Wettingen
Vizeammann Studer lässt sich nicht von Grenzen einschränken

Politik, das ist für Heiner Studer nicht Beruf, sondern Berufung. Religion und Politik im Dienste der Menschen prägen sein Leben. Am 31. Dezember scheidet Vizeammann Heiner Studer nach 40 Jahren aus der Wettinger Gemeindepolitik aus.

Dieter Minder
Drucken
Teilen
Heiner Studer in der Stube, die auch Sitzungszimmer ist.

Heiner Studer in der Stube, die auch Sitzungszimmer ist.

Annika Bütschi

Hier wird gelebt, das sehen alle Gäste, die die Stube im 1. Stock des Wohnhauses an der Austrasse betreten. Ein grosser Esstisch, eine grosse Polster-Sitzecke, mehrere Vitrinenschränke und eine Ornamenttapete prägen den Raum. Kunstvolle Glasschalen, Bücher, ein Trollpaar und Kinderspielzeug gehören zur Einrichtung. An den Wänden hängen Bilder, darunter zwei Stiche der historischen Stadt Baden.

Späterer Ministerpräsident von Norwegen als Trauzeuge

Hier, knapp an der Gemeindegrenze zwischen Baden und Wettingen, wohnt Vizeammann Heiner Studer mit seinen Familien. Im Erdgeschoss lebt Tochter Birgit mit ihrem Kind. Im Neubau dahinter sind sein Bruder Martin und seine Schwester Hanna mit ihren Ehepartnern zu Hause.

«Meine Enkelin Grace ist die fünfte Generation unserer Familie in diesem Haus», sagt Heiner Studer und betont damit, wie stark seine Familie mit dem Quartier verbunden ist.

1915 hatte sein Grossvater das Haus gekauft. Vielleicht ist es diese Grenzlage des Hauses, die die Familie Studer grenzenlos werden liess: So heiratete Heiner Studer seine Frau Marit Andestad 1974 in Norwegen: «Wir haben uns in der Politik kennen gelernt.»

Ihr Trauzeuge war Kjell Magne Bondevik, der spätere Ministerpräsident von Norwegen. Tochter Heidi ist in Norwegen verheiratet und hat Heiner und Marit Studer vor fünf Monaten zum zweiten Mal Grosseltern werden lassen. Tochter Lilian ist in die politischen Fussstapfen des Vaters getreten.

Mit 48 Jahren der dienstälteste Grossrat

Politik, das ist für Heiner Studer nicht Beruf, sondern Berufung. «Schon als junger Schüler kannte ich alle Namen der Regierungsräte des Aargaus», erinnert er sich. Während der Ausbildung, die er mit der Handelsmatur abschloss, war er politisch aktiv.

Mit knapp 24 Jahren wurde er in den Grossen Rat des Kantons Aargau gewählt, als Mitglied der Evangelischen Volkspartei (EVP). 1997 war er, im Alter von erst 48 Jahren, bereits dienstältester Grossrat und damit bei der Sessionseröffnung Alterspräsident des Kantonparlamentes.

In dieser Funktion nahm er die heutige Bundesrätin Doris Leuthard und die amtierenden Regierungsräte Urs Hofmann und Alex Hürzeler als Mitglieder des Grossen Rates in Pflicht.

Religion und Politik im Dienste der Menschen prägen sein Leben. In beidem lässt er sich nicht von Grenzen einschränken. «Wir sind immer in die Evangelisch-Methodistische Kirche gegangen.»

Sie liegt an der Utostrasse, rund 100 Meter von Wohnhaus der Familie Studer entfernt, aber in Baden. «In dieser Kirche wurde ich auch konfirmiert und es ist heute noch meine Kirche.»

Aber er ist auch eng mit der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Wettingen verbunden: Von 1976 bis 1982 war er deren Präsident.

Weiter präsidierte er die Synode der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Aargau und war Mitglied des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK).

Er führt im Auftrag der Evangelisch-Reformierten Landeskirche immer wieder Kirchgemeinden, die in Schwierigkeiten stecken: «Momentan führe ich die Kirchgemeinden Auenstein und Zurzach als Kurator.»

Heilpädagogische Schule war schönster Erfolg

Am 19. Dezember wird Heiner Studer nach 40 Jahren zum letzten Mal an einer Einwohnerratssitzung im Wettinger Rathaussaal teilnehmen. Und obwohl Politik sein Beruf ist, wird er am 31. Dezember dieses Kapitel abschliessen: «Dann ist die Gemeindepolitik Sache anderer Leute, ich ziehe mich ganz daraus zurück.»

Doch ohne Politik geht bei Heiner Studer eben doch nichts. Jetzt engagiert er sich bei der Europäischen Christlichen Politischen Bewegung (ECPM) als Präsident des Beirates, sagt er zu seiner neuesten Aufgabe.

«Die ECPM wurde gegründet, um christliche Werte und besonders in Osteuropa die Demokratie zu stärken.» Im November wurde er von Politikern und Kirchenleuten in Zagreb (Kroatien) eingeladen um ein Referat über Volksabstimmungen zu halten.

«Mein schönster Erfolg ist die Heilpädagogische Schule», sagt Heiner Studer beim Rückblick auf seine 40 Jahre als Politiker in Wettingen.

Während dreier Legislaturperioden, von der Planung bis zur Fertigstellung, hat ihn dieser 2001 eröffnete Bau beschäftigt. «Hier haben wir ein optimales Schulhaus für junge Menschen mit einer Behinderung geschaffen.»

Grenzübergreifendes haftet auch diesem Projekt an: Das Schulhaus wurde von einem Badener Architekturbüro geschaffen und wird von Jugendlichen aus dem ganzen Bezirk Baden besucht.

Auch als Moderator und Berater gefragt

Als negativ in der Politik sieht er das Verhalten von einigen Leuten. «Oft, wenn man eine Meinung vertritt, wird dahinter etwas Negatives vermutet oder hineininterpretiert», sagt er. «Ich liebe offene Debatten, in denen die Leute aufeinander zugehen.»

Dass er dabei seine Ansichten und die bisherigen Beratungsergebnisse mit Leidenschaft vertritt, steht für ihn ausser Frage.

Doch absolut unbestritten ist für Heiner Studer: «An Schluss jeder Debatte muss eine gute Lösung stehen.» Deshalb geht er nie mit einem Kompromiss in eine politische Ausmarchung: «Der Kompromiss ist das Ergebnis nach einer Debatte.»

Und wenn dann ein demokratischer Entscheid gefallen ist, gibt es nichts mehr zu deuten: «Daran müssen wir uns halten und ihn vollziehen.»

Oft waren Studers Fähigkeiten als Moderator und Berater im Einwohnerrat gefragt. Besonders dann, wenn die Einwohnerrätinnen und Einwohnerräte sich wieder einmal stark ins Zeug legten und ein Geschäft mit einer Antragslawine eindeckten.

Dann half Studer, das Abstimmungsprozedere in die richtigen Bahnen zu leiten. Ihm kam dabei seine langjährige Erfahrung zugute, nicht nur im Einwohnerrat, sondern auch im Grossen Rat und im Nationalrat.

Aus der Ruhe liess er sich nie bringen. Auch dann nicht, wenn im Einwohnerrat ein Parlamentsmitglied in seinem Votum eher persönliche als sachliche Argumente verwendete. Nur einmal in den vielen Jahren schimmerte sein Missbehagen durch.

«Ich verstehe nicht, wie du bei allen Leuten Missbrauch vermutest - ausser bei dir», antwortete er auf einen besonders tief unter der Gürtellinie erfolgten Angriff. Dann aber war er wieder der nüchterne, engagierte Politiker, dem vor allem das Wohl der Gemeinde Wettingen und deren Bevölkerung am Herzen liegt.

Aktuelle Nachrichten