Urwald
Volk der Mbya: «Mit dem Jaguar muss man reden, dann tut er einem nichts»

Die Badener Vereinigung Sagittaria kauft Wald und gibt ihn den Nachfahren der Eigentümer zurück.

Johannes Jenny*
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Eine Siedlung im Wald. Dieser gehört dank Sagittaria heute wieder den Bewohnern.

Eine Siedlung im Wald. Dieser gehört dank Sagittaria heute wieder den Bewohnern.

Vereinigung Sagittaria

Vereinigung Sagittaria

«Am Anfang schuf Gott die Pflanzen. Doch sie vermehrten sich sehr und drohten alles zu überwuchern. Da schuf Gott die Tiere. Doch die vermehrten sich ebenso sehr und drohten alle Pflanzen aufzufressen. Da schuf Gott den Mbyá und alles war gut! Doch da bemerkte Gott, dass die Erde Gold, Silber und andere Bodenschätze enthielt, schuf den Weissen und gab ihm die Bodenschätze.»

So fasst Häuptling Verá Mirí die Schöpfungsgeschichte seines Volkes zusammen. Die ursprünglichen Bewohner des Atlantik-Urwaldes im Länderdreieck Brasilien, Argentinien und Paraguay fühlen sich verantwortlich für den Wald und alles, was darin wächst und lebt. Um Gold und Silber kümmern sie sich nicht, das ist Sache der Weissen.

Seit zehn Jahren kauft die Badener Vereinigung Sagittaria Urwald und waldfähige Standorte und gibt sie ins Eigentum der Mbya Guaraní. Diese schützen den Wald besser als jede noch so gute Nichtregierungsorganisation, denn sie empfinden sich als Teil des Waldes und den Wald als Teil von sich selbst.

Der erste Landkauf von 6 Hektaren war eine Feuerwehrübung: Zwei Mbyá-Familien, die bereits auf dem Land ihre Hütten gebaut hatten, sollten vertrieben werden. Im letzten Moment konnte der Eigentümer vom Verkauf überzeugt werden. Das nächste Stück war vorwiegend offenes Land, das nun rasch von Lichtbaumarten überwachsen wird. Diese 56 Hektaren Erde nennen die Mbya «Tupamba é» (wo Gott ist).

Selbstversorger dank dem Wald

Zurzeit leben dort 47 Erwachsene und 44 Kinder von Maniok, Bananen, Süsskartoffeln, einem Dutzend Maissorten, Bohnen und dem wieder nachwachsenden Wald. Unter ihnen lebt auch die Heilerin, die mit grossem Erfolg auch weisse Patienten behandelt. Dadurch kann die Gemeinschaft das, was das Land nicht hergibt, im nahen Ruiz de Montoya kaufen. Das dritte Stück Erde ist von wunderschönem Wald bestockt. Seine Bewohner versorgen sich selbst. Hier gibt es genügend Wild, sodass diese Menschen durch die Jagd auch das nötige Eiweiss aus dem Wald gewinnen.

Das Projekt YPY (der Anfang) dient nicht der Entwicklungshilfe, denn das haben die Mbyá Guaraní nicht nötig. Sie sind hoch entwickelt, bloss in eine ganz andere Richtung als wir. Wenn, dann könnte das Projekt Denkanstoss für unsere eigene Entwicklung sein. Die Idee des Häuptlings Verá Mirí das Schicksal der Wälder dieser Erde in die Hände von Menschen zu geben, die täglich die Verantwortung für den Wald wahrnehmen, ist ein Ansatz, der überall hilfreich sein könnte.

Neben den Mitgliederbeiträgen von «Sagittaria» sind es Legate und Vergabungen, welche die bisherigen Käufe ermöglichten. Tradition ist das Konzert von Harfenschülerinnen, die jeweils im Juni die Passanten in der Badener Badstrasse für das Projekt begeistern. Matthias Bernhard, Präsident von «Sagittaria» spendet pro Flasche argentinischem Wein, die er verkauft einen Franken.

Grösster Landkauf steht bevor

Weitere Ideen sind gefragt, denn nun steht der grösste, je getätigte Landkauf an: 660 000 Franken kosten die 440 Hektaren Wald, wo die südlichste Population des Jaguars lebt. Die gefleckte Katze ist erstaunlicherweise für die Mbya kein Problem. «Der Jaguar ist unser Bruder. Man muss mit ihm reden, dann tut er einem nichts», sagt Verá Mirí. «Sagittaria» wird andere Schutzorganisationen um Unterstützung bitten – und auch mit dem «Jaguar» reden: mit der Schweizer Vertretung des Jaguars auf Rädern.

* Johannes Jenny ist Geschäftsführer von Pro Natura Aargau und ehemaliger FDP-Grossrat, sowie Vorstandsmitglied und Projektleiter von Sagittaria, Schweizerische Vereinigung für Naturschutz in Argentinien; 5400 Baden, Postkonto: 34-90879-0.

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