Mellingen

«Vermutlich sind in diesem Turm Hexen gefoltert worden»

Rainer Stöckli vor dem Hexenturm.

Rainer Stöckli vor dem Hexenturm.

Der Mellinger Hexenturm schlummert vor sich hin und dürfte weiterhin nur Tauben als Herberge dienen. In der Funktion seines Namens wird er nicht genutzt – und das ist gut so.

Der Name Hexenturm kommt nicht von ungefähr. «Vermutlich sind in diesem Turm Hexen gefoltert worden. Aber ein Beweis dafür fehlt», sagt Historiker Rainer Stöckli.

In seiner Dissertation hat er die Geschichte Mellingens von 1500 bis 1650 aufgearbeitet. Der aus dem Mittelalter stammende Bau wird erstmals im 19. Jahrhundert als Hexenturm bezeichnet. 1902 brannte der Turm, der einen Durchmesser von 7,5 Meter und eine maximale Mauerstärke von 2 Meter aufweist, aus. 1951 wurde der durch Häuser teilweise verbaute Turm restauriert und das ursprüngliche Kegeldach rekonstruiert.

Zwei angebliche Hexe getötet

Was hingegen belegt werden kann, sind zwei Mellinger Hexen-Schicksale. «Um 1590 wurde eine Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie auf ihrem Besen in die Täfere in Baden geflogen und dort mit dem Teufel getanzt hat», sagt Stöckli.

Eine andere Frau wurde als Hexe betitelt und hingerichtet, weil sie Pferden eine Salbe auf den Rücken strich, worauf sie starben. So stehts in Protokollbänden, in denen die Hexenprozesse festgehalten wurden. Ob der Hexenturm in die Geschehnisse involviert war, konnte noch nicht geklärt werden.

Machtdemonstration nach Norden

Belegt ist zudem, dass es in unmittelbarer Nähe des Hexenturms an der Reuss einen zweiten Turm gab. «Der muss vor oder kurz nach 1712 abgerissen worden sein», sagt Stöckli. Seine Vermutung stützt sich auf einen Stich über den Zweiten Villmergerkrieg 1712, auf dem der zweite Turm nicht zu sehen ist.

Warum er vernichtet wurde, ist nicht dokumentiert. Diese beiden nach Brugg gerichteten Türme seien eher ungewöhnlicher Natur gewesen, da die Strasse in diese Richtung keine wichtige Verbindung darstellte. Die in die Stadtmauer integrierten Türme seien wohl als Machtdemonstration für die in Brugg und Umgebung residierenden Habsburger zu verstehen gewesen. So interpretiert Peter Frey von der Kantonsarchäologie die Bauten.

Für diese Annahme würden die Schiessscharten und der Ausguck sprechen - Spuren, die noch heute sichtbar sind. Zur Zeit der Stadtgründung 1230/40 waren Baden, Lenzburg und Mellingen unter kyburgischer Herrschaft. Das Eigenamt, Brugg und Bremgarten in habsburgischer Hand.

Wichtiger Teil des Stadtbildes

Der Hexenturm zum Stadtbild des Reussstädtchens. Genutzt wird er nicht mehr. Tauben haben sich häuslich niedergelassen. Warum wird der Hexenturm, der der Gemeinde gehört, eigentlich nicht genutzt?

Gemeindeammann Bruno Gretener: «Eine Nutzung war bisher und ist nach heutigen Erkenntnissen nicht vorgesehen.» Grössere bauliche Veränderungen wären aus denkmalpflegerischer Sicht kaum denkbar, insbesondere dürfe die Gebäudehülle nicht verändert werden. Auch aufgrund der engen Platzverhältnisse und des ungünstigen Grundrisses scheint ihm eine sinnvolle Nutzung praktisch nicht realisierbar: «Zudem sind keine Bedürfnisse für eine Nutzung bekannt.»

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