Region Baden

«Verstehen Sie keinen Spass, Schwester?»: So häufig kommen sexuelle Übergriffe in Pflegezentren vor

Bedürfnis nach Zärtlichkeit im Alter: Im Asana Spital Leuggern (im Bild) wurde auch schon mit Berührern gearbeitet.

Bedürfnis nach Zärtlichkeit im Alter: Im Asana Spital Leuggern (im Bild) wurde auch schon mit Berührern gearbeitet.

Wie häufig Pflegezentren in der Region mit sexuellen Übergriffen konfrontiert sind – und wie sie damit umgehen.

Eine Betreuerin der Spitex Limmat Aare Reuss (LAR) zeigte einen ehemaligen Klienten an, weil er sich dreimal an ihr vergriffen hatte. Weil dieser gegen den Strafbefehl von 1000 Franken Einsprache erhob, trafen sich die beiden vor Gericht wieder. Zumeist enden solche Fälle nicht vor Gericht, doch sind Pflegefachpersonen wie diese Spitex-Betreuerin in einer exponierten Lage. Zwei- bis dreimal pro Jahr seien sie mit übergriffigen Klienten konfrontiert, sagt Gordana Kempter zu dieser Zeitung. Sie ist Leiterin des Kerndienstes der Spitex LAR, die 2019 aus den früheren Spitex-Vereinen Baden, Ennetbaden, Gebenstorf, Obersiggenthal, Turgi, Untersiggenthal und Würenlingen zusammengeschlossen wurde. Der Job bei der Spitex sei eine Gratwanderung, gerade auch weil die Betreuung bei den Menschen Zuhause stattfindet und über Monate, wenn nicht gar Jahre, ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird. Das benötigt einerseits Einfühlsamkeit, andererseits aber auch eine gewisse Distanz.

«Das ist ein ganz anderes Spannungsfeld im Vergleich zum viel geschützteren Rahmen, den ein Altersheim bietet», sagt Freya Munroe, Pflegedienstleiterin im Seniorenzentrum Sunnhalde in Untersiggenthal. «Bei uns können die Pflegefachpersonen einfach den roten Knopf drücken und schon kommt Hilfe.» Auch seien die Bewohnerinnen und Bewohner in Altersheimen stets in Gesellschaft und in 24-Stunden-Betreuung: «Ein Altersheim ist ein eigener Kosmos, wir gehören für die Bewohner schon fast zur Familie.» Das minimiere die Gefahr eines Übergriffs.

Munroe arbeitet seit sieben Monaten in Untersiggenthal, kann aber über 25 Jahre Erfahrung in der Pflege vorweisen. Ihre Ausbildung hat sie in Diakonissen-Einrichtungen in Deutschland absolviert. Verändert habe sich in dieser Zeit einiges, und eines ganz besonders: «Intimität im Alter, das Bedürfnis nach Nähe und Berührungen auch im fortgeschrittenen Alter, das ist kein Tabuthema mehr und wird professionell in der Ausbildung thematisiert.»

Rücksicht auf Bedürfnisse im Alter

Munroe findet es sehr wichtig, dass über das Thema Intimität im Alter gesprochen wird: «Auch ältere Menschen haben Bedürfnisse und sehnen sich nach Berührungen», bekräftigt sie. «Und wenn Sexualität nicht ausgelebt werden kann, kann das Ungutes auslösen.» Es gehe in diesem Alter viel weniger um Sex als um den Wunsch nach Berührungen und Nähe: «Da reicht schon ein Händchenhalten oder eine lange Umarmung», sagt die Fachfrau.

In der Sunnhalde habe jeder sein eigenes Zimmer, was ebenfalls sehr wertvoll sei: «Dort ist ihr Refugium, dort dürfen die Bewohner tun und lassen, was sie wollen» – solange es keinen anderen in seiner Freiheit einschränke. Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, das Verlangen nach Erotik zu stillen. Unter anderem gibt es das externe Angebot von Berührerinnen und Berührern, sogenannten Sexualbegleitern, die sich auf verletzliche Personen spezialisiert haben, auf Menschen mit einer Behinderung oder Betagte. Damit erhalten auch diese Menschen die Möglichkeit, Nähe und Berührungen zu erleben. In erster Linie gehe es darum, dass die ­Bewohnerinnen und Bewohner so Zärtlichkeit und Erotik leben dürfen.

Ein Leitfaden soll schützen

Freya Munroe arbeitet seit 20 Jahren als diplomierte Pflegefachfrau in der Schweiz und schätzt den transparenten Umgang mit der Thematik hier. Die Bedürfnisse der Bewohner würden in Fallbesprechungen reflektiert und individuelle Lösungen gesucht. Und: «In der Sunnhalde wird das Pflegefachpersonal in seinem Empfinden ernst genommen und ermutigt, sexuelle Übergriffe oder auch Belästigungen jeglicher Art zu melden.» Es sei ausreichend geschult und wisse, an wen es sich bei einem Vorfall wenden muss.

Ob das aber überhaupt getan wird oder nicht, dabei spiele immer auch das eigene Empfinden mit: «Manche fühlen sich schneller unwohl als andere», sagt die Pflegedienstleiterin. Das ist denn auch die grosse Frage: Wann ist eine Berührung bereits eine Grenzüberschreitung? Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachpersonen hat deshalb 2009 einen Leitfaden zum Schutz vor sexueller Belästigung für Pflegefachpersonen und andere Erwerbstätige im Gesundheitswesen herausgegeben. Titel: «Verstehen Sie keinen Spass, Schwester?» Sexuelle Belästigung wird hier wie folgt definiert: «Als sexuelle Belästigung gilt jedes unerwünschte Verhalten mit sexuellem Bezug. Auch sexistische Bemerkungen, die nicht einzelne Personen, sondern Menschengruppen entwürdigen, fallen darunter, so etwa Witze über Frauen allgemein, über Blondinen oder Schwule.» Bei Pflegehandlungen seien Patienten und Pflegepersonen einander körperlich nahe, es entstehe eine Intimität, in der die Grenzen unklar werden. «Anzüglichkeiten bewegen sich oft im Graubereich und sind auch nicht für alle Betroffenen gleich schlimm», heisst es im 52-seitigen Leitfaden. Dieser thematisiert weiter wie sich Pflegefachpersonen schützen können und listet deren Rechte auf.

Ein Vorfall führte zu interner Weiterbildung

Der Leitfaden gehört inzwischen in vielen Pflegeheimen zur Standardlektüre. Das Seniorenzentrum Sunnhalde in Untersiggenthal orientiert sich danach, genauso wie das Alterszentrum Buechberg in Fislisbach, wie Geschäftsleiter Thomas Rohrer sagt: «Die Ratschläge darin sind in unseren Pflegealltag eingeflossen oder haben uns darin bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Uns ist es zum Beispiel sehr wichtig, alle Bewohner mit ‹Sie› anzusprechen, das wahrt eine gewisse Distanz», so Rohrer.

Übergriffiges, sexuell motiviertes Verhalten käme im Buechberg höchst selten vor. Es sei wichtig, dass Pflegefachpersonen ihre Grenzen klar kommunizieren und etwaige Vorfälle in den Fallbesprechungen thematisieren: «Es sollte sofort reagiert und nicht zugewartet werden», so Rohrer. In den Fallbesprechungen werden gemeinsam mögliche Lösungsansätze gesucht. Dann würde man das Gespräch mit ­Angehörigen oder Beiständen suchen. Von Berührerinnen und Berührern hat er zwar auch schon gehört, doch bisher hatten sie im Buechberg dafür noch keine Verwendung.

Ganz im Gegensatz zum Spital Leuggern, dem auch ein Pflegeheim angeschlossen ist. Pflegedienstleiterin Ursula Keller erzählt von einem Vorfall mit einem Bewohner vor einigen Jahren, der immer wieder die jungen Betreuerinnen belästigt und angefasst habe. Deshalb organisierte man intern eine Weiterbildung für die Pflegefachpersonen, um die Frauen zu stärken. Parallel dazu sei man auf das Angebot der Berührer gestossen und konnte so das Problem mit dem Bewohner lösen. Allerdings hätten sie das Angebot erst in diesem einen Fall benötigt, sagt Keller, doch wenn das externe Angebot wieder gewünscht sei, dann würde das selbstverständlich für die im Pflegeheim lebenden Männer wie Frauen organisiert werden können. «Es ist erleichternd zu wissen, dass wir auf ein solches Angebot zurückgreifen könnten», bekräftigt Keller.

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