Montagsporträt

Vom Croupier zur Pflegefachfrau: «Ich fragte mich: Wars das schon?»

Früher war sie Croupier im Grand Casino Baden, heute arbeitet sie als Pflegefachfrau. Der erstaunliche Berufsweg von Verena Uhlenbruck.

Schnell und geschickt wickelt Verena Uhlenbruck den Verband um den Knöchel. Er soll fest sitzen, damit er nicht verrutscht und trotzdem nicht einschneidet. Im Ambulatorium der Spitex Baden verrichtet die diplomierte Pflegefachfrau Arbeiten, die nicht jedermanns Sache sind. Sie versorgt nässende Wunden, macht Spritzen, legt Infusionen oder Blasenkatheter, bietet Unterstützung bei der Versorgung von künstlichen Darmausgängen und, und, und ... Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass dieselbe Person 11 Jahre lang im Grand Casino Baden an den Spieltischen sass und als Croupier Chips oder Karten verteilte. Was veranlasste sie zu einem derart krassen Berufswechsel?

Von der Not- zur Dauerlösung

Die Spielbank war für Uhlenbruck, die aus Nordhessen stammt, anfänglich eine Notlösung. «Ich hatte bei der Telekom eine Lehre zur Kommunikationselektronikerin gemacht. Als das Staatsunternehmen 1995 privatisiert wurde, verloren viele ihre Jobs. Ich gehörte zum ersten Lehrgang, der komplett entlassen wurde», erinnert sich die 44-Jährige. Sie zeigt beim Erzählen keine grossen Gefühlsregungen.

Mit ihrer ruhigen, diskreten und hilfsbereiten Art ist sie genau die Richtige für die Pflege. Aber eben auch für eine Spielbank. So unterschiedlich die Tätigkeitsfelder sind: psychologisches Feingefühl braucht es für beide. Weil es in ihrer deutschen Heimat keine Arbeitsmöglichkeiten gab, machte Uhlenbruck einen Lehrgang zur Croupier in der Spielbank Kassel. «Für mich war das bloss eine Übergangslösung, bis ich wieder einen Job gefunden hatte. Aber dann machte mir die Arbeit an den Spieltischen derart Spass, dass ich die gesamte Ausbildung absolvierte.»

2002 wurde ihr vom Grand Casino Baden eine Festanstellung als Croupier angeboten. Sie nahm an und blieb 17 Jahre. Gegen Ende habe sich dann eine gewisse Routine eingeschlichen. «Ich war 40 und fragte mich, ob das schon alles gewesen sei», erzählt die Frau, die mit ihrem Mann Wilhelm in Baden lebt. Ihr war bewusst, dass ein Berufswechsel nochmals eine komplett neue Ausbildung erforderte. «Wer in meinem Alter nochmals von vorne anfangen will, hat begrenzte Möglichkeiten. Ich entschied mich für den Pflegebereich, weil er spannend und abwechslungsreich ist.» Seit drei Jahren ist sie nun diplomierte Pflegefachfrau und arbeitet bei der Spitex Baden.

Obwohl ihr Verdienst heute deutlich geringer ist als früher, fühlt sie sich im neuen Beruf so erfüllt wie noch nie. «Helfersyndrom habe ich zwar keins. Aber es bereitet mir schon Freude, wenn ich dazu beitragen kann, dass es pflegebedürftigen Leuten etwas besser geht.» Jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Neben der Tätigkeit im Ambulatorium macht Uhlenbruck vor allem Hausbesuche. Bei Patienten, die ohne Hilfe bewegungsunfähig sind, gehen die Einsätze oft über zwei Stunden. Aufstehen, Duschen, Ankleiden, Esseneingeben bis zur Hilfe beim Verrichten der «täglichen Geschäfte». Dazu Medikamenten-Verabreichung, Umlagerung bei Bettlägerigkeit und immer wieder Symptome wie Schmerzen und Atemnöte lindern.

Manche Menschen erholen sich wieder, bei vielen ist der schlechte Zustand aber endgültig oder verschlimmert sich gar noch. «Ich staune oft, wie fröhlich gewisse Patientinnen und Patienten sind», erzählt Uhlenbruck. Dankbarer ist sie geworden, dass sie selber gesund ist. «Ich werde halt oft damit konfrontiert, wie schnell es gehen kann. Ein Unfall – und plötzlich sitzt man im Rollstuhl.»

Immer ein offenes Ohr

Uhlenbruck bezeichnet sich als psychisch stark und pragmatisch. «Egal, wie schlimm die Lebenssituation ist. Es gilt immer das Beste daraus zu machen. Was bleibt einem denn anderes übrig?» Sie erlebt oft, wie Schwerkranke oder Betagte sich noch Ziele setzen. Zum Beispiel, den Garten nochmals blühen zu sehen. Oder den bevorstehenden Geburtstag des Enkels mitzuerleben. «Heute berichtete mir eine Patientin voller Freude, dass sie die Kraft hatte, selber aufzustehen und sich etwas zu essen zu kochen. Es sind die ganz kleinen Schritte, die in schwierigen Situationen enorm wichtig werden.»

Immer wieder kommen der Spitex-Pflegefachfrau spannende Geschichten zu Ohren. «Eine Dame erzählte mir, dass sie früher auf einer Party mit dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion getanzt habe. Ich reduziere betagte Patienten nie auf ihren jetzigen Zustand. Sie waren auch mal jung und aktiv, haben viel erlebt.»

Andere hingegen seien verstummt. Eine Dame, die sich nicht mehr vergegenwärtigen konnte, dass Uhlenbruck bei ihr zu Hause Pflegearbeiten verrichtete, fragte empört: «Was macht das Bild von meinem Mann in ihrer Wohnung?» «Da kam ich in Erklärungsnot», sagt Uhlenbruck und lacht. Gibt es Schicksale, die ihr näher gehen als andere? «Ja», gesteht sie, «kürzlich starb eine Frau, die ein richtiger Sonnenschein war. Wir vermissen sie alle.»

Am 1. Juli werden die bisher fünf Spitex-Stützpunkte zu den zwei Standorten Spitex-Stadt (Baden) und Spitex-Land (Turgi) zusammengefasst. Der Standort an der Bahnhofstrasse 40 in Baden mit dem Ambulatorium bleibt bestehen. Im Sommer macht Verena Uhlenbruck eine einjährige Weiterbildung zur Wundexpertin. Ihre Zukunftsperspektiven sind vielfältig, und sie ist überzeugt: «Ich habe hier meinen Traumjob gefunden.»

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