«Schandflecken»
Viel Ärger wegen Problem-Quartieren in Neuenhof: «Es passiert einfach nichts»

Mieter Daniel Bühlmann prangert unhaltbare Zustände in Neuenhofer Liegenschaft an – auch für die Gemeinde sind diese ein Ärgernis.

Martin Rupf
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Ärger über Zustände in Neuenhof
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Mieter Daniel Bühlmann hat genug.
Wird in diesem Sandkasten noch gespielt?

Ärger über Zustände in Neuenhof

Martin Rupf

Zurzeit wird in Neuenhof intensiv darüber diskutiert, ob und wie die Gemeinde in den nächsten Jahren wachsen soll. Über das «ob» muss nicht gross debattiert werden. Prognosen und Vorgaben des Kantons sehen vor, dass die Einwohnerzahl von heute 8700 Einwohner auf dereinst 10 000 wachsen wird. Um dieses Wachstum zu ermöglichen, wurde mit der neuen Bau- und Nutzungsordnung ein neuer Hochhausstandort beim Bahnhof geschaffen, zusätzlich können an der Zürcherstrasse zwei höhere Gebäude (30 Meter) gebaut werden.

Während die einen in dieser Verdichtung eine Chance sehen, befürchten andere eine weitere «Gettoisierung» Neuenhofs. Nun, Neuenhof mit einem Getto zu vergleichen, wird der Sache sicher nicht gerecht. Es gibt zahlreiche schöne Flecken, etwa im alten Dorfkern, am Waldrand, entlang der Limmat und, wenn man will, sogar in der neu gestalteten Webermühle. Aber es gibt eben auch problematische Quartiere und Liegenschaften. Oder wie es Daniel Bühlmann, Bewohner einer Wohnung an der Hardstrasse 78, nennt: Schandflecke. «Ich wohne seit 19 Jahren hier. Sehen Sie sich doch das Haus einmal an!», sagt Bühlmann.

Tatsächlich wirkt der erste Eindruck nicht gerade einladend. Zur Strasse hin türmt sich Sperrgut und aus den Containern stinkt es fürchterlich. Überall Schlaglöcher, von der Fassade bröckelt der Verputz und im völlig überwucherten Sandkasten haben wohl schon länger keine Kinder mehr gespielt. Im Treppenhaus hängen viele nackte Glühbirnen, deren Abdeckungen schon lange verschwunden sind. «Schon länger haben wir Probleme mit der Hauseigentümerin. Machen konnten wir bis jetzt nichts», so Bühlmann. Man habe auch schon die Gemeinde eingeschaltet, aber auch die hätte nicht helfen können.

Termin vor Schlichtungsstelle

Bühlmann zählt die grössten Ärgernisse auf. «Letztes Jahr hatten wir während Wochen kein warmes Wasser. Der grosse Lift war über drei Monate defekt. Und das auch während der Zügelperiode im April. Das hat sogar dazu geführt, dass bestellte Möbel wieder retourniert werden mussten.» Rund ums Haus werde nichts gemacht. Einige Mieter hätten begonnen, Schlaglöcher eigenhändig mit Beton auszufüllen. «Wenn es regnet, läuft das Wasser nicht mehr ab, da alle Abwasserschächte offenbar verstopft sind. Bei den Containern stapelt sich immer wieder Sperrgut; hinten im kleinen Garten gibt es sogar eine kleine Deponie. Es passiert einfach nichts.»

Zwar gebe es eine Hauswartfirma, aber die würde auch nur das Nötigste oder gar nichts machen. In rund zwei Wochen trifft sich Bühlmann mit der Eigentümerin vor der Schlichtungsstelle in Baden. «Im Januar habe ich in meiner Wohnung einen Wasserschaden verursacht», so Bühlmann. Die Versicherung habe sofort eine Offerte eingeholt, um den Boden trockenzulegen. «Das Parkett in der Stube wurde daraufhin entfernt, und meine Versicherung hat der Eigentümerin mehrmals eine Kostengutsprache geschickt.» Doch passiert sei bis heute nichts. «Ich kann das Wohnzimmer seit Monaten nicht benutzen; es ist schrecklich.»

Natürlich habe er sich immer wieder überlegt, umzuziehen. «Aber die Wohnung ist eigentlich ganz okay. Und es ist nicht einfach, in Neuenhof eine bezahlbare Wohnung zu finden.» Bühlmann hat den Eindruck, dass die Eigentümerin einfach noch möglichst lange die Rendite herausholen will, ohne Investitionen für den Werterhalt zu tätigen. «Im Winter zieht es fürchterlich durch die Fenster. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel zusätzliche Heizenergie dadurch aufgewendet werden muss.»

Letztlich gehe es auch nicht nur um die Ästhetik. «Die Schäden sind auch gefährlich. Schauen Sie sich die Schlaglöcher vor dem Eingang an. Kürzlich ist hier eine ältere Frau gestürzt und hat sich den Ellbogen gebrochen», erzählt Bühlmann.

Das Verrückte sei zudem, dass kein Handwerker mehr bereit sei, Schäden zu bereinigen, wenn nicht die Mieter im Voraus bezahlen. «Es gibt Handwerker, die winken nur ab, wenn sie den Namen der Eigentümerin hören. Es gibt einige, die bis heute offene Rechnungen bei ihr haben.»

Beim Augenschein vor Ort führt Bühlmann den Reporter ins oberste Stockwerk, wo ein älteres Paar wohnt. Dieses zeigt an die mit Schimmel befallenen Wände, die behelfsmässig übermalt wurden. «Ich Sommer ist es nicht so schlimm. Doch im Winter sind diese Stellen schwarz vor Schimmel.»

Eigentümerin schweigt

Auch auf der Gemeinde ist das Problem mit besagten Liegenschaften erkannt. «Ja, es gibt Liegenschaften, die in einem sehr schlechten Zustand sind und die sehr schlecht gepflegt werden. Das ist auch für die Gemeinde ein grosses Ärgernis», sagt der zuständige Gemeinderat Fred Hofer (FDP). Solange es nur um die Ästhetik gehe, habe die Gemeinde aber keine rechtliche Handhabe, die Eigentümer in die Pflicht zu nehmen.

«Sobald es aber sicherheits- oder polizeirelevant wird, stellen sich natürlich Haftungsfragen im Zusammenhang mit der Werkeigentümerhaftung», erläutert Hofer. In solchen Fällen sei die Gemeinde auch schon direkt auf die Eigentümer zugegangen und habe diese in die Verantwortung genommen. Die Eigentümerin der Liegenschaft, respektive ihre Firma mit Sitz in Bäch (SZ), wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen.