Neuenhof
Verwahrloste Kinder im Chindsgi: «Manche Eltern sind hilflos»

Faule Zähne, falsche Kleidung: In Neuenhofs Kindergarten nimmt die Verwahrlosung der Kinder zu. Immer mehr Kinder sind bereits im Chindsgi auf sich selber gestellt. Die Berichterstattung sorgte für Furore. Hier die Reaktionen.

Erna Jonsdottir
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Die Pausenaufsicht beim Schulhaus «Schibler» sorgt dafür, dass es auf dem Pausenplatz gesittet zu- und hergeht. zvg

Die Pausenaufsicht beim Schulhaus «Schibler» sorgt dafür, dass es auf dem Pausenplatz gesittet zu- und hergeht. zvg

Schulen übernehmen immer mehr soziale und erzieherische Funktionen. Ein Beispiel: Ende Februar schlugen zwei Artikel im Badener Tagblatt hohe Wellen, weil viele Eltern – zum Ärger der Lehrpersonen – ihre Kinder mit Windeln ausgerüstet in den Kindergarten schicken.

Wie der BT-Artikel vom 28. März am Beispiel Neuenhof gezeigt hat, sind jedoch nicht nur Windeln ein Problem: Manche Kinder gehen dort im Winter in Sommerkleidung in den Kindergarten oder haben derart kaputte Zähne, dass sie nur weiche Kost zu sich nehmen können.

Dass Renate Baschek, Gesamtschulleiterin der Schule Neuenhof, im Artikel betonte, dass die Verwahrlosung von Kindern nichts mit der kulturellen Herkunft zu tun habe, stiess auf unterschiedliche Reaktionen. Denn in Neuenhof haben 70 Prozent aller eingeschulten Kinder ausländische Wurzeln.

«Hochstehender Schulbetrieb»

«Wie kann behauptet werden, dass diese Probleme bei 70 Prozent ausländischen Kindern nichts mit der kulturellen Herkunft zu tun hat?», schreibt eine Leserin.

Und ein Leser fügt an: «Was hier abläuft, ist ein Drama für unsere Wertekultur. Das Durcheinander dieser sogenannten Kulturen wird zum endgültigen Zerfall unserer erarbeiteten Werte führen.»

Baschek, die seit 30 Jahren für die Schule Neuenhof arbeitet, kontert: «Ich stehe nach wie vor dazu, dass es vermehrt Kinder gibt, die verwahrlost, oder besser ausgedrückt, auf sich selber gestellt sind. Die Schwierigkeit ist aber, dass deren Eltern hilflos und überfordert sind, wenn es um die Erziehung ihrer Kinder geht.»

Die Schule widerspiegle den gesellschaftlichen Wandel. Den Familientisch wie anno dazumal gebe es nicht mehr, die Werte hätten sich verändert. «Dieser Wandel kann nicht einfach auf die ausländischen Familien geschoben werden.»

Unterschiedliche Kulturen würden Schulen zwar vor Herausforderungen stellen, gleichzeitig seien sie jedoch eine Bereicherung. «In Neuenhof unterrichten Lehrpersonen, die sich bewusst auf diese Herausforderungen in einem multikulturellen Umfeld einlassen wollen», betont Baschek. Das würden die beiden Schulevaluationen – «für die wir beide Male grüne Ampeln erhielten» – aus den Jahren 2012/13 und 2008/09 beweisen.

In den Schulevaluationen, die dem BT vorliegen, heisst es: «An der Schule herrscht seit je ein Klima des verständnisvollen Umgangs mit Verschiedenheit, seien es Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion oder Hautfarbe. Man begegnet sich mit Achtung.»

Heinz Suter, Leiter Asylzentrum Neuenhof, doppelt in einem Schreiben nach: «Die Schule leistet einen hervorragenden Job, um alle diese Kinder mit Migrationshintergrund zu integrieren – die zukünftige wirtschaftliche sowie finanzielle Unabhängigkeit dieser Kinder hängt schliesslich davon ab.»

Und Fred Hofer, Rechtsanwalt aus Neuenhof, betont: «Unser jüngerer Sohn geht hier zur Schule und hat absolut keine Probleme – der ältere hat den Übertritt in die Bezirksschule problemlos gemeistert.»

Die Lehrerschaft in Neuenhof nehme er sehr kompetent und engagiert wahr. «Auch wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, bietet Neuenhof einen qualitativ hochstehenden Schulbetrieb.» Über die zunehmende Verwahrlosung im Kindergarten sind sich Baschek und Hofer einig: «Diese Probleme gibt es nicht nur in Neuenhof.»

Was sagen andere Schulleiter?

Mirjam Keller, Schulleiterin Kindergarten/Primarschule Kappelerhof in Baden, schreibt: «Auch wir haben einen grossen Anteil fremdsprachiger Kinder und stellen uns diversen Herausforderungen.»

Es gebe sicher Kinder, deren Zahnpflege nicht optimal sei oder solche, die für Anlässe wie zum Beispiel Wanderungen nicht die geeignete Ausrüstung hätten. «Aber von Verwahrlosung würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen.»

Es seien Kinder, die aus finanziell schwachen, eher bildungsfernen Familien kommen würden. «Der kulturelle Hintergrund allein darf nicht als Begründung herangezogen werden. Wichtig ist, dass wir die Kinder und ihre Familien unterstützen – zum Beispiel mit Zahnprophylaxe schon ab dem Kindergarten.»

Ähnliches sagt Franziska Ackermann, Schulleiterin Kindergarten Wettingen: «Es gibt vereinzelt Kinder mit kaputten Zähnen. Auch die angemessene Kleidung ist immer wieder ein Thema, besonders wenn sich unsere Abteilungen im Freien aufhalten.»

In Obersiggenthal hingegen gibt es laut Gesamtschulleiter Bruno Glettig kaum solche Fälle. «Der Anteil fremdsprachiger Kinder ist auch in Obersiggenthal sehr gross. Bei uns gibt es aber einen relativ hohen Anteil an Kindern mit bildungsnahem kulturellen Hintergrund.»

Dies zeige sich im Anteil der Zusatzlektionen, die in Obersiggenthal deutlich tiefer sind als beispielsweise in Neuenhof.

Auf die Frage, ob er die Meinung von Renate Baschek vertrete, dass die Verwahrlosung von Kindern nichts mit dem kulturellen Hintergrund zu tun habe, antwortet er: «Man muss jeden Fall einzeln anschauen. In diesem Sinne bin ich der gleichen Meinung wie Frau Baschek.» Die Schule Spreitenbach nahm bislang keine Stellung.

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