«In einem einzigen Augenblick war die Katastrophe geschehen. Das Einzige, an das ich mich erinnere, ist, dass ich am Boden lag, dass es immer kälter wurde und ich mich in einer Lache klebriger Flüssigkeit befand. Dass es mein eigenes Blut war, wusste ich nicht.» Dass die kleine Vietnamesin Mui bei einer «alles zerstörenden Detonation» in ihrem Dorf ein Bein verloren hatte - und später auch das zweite verlieren sollte - ahnte sie in diesem Moment nicht.

Erst im Spital trat das Ausmass ihrer Verletzungen zutage. «Später», erzählt sie in ihrem Buch «Erinnerungen an Vietnam - Die Geschichte meiner Familie», «habe ich mich nie, bis heute nicht ein einziges Mal, über dieses Schicksal beklagt. Selbstmitleid? Ich kenne es nicht. Plötzlich war einfach eine neue Situation eingetreten. Mit dieser Tatsache fand ich mich ab. Fertig.»

Ansteckender Grundoptimismus

Man muss hier innehalten, um diesen Worten nachzulauschen. Nach einer Weile stellt man fest: Obgleich mehrheitlich vom Vietnam-Krieg berichtend, durchzieht Muis Buch auch ein ansteckender Grundoptimismus. Die Neugier ist geweckt. Wer ist Mui Vong Sop? Wer ist Edith Nielsen Saad-Moor, die aufgeschrieben hat, was Mui ihr erzählt hat?

Die erste Buchseite ist aufschlussreich: Edith Nielsen ist «Mami», die Schweizer Pflegemutter von Mui; «Nên» ist die vietnamesische Mutter von Mui. Wie das versehrte Mädchen in die Schweiz gekommen ist; wie es - da seine Eltern noch lebten - wieder in seine Heimat Vietnam reisen musste, um dann nach 16 Jahren für immer in die Schweiz und zu seiner Schweizer Familie zurückzukehren - davon handelt ein nie mit aufgesetzter Betroffenheit spielendes und gerade deshalb berührendes Buch.

Nun aber sitzt einem nicht die heute 46-jährige Mui Vong Sop gegenüber, sondern Edith Nielsen aus Mellingen. Womit beginnen? Sie überlegt kurz, sagt: «Als Mui 1989, nach 16 Jahre währender Abwesenheit, wieder zu uns kam, war es schön zu sehen, was sie von unserer Familie in Erinnerung behalten hat.» Dann erwähnt Edith Nielsen, was ihr von der ersten Begegnung unvergesslich bleiben wird: «Mui hat mich angeschaut und einfach nur ‹Mami› gesagt.»

Dieses bedeutungsvolle Wort kittet. So sehr, dass Mui ihrer Schweizer Mutter viel erzählt hat. «Vom Krieg, von der eng zusammenhaltenden Familie, von Geschwistern, die umgekommen sind, von beispielloser Armut, aber auch vom Mut, stets nach vorne zu schauen.»

Erst in der Schweiz die Schule besucht

Verpasste Gelegenheiten? Nein, schüttelt Edith Nielsen den Kopf, von solchen habe Mui nie gesprochen, obgleich sie in Vietnam wegen der Kriegswirren keine Schule besuchen konnte. Erst in der Schweiz hat sie Deutsch- und Kochkurse besucht «und heute», sagt ihre Mutter, «meistert sie ihr Leben gut alleine in ihrer kleinen Wohnung.»

Für die meisten Menschen ist das selbstverständlich - für Mui nicht. Denn sie ist behindert; geht mit zwei Prothesen, «strahlt ungeachtet dessen aber derart viel Lebensbejahung und Fröhlichkeit aus, dass ich beeindruckt bin», sagt Edith Nielsen und verweist auf einen Satz von Mui, dem sie sich besonders verpflichtet fühlt: «Wir leben jetzt». Spricht Edith Nielsen von Mui, scheint der tiefe Respekt vor ihrer Tochter auf.

Deshalb versteht sich Nielsen auch primär als «Werkzeug», das Muis, mit Jahreszahlen spärlich umgehende Erzählungen, gebündelt und zu Papier gebracht hat. Liest man das Buch, denkt man sofort: Dass sich die beiden Frauen gefunden haben, kann kein Zufall sein.