Baden-Balladen Nummer 65: Simon Libsig macht eine Kur
Voll im Saft

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Sind Sie bereit? Ja? O.k. Dann versuchen Sie sich jetzt in den nächsten paar Sekunden unter keinen Umständen vorzustellen, wie sie gerade drei knus­prige Pommes Frites zerkauen und mit der Hand eine Zitronenscheibe über einem herrlichen Wienerschnitzel ausdrücken. Bitte. Sie können loslegen. Aber nicht ans Schnitzel denken!

Sehen Sie? Jetzt wissen Sie, womit ich gerade kämpfe. Seit meine Frau und ich entschieden haben, zum ersten Mal in unserem Leben eine Saft-Woche einzulegen, läuft mir schon beim Tippen von «einzulegen» das Wasser im Mund zusammen. Weil ich mir direkt vorstelle, was man denn alles einlegen könnte. Oliven zum Beispiel. Oder getrocknete Tomaten. Mhhhm. Oder Grossmamis Sauerbraten. Den hat sie immer mehrere Tage lang eingelegt. Und die ganze Küche duftete danach.

Meine Güte. Ich schweife ab. Auch eine Nebenwirkung dieses Saft-Experiments. Ohne feste Nahrung scheine ich auch keinen Gedanken mehr festhalten zu können. Das flutscht alles durch. Und dabei ist heute erst der vierte Saft-Tag. Glaube ich. Oder der erste? Es verschwimmt alles.

Das Essen für die Kinder lassen wir unterdessen liefern. Selber kochen wäre zu gefährlich. Wie schnell ist man da schon mal mit einem Löffelchen in der Sauce, um abzuschmecken? Oder man fischt sich eine Spaghetti aus dem Wasser, um ihre Bissfestigkeit zu testen? Eben.

Und ganz wichtig: Während die Kinder essen, schliessen meine Frau und ich uns im Keller ein. Natürlich nicht im Vorratskeller. Nein. Ich habe extra für diese Woche den Heizungskeller ein wenig hergerichtet, die Wände grün gestrichen, blaues Licht, dazu ein paar Matten ausgelegt, ein Aquarium an die Wand projiziert, ich nenne es den «sicheren Hafen». Hier komme ich gerne auch mal ausserhalb der Essenszeiten her, einfach um zu weinen. Oder zu fluchen. Der Heizungslärm schluckt das zum Glück alles. Nur leider verstärkt er auch meine Kopfschmerzen. Heieiei, pocht mir der Schädel!

Natürlich sind das Entzugserscheinungen, völlig klar. Aber das Wissen darum macht mir nur noch mehr Kopfschmerzen. Mit der rechten Hand massiere ich quasi ununterbrochen in kreisenden Bewegungen meine Schläfen, und mit der Linken zupfe ich an meinem Bauchfett herum, um zu kontrollieren, ob es wenigstens schon ein bisschen zurückgegangen ist. Und jetzt habe ich «bisschen» getippt und denke natürlich sofort an einen «kleinen Bissen» von einem saftigen Wienerschnitzel, und schon sind wir wieder am Anfang. Aber wissen Sie was? Anfang ist gut. Denn Anfang heisst, man ist noch nicht am Ende. Und das bin ich auch nicht. Ich musste lediglich Messer und Gabel abgeben. Aber den Löffel noch nicht! Ich bin voll im Saft. Und freue mich auf das Dessert.

Simon Libsig, Poet (42), hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» veröffentlicht. Seine Kolumne erscheint immer am ersten Donnerstag im Monat.