Der Lebenslauf von der in der Region Baden aufgewachsenen Prof. Dr. Sita Mazumder liest sich wie die Modellbiografie einer modernen, hypererfolgreichen Frau: Nach den Studien in Informatik-Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften folgt ein Doktorat am Swiss Banking Institute, das sie in gerade einmal zwei Jahren summa cum laude abschliesst und für deren Dissertation zur «Sorgfalt der Schweizer Banken im Lichte der Korruptionsprävention und -bekämpfung» sie mit dem Jahresforschungspreis der Universität Zürich ausgezeichnet wird.

Zeitgleich gründet Mazumder ihre erste Consulting-Firma, wird Mitglied in ersten Verwaltungsräten in der Schweiz und in den USA, schreibt zahlreiche wissenschaftliche Artikel über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Wirtschaftskriminalität und doziert seit 2004 an der Hochschule Luzern.

Bei vielen Themen, mit denen sich Sita Mazumder in ihren Artikeln als auch in ihrem Beruf als Beraterin befasst, geht es im Kern um Wertesysteme respektive um unterschiedliche Wertesysteme, die aufeinanderprallen. Digitale Transformationen interessieren die Ökonomin besonders «dort, wo Menschen stark involviert sind, wo das Irrationale ins Spiel kommt, Gedächtnis, Emotionen, Verhalten stark eine Rolle spielen.»

Mit 17 den Flugschein gemacht

Sita Mazumders Interesse und Tatendrang scheint unerschöpflich. Zeit, so scheint es, funktioniert für sie in einer anderen Weise. Wir treffen Sita Mazumder im Restaurant Sopra im obersten Stock des Warenhauses Jelmoli. Sie ist vor uns da, hat bereits eine Cola Zero bestellt und grüsst einen Kellner beim Vorbeigehen. Sita Mazumder ist öfters hier, man kennt sie.

Es ist schwer vorstellbar, dass diese junge, elegant gekleidete Frau bald 48 Jahre alt werden soll. Auf die Frage, wie sie ihren dichten, verantwortungsvollen Alltag meistert, lacht sie: «Es ist wahr, ich lebe in einer anderen Zeitlichkeit.» Überhaupt lacht Sita Mazumder viel während des Gesprächs; am häufigsten über sich selbst oder Dinge, die ihr passiert sind, doch sie tut das so unverkrampft und ohne jeden Zynismus, dass jede anfängliche Reserviertheit sofort verfliegt.

«Nein, im Ernst: Wenn mich etwas packt, habe ich sehr viel Energie», erklärt sie. Sei das nun beim Eiskunstlaufen als Kind, sei das für den Flugschein, den sie mit 17 Jahren machte, oder eben in ihrer beruflichen Überfliegerkarriere. So etwas wie einen Masterplan habe es aber nie gegeben, vielmehr sei sie ihrer Neugier gefolgt, habe sich mit Dingen auseinandergesetzt, die sie interessierten und zu denen sie «neue Erkenntnisse generieren» konnte. Ambition oder Ehrgeiz waren da stets sekundär.

Gespaltenes Verhältnis zu Indien

Über ihre Arbeit spricht Sita Mazumder lebhaft und selbstbewusst. Als sie auf ihre Jugend in Turgi und Oberrohrdorf zu sprechen kommt, sucht sie das erste Mal nach Worten. Als Tochter eines farbigen Inders und einer weissen Mutter in der ländlichen Schweiz der 70er-Jahre hat sie im Kindergarten und der Primarschule Erfahrungen mit Ausgrenzung und Mobbing machen müssen.

Auch wenn sich die Situation in der Bezirks- und Kantonsschule in Baden besserte, blieb Sita Mazumder eher eine Einzelgängerin. Bis heute hält sie ihren Freundeskreis klein und ausgesucht, schätzt Zeit für sich. Heute beschränkt sich ihr Bezug zur Region Baden vornehmlich auf die Vergangenheit. Wie in der Schule ging sie auch in der Familie früh ihren eigenen Weg. «Ich bin nicht in Watte gepackt aufgewachsen», schliesst sie.

Sita Mazumder in New York. Auch in den USA ist die 48-Jährige Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten.

Sita Mazumder in New York. Auch in den USA ist die 48-Jährige Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten.

Was es heisst, wenn unterschiedliche Wertesysteme aufeinanderprallen, hat Sita Mazumder in ihrem privaten Leben auch dann besonders zu spüren bekommen, wenn die Familie jeweils nach Indien zu Verwandten reiste. «Ich bin stark von meiner Mutter erzogen worden. Sie lehrte mich, Menschen nach ihrem Wesen zu beurteilen und stets anständig zu sein. In Indien herrscht eine andere Realität. Oft hatte ich es mit den Angestellten fast besser als mit meiner Familie; und das gab regelmässig Probleme. Ich habe wunderbare Momente in Indien erlebt, die bunte Lebensfreude genossen, aber auch ganz schreckliche Dinge und unhaltbare Zustände gesehen.»

Rückkehr nach Indien

Vor fünf Jahren war Sita Mazumder mit ihrem Lebenspartner Ronny Alder, ebenfalls ein Unternehmer, das erste Mal nach über 20 Jahren wieder in Indien. Die Reise mit ihrem Partner, von dem sie nach über elf Jahren Beziehung spricht, als könne sie das Glück, ihn als Partner zu haben, noch immer nicht recht fassen, sei sehr heilsam gewesen. «Mit ihm durfte ich dieses Land, das ein Teil meiner Herkunft ist, mit neuen Augen entdecken. Nach wie vor finde ich gewisse Zustände in Indien höchst schwierig, aber ich sah auch enorme Entwicklungen.»

Die Neugier und Begeisterung ihres Partners am «Land der Extreme» liess sie Frieden schliessen mit dem früheren Kapitel. Die Erfahrungen ihrer Jugend, die aufeinanderprallenden Wertesysteme und die Erkenntnis, dass eine andere Erscheinung einen exponieren und man deswegen kritischer beäugt wird, lehrten Sita Mazumder früh, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Oft genug musste sie sich in ihrem Beruf und häufig als eine der wenigen Frauen in männerdominierten Branchen beweisen. Als eigenständige Unternehmerin und Wissenschafterin betont sie heute immer wieder die Vorteile echt heterogener Arbeitsgruppen, sei das bezüglich Geschlecht, Mentalität oder eines der anderen vielen sichtbaren und unsichtbaren Kriterien.

Wo eine Vielfalt von Persönlichkeiten in einem konstruktiven Rahmen aufeinandertreffen, entstehen kreative Ergebnisse und Innovation. «Aber dafür braucht es Akzeptanz und Wertschätzung für Andersartigkeit», schliesst Sita Mazumder.