Baden

Velotour durch die Unterwelt: Für einige Momente wurden Tote lebendig

Silvia Hochstrsser (ganz links) führte eine Friedhofstour durch, und lüftete so manche Geheimnisse, die sich in den letzten Ruhestätten verbergen. Ursula Burgherr

Silvia Hochstrsser (ganz links) führte eine Friedhofstour durch, und lüftete so manche Geheimnisse, die sich in den letzten Ruhestätten verbergen. Ursula Burgherr

Stadtführerin Silvia Hochstrasser führt Friedhofstouren per Velo durch. Dabei lüftet sie so manches Geheimnis der vergessenen Welten und erzählt Geschichten aus einer anderen Zeit.

Die von badenmobil organisierte Friedhofstour war 2014 ein Renner. Dieses Jahr versammelt sich nur ein kleines Grüppchen von Velofahrern vor der Badener Stadtkirche, um mit Stadtführerin Silvia Hochstrasser von einer Begräbnisstätte zur anderen zu ziehen. Die Teilnehmer wollen erfahren, wie unterschiedlich in verschiedenen Epochen mit dem Tod umgegangen wurde. Wer hätte gedacht, dass vor vielen Jahrhunderten rund um die Stadtkirche, wo heute flaniert wird und Märkte stattfinden, lauter Gräber waren? «Man wollte die Toten möglichst nahe bei sich haben und war mit ihnen ständig in Verbindung, während die Kirchenglocken läuteten und die Orgel brauste», erzählt Hochstrasser. Allerdings bestimmte der Geldsäckel, wie und wo man die ewige Ruhe fand. Nur «Vornehme» und Geistliche hatten die Ehre, nahe beim Kirchenchor zu liegen und auf aufwendig geschnitzten Grabplatten verewigt zu werden. Die nächste Etappe der Tour führt in die Sebastianskapelle. Die Treppe runter zum Beinhaus erinnert an den Abstieg in die Unterwelt der Toten. Hier waren früher 15 000 Skelette aus vollen Gräbern stapelweise eingemauert. Noch heute sind 300 Schädel das etwas makabre Zeugnis aus dieser Zeit.

Gräber erzählen Geschichten

Nach der Französischen Revolution fing eine neue Ära an. Es war tabu, Leichen mitten unter den Lebenden zu begraben, man lagerte die Friedhöfe aus. So geht es eine Etappe weiter zu den Grabstätten des 1821 gegründeten Haselfriedhofs, auf dem u.a. Louise-Chatérine Breslau ruht. Sie musste aus Baden ausbrechen, um sich in Paris als Malerin einen Namen zu machen und berühmt zu werden. Beigesetzt ist hier auch Albert Aichele, Mitarbeiter der ersten Stunde bei der BBC und 1887 Weltrekordhalter im Hochradfahren mit 37 Stundenkilometern. Beim heutigen Parkhaus Ländli zieht Silvia Hochstrasser einen Zeitungsausschnitt des Badener Tagblatts aus dem Jahre 1981 hervor und berichtet: «In der Bauphase wurden alemannische Gräber entdeckt, die die bisherige Lücke in der Historie von Baden zwischen den Römern und dem frühen Mittelalter schlossen.»

Bis heute Spuren hinterlassen

Nur Wenige wissen, dass vis-à-vis des Friedhofs Liebenfels der jüdische Friedhof liegt. Hochstrasser öffnet das sonst verschlossene Tor zu einer Welt der absoluten Stille, die erst seit 1879 ihre Berechtigung hat. Hochstrasser: «Damals erlaubte Baden erstmals, Juden auf heimischem Territorium zu begraben.» Die Tour endet beim Friedhof Liebenfels. Hier trifft man auf Karl Killer, ab 1927 Stadtammann von Baden und 1943 erster sozialdemokratischer Ständerat im Aargau. Der letzte Grabbesuch gilt Annarosa Giacomelli Bernardi, 2010 verstorbene Gründerin des Badener Restaurants Kreuzliberg. Die gebürtige Italienerin kämpfte in ihrem Heimatland gegen das faschistische Regime Mussolinis und flüchtete später in die Schweiz. In ihrem Gastronomiebetrieb, der bis heute eine Institution in Baden ist, endet der Friedhofsrundgang bei belebendem Wein und Pizzagenuss. Der Kreis schliesst sich.

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