Tierheim Untersiggenthal
Vernachlässigte Hunde lernen nun «Sitz» und an der Leine gehen

An Pausen ist im Tierheim Untersiggenthal derzeit kaum zu denken. 21 kleine weisse Hunde und zwei grosse sind dort quasi über Nacht zu regionalen Berühmtheiten geworden. Nun beginnt für die Tier-Messie-Hunde die Schule.

Sabina Galbiati
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Tierheimleiterin Anita Gasser wärmt die jüngsten Hunde in ihren Armen.Gal/Archiv

Tierheimleiterin Anita Gasser wärmt die jüngsten Hunde in ihren Armen.Gal/Archiv

Nach einer Tier-Razzia hatte das Aargauer Veterinäramt 23 Hunde und zwölf Pferde auf dem Gränicher Hof eines 49-jährigen Pferde-Messies vorsorglich beschlagnahmt. Der Mann hatte noch vor Ort eine Verzichtserklärung auf seine gehorteten Hunde abgegeben.

Inzwischen sind diese geimpft, entwurmt, frisiert und haben eine Pediküre bekommen. Doch der schwierige Teil kommt erst noch. Jetzt, da es ihnen immer besser geht, müssen sie lernen, wie Hunde an der Leine gehen, wie sie im Auto mitfahren, wie sie «Sitz» machen. Die Liste ist lang, denn gelernt haben sie bei ihrem Vorbesitzer nichts.

Damit die Hunde genügend Auslauf haben, helfen dem Tierheim ehrenamtliche Hundespaziergänger. Es seien zwar gegen 30 Hundeausführer registriert, sagt Gasser. «Doch viele von ihnen haben nur einmal pro Monat Zeit oder noch seltener.» Es sei auch schwierig, Leute zu finden, die unter der Woche und tagsüber Zeit für einen Spaziergang haben.

Jetzt, da man nebst den regulären Tierheim-Hunden zusätzlich 23 Not-Gäste habe, verschärfe sich die Situation. «Damit jeder Hund richtig lernt, Gassi zu gehen, muss er einzeln ausgeführt werden.»

Nur zehn Personen besuchen derzeit das Tierheim wöchentlich, um mit einem Hund laufen zu gehen. «Wir sind daher sehr froh um neue Anmeldungen», sagt Gasser. Man wolle die neuen «Hündeler» natürlich zuerst kennen lernen und schauen, ob sie als Hundespaziergänger Erfahrung haben. «Wir geben neu angemeldeten Personen aber keines der ‹Sorgenkinder› mit», sagt sie.

An der Scheibe der Hundebox ist jedes Tier mit namen und beschreibung des Halsbandes vermerkt, damit jeder die Tiere identifizieren kann.
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Auch der letzte Ausreisser muss nun in die warme Stube, nachdem er gleich zwei Tierpflegerinnen zum Fangenspielen animiert hat.
Hunde im Tierheim Untersiggenthal
Schliesslich ist die Neugier so gross, dass es zum Nasenstupser zwischen Hund und Kamera kommt.
Schon die Jüngsten unter den 23 Hunden nähern sich mutig der Kamera.
«Die meisten der beschlagnahmten Hunde sind Mischlinge aus West Highland White Terrier und Bichons à Poil Frisé», sagt Tierheimleiterin Anita Gasser.

An der Scheibe der Hundebox ist jedes Tier mit namen und beschreibung des Halsbandes vermerkt, damit jeder die Tiere identifizieren kann.

Sabina Galbiati

Finanzieller Kraftakt

Beim Veterinäramt sagt Marie-Louise Bienfait: «Was das Tierheim leistet, ist ein finanzieller und zeitlicher Kraftakt.» Wegen der Verzichtserklärung von M. S. muss das Tierheim sämtliche Kosten selber tragen. «Das ist vielen Leuten nicht bewusst. Sie denken, dass der Kanton die Kosten trägt», sagt Bienfait, die beim Veterinäramt zuständig für Tierschutz und Hundewesen ist.

Wie viel ein solcher Hund pro Tag kostet, hat man im Tierheim schon mehrmals versucht zu errechnen. «Aber es ist unmöglich, weil jedes Tier andere Kosten verursacht», heisst es beim Tierschutzverein Aargau, der das Tierheim führt. «Impfen und Entwurmen kosten 80 Franken pro Hund, die meisten müssen kastriert werden.» Macht für ein Weibchen 630 und für einen Rüden 390 Franken. Danach brauchen sie kurzzeitig mehr Pflege. Eine zweite Impfung steht ebenfalls noch ins Haus. Mit 30 Franken pro Tag für alle 23 Hunde ist das Futter ein verschwindend kleiner Betrag.

Die Tiere belegen mehrere Hundeboxen. Hundeboxen, die vorerst nicht mit Ferienhunden besetzt werden können. Je nach Grösse könnte das Tierheim mindestens 10 bis 15 Ferienhunde in diesen Boxen aufnehmen. Diese Einnahmen der Feriengäste fehlen dem Tierheim bis auf weiteres. Gasser sagt aber: «Die Hauptsache ist, den Hunden geht es gut und sie bekommen ein schönes neues Zuhause.»

Erst zwei Hunde haben einen Interessenten gefunden. Für die übrigen 21 Waisen-Hunde sucht das Tierheim noch Plätze. Auch dies sei nicht einfach. «Oft melden sich Leute nur aus Mitleid; andere haben noch zu wenig Erfahrung.» Diese sei aber gerade bei «gebrannten Kindern» wichtig. «Zudem muss sich der Hund bei den neuen Besitzern wohlfühlen», sagt Gasser. Die potenziellen Käufer müssen daher mehrmals im Tierheim vorbeigehen und bei ihrem künftigen Schützling vorstellig werden.