Alstom-Schock

Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann: «Wir werden nichts unversucht lassen»

© Chris Iseli

Der kantonale Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann äussert sich zum Stand der Dinge im Ringen mit General Electric. Er verteidigt den Werkplatz im Aargau und ist überzeugt, dass GE diese Botschaft verstanden hat.

Herr Hofmann, was hat die Politik in den zehn Tagen seit der GE-Schocknachricht getan?

Urs Hofmann: Der Regierungsrat hat gegenüber GE nochmals seine Betroffenheit und sein Bedauern über den angekündigten Stellenabbau ausgedrückt, aber auch seine grosse Überraschung über dessen Ausmass. Er erwartet von GE konkrete Massnahmen zur Reduktion des Stellenabbaus. Auch haben wir geeignete Strukturen geschaffen, um die anstehenden Fragen zu bearbeiten. Der Regierungsrat hat bereits am 13. Januar eine Task-Force eingesetzt.

Wie weit ist sie?

Sie hat ihre Arbeit umgehend aufgenommen und wird eng mit den Arbeitnehmervertretungen, der GE-Führung, den Standortgemeinden, dem Bund, kantonalen Wirtschaftsorganisationen sowie weiteren Partnern zusammenarbeiten. Verschiedene Treffen und Gespräche haben bereits stattgefunden, zahlreiche weitere sind vereinbart. Auch haben wir ein Gespräch zwischen Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und dem Chef von GE-Power, Steve Bolze, am WEF initiiert, das am Donnerstag stattgefunden hat.

Welche Möglichkeiten hat die Regierung im Konsultationsverfahren?

Die Personalvertretung von GE kann Vorschläge zur Verhinderung oder Minderung der Stellenreduktion einreichen. Dieser Prozess läuft voraussichtlich bis Mai 2016. Die Task-Force wird sich in diesen Prozess einbringen, aber auch direkt bei GE auf eine Begrenzung des Stellenabbaus hinwirken. Nebst diesen Bemühungen zum Erhalt von möglichst vielen Stellen wird sich der Regierungsrat für sozial verträgliche Lösungen für die vom Stellenabbau betroffenen Mitarbeitenden einsetzen. Hier steht GE in der Pflicht.

Wird die Aargauer Regierung von einer Weltfirma mit Sitz in den USA denn wirklich wahrgenommen?

In der Tat war der Aargau vor anderthalb Jahren für GE ein weisser Fleck auf der Landkarte. Wir haben seither den Vertretern von GE in zahlreichen Gesprächen die Vorteile des Standortes Aargau aufgezeigt.

Und was hat es gebracht?

Es ist kein Zufall, dass GE gerade im Aargau – konkret in Baden – erstmals in ihrer Firmengeschichte zwei globale Hauptquartiere ausserhalb den USA angesiedelt und wiederholt ihr Interesse an einer Weiterentwicklung des Standortes Aargau bekräftigt hat. Dies, nachdem ursprünglich von einer Totalaufgabe der Geschäftstätigkeit in der Schweiz die Rede war und im Frühjahr 2014 das Schlimmste befürchtet wurde.

Wie verteidigen Sie den Werkplatz?

Der Regierungsrat hat GE die hohe Qualität und die enorme Leistungsbereitschaft der Mitarbeitenden in unserem Kanton aufgezeigt. Und wir haben die vorzüglichen Möglichkeiten präsentiert, wie das Unternehmen den Industrie-Cluster Aargau für die eigene Forschungs- und Entwicklungstätigkeit nutzen kann. Dazu gehören Kooperationsmöglichkeiten im neuen Innovationspark innovAARE sowie mit dem Paul-Scherrer-Institut PSI, einer der weltweit führenden Forschungsinstitutionen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Mit Hightech Aargau steht zudem eine optimale Plattform für die Vernetzung mit weiteren Forschungs- und Bildungsinstitutionen sowie mit unseren KMU zur Verfügung.

Ist die Botschaft über unseren Werkplatz bei GE angekommen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Dies zeigte auch der Besuch des Chefs des europäischen Forschungszentrums von GE in München am PSI. Er hat übrigens an der ETH Zürich habilitiert und kennt unsere Qualitäten.

Kann man über die bedrohten Stellen verhandeln, oder ist das aus Sicht von GE in Stein gemeisselt?

Die Personalvertretung wurde von GE ausdrücklich aufgefordert, im Rahmen der Konsultation Vorschläge zur Verhinderung oder Minderung der beabsichtigten Restrukturierung zu unterbreiten. Die Erfahrung zeigt, dass grosse Restrukturierungen, wie die von GE angekündigte, äusserst komplex sind und oft mit Planannahmen gearbeitet werden muss. Für uns ist diese Zahl also nicht in Stein gemeisselt.

Wie geht es denn jetzt weiter?

Es ist eine vorrangige Aufgabe der Task- Force, die vorhandenen Informationen zu analysieren und zusammen mit den Arbeitnehmervertretungen und dem Unternehmen Massnahmen zu prüfen, die zu einem geringeren Stellenabbau führen. Dazu gehört auch die Frage, ob durch Kurzarbeit Arbeitsplätze erhalten werden können. Auch wenn die Mittel und Einflussmöglichkeiten des Kantons beschränkt sind: Unversucht lassen werden wir nichts.

Die Gewerkschaften fordern einen neuen Euro-Mindestkurs. Und Sie?

Der überbewertete Franken spielte beim GE-Entscheid nur am Rand eine Rolle. Die Exportindustrie, auch der Tourismus, leidet aber sehr darunter. Die Bewährungsprobe kommt in diesem Jahr. Es ist sicher wünschenswert, dass die Nationalbank mit Interventionen den Franken weiter schwächt, sodass ein Euro bald wieder mindestens Fr. 1.15 kostet. Ich könnte mir – das ist meine persönliche Meinung – je nach weiterer Entwicklung vorstellen, dass ein neuer Mindestkurs nach einem klaren Konzept ernsthaft geprüft werden müsste.

Die Menschen sind enttäuscht, dass Joseph Deiss, Präsident von Alstom Schweiz, abgetaucht ist.

Joseph Deiss hat sich in den letzten eineinhalb Jahren sehr für den Standort Schweiz eingesetzt. Aufgrund seiner heutigen Funktion bei GE äussert er sich nicht öffentlich. Am 13. Januar war er jedoch beim Gespräch der Regierung mit dem Schweizer Chef von GE, Paul McElhinney, im Regierungsgebäude in Aarau dabei.

Werden Sie heute an der Demonstration in Baden dabei sein?

Es gehört zu den Aufgaben der Personalvertretung und der Gewerkschaften, sich für ihre Mitglieder einzusetzen und alles zu unternehmen, um den drohenden Stellenabbau zu verhindern. Dazu gehört auch eine Kundgebung, wie sie in Baden stattfindet. Der Regierungsrat hat dafür vollstes Verständnis. Seine Aufgabe ist es, zu verhandeln und gegebenenfalls zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite zu vermitteln.

Das heisst?

In diesem Sinne setzt sich der Regierungsrat mit Nachdruck auch gegenüber GE für den Erhalt von möglichst vielen der bedrohten Stellen sowie für die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Kanton Aargau ein. Angesichts dieser unterschiedlichen Rollen hat der Regierungsrat beschlossen, keine Delegation an die Kundgebung zu entsenden. Er sichert jedoch allen Betroffenen seine Unterstützung und seine Solidarität zu.

Was würden Sie den vom Abbau Betroffenen zu ihren Ängsten sagen?

Ich verstehe die Unsicherheit, die Zukunftsängste, aber auch den Unmut, die Enttäuschung und die Wut der GE-Mitarbeitenden. Die Situation der von einem möglichen Stellenabbau betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigt und bedrückt auch mich. Ich kann allen versichern, dass der Regierungsrat und ich persönlich alles in unserer Macht Stehende unternehmen , um das Ausmass des Abbaus zu verringern und die Betroffenen wirkungsvoll zu unterstützen.

Meistgesehen

Artboard 1