass jemand versucht hat, mit einem Vorschlaghammer den Stein zu verkleinern, damit der eindrückliche Ammonit-Abdruck oben am Stein mitgenommen werden kann», erklärt er. Dies ging schief, der wertvolle, 26 Zentimeter grosse Abdruck weist selbst Zerstörungsspuren auf. «Das ist umso bedauerlicher, denn der Abdruck im Stein gehört vermutlich zum grossen Ammoniten, der in einer Vitrine im Ehrendinger Gemeindehaus ausgestellt ist», so Eckmann.

Als Mitglied der Kulturkommission hatte er einst daran mitgewirkt, dass dieser neben anderen Funden des «Gipsgrubenheilands» in der Vitrine präsentiert werden. Eckmann hofft auf die Reue des Gesteinplatten-Zerstörers. Dieser kann die entwendeten Bruchstücke anonym beim Fahrverbotsschild des Sackhölzli-Parkplatz deponieren − Eckmann würde sich dann um die Reparatur des Steins bemühen.

Die zerstörte Gesteinsplatte und der Ammonit stammen aus der 190 Millionen Jahre alten, fossilhaltigen Lias-Schicht in der Ehrendinger Gipsgrube. Der «Gipsgrubenheiland» Johann Urban Frei hatte diese im Alleingang freigelegt. Der «streitbare Sonderling», wie Eckmann ihn bezeichnet, erwies bei all seiner Kauzigkeit als Eremit in der Gipsgrube der überregionalen Archäologie einen grossen Dienst: Er fand die ersten Plesiosaurus-Knochen auf Schweizer Gebiet und ein jungsteinzeitliches Hirschgeweih.

Johann Urban Frei, Spitzname "Gipsgrubenheiland" (1910-1978)

Johann Urban Frei, Spitzname "Gipsgrubenheiland" (1910-1978)

zvg

Dabei war der Ehrendinger weder gelernter Archäologe noch Geologe. Er stammte aus schwierigen Familienverhältnissen, fasste in keinem Beruf wirklich Fuss. Mit 40 Jahren verliess er Frau und die drei Kinder, um allein in einer Holzhütte bei der Ehrendinger Gipsgrube zu leben. Sein enormes Wissen über Natur und Geologie eignete er sich autodidaktisch an.

Funde und Fachkunde brachten ihm einige Bekanntheit: Bald gehörte es zum Pflichtprogramm der Geologiestudierenden der ETH, den «Heiland» in seiner Gipsgrube zu besuchen. Er fachsimpelte dann über Gesteinsschichten und gab obskure Musikvorführungen: Er entlockte Eisenrohren alphornähnliche Töne, wie den Badener Neujahrsblättern zu entnehmen ist. Im Dorf selbst blieb er bis zum Ende seines Lebens er umstritten: Wenige Tage nach seinem Tod 1978 wurde seine Holzhütte in Brand gesetzt.