Bei 23 Grad fühlt sich Sandra Walser am wohlsten. Sie sei ein «Gfrörli», sagt sie, oder zumindest ertrage sie die Kälte nicht so gut wie andere Menschen. Doch ausgerechnet Kälte und Eis ziehen die 41-jährige Wettingerin an wie sonst nichts. Vier Monate im Jahr fährt sie mit dem Schiff durch die Arktis oder die Antarktis, je nachdem, wo gerade Sommer ist. «Dann herrschen dort Temperaturen wie bei uns im Winter», sagt sie.

Walser begleitet Touristen in den ewigen Winter, hält Vorträge, erklärt, wie man sich auf dem Eis verhalten muss, und lehrt dick eingepackte Ferienpassagiere, wie sie die Landschaft sehen können. «Dazu braucht es Geduld», sagt sie. «Eis ist nicht einfach weiss und still. Es hat verschiedene Weiss-, Blau-, Grün-, Grau- und Schwarztöne. Es knirscht, ächzt und kracht.»

Sandra Walser war im Kindergarten, als sie das Bilderbuch «Kinder des Nordlichts» anschaute. «Das Nordlicht und die Eislandschaft im Kinderbuch haben mich nie mehr losgelassen», erzählt sie, während sie die Anweisungen des Fotografen befolgt. Für das Sujet hat sie sich das Klosterareal ausgesucht, wo sich die Kantonsschule Wettingen befindet. Hier besuchte sie die Schule. Sie zeigt auf den länglichen Bau, da habe sie Bio und ein Zimmer weiter Chemie gehabt. «Keine so schöne Erinnerung», sagt sie und lacht.

Erst Jahre später erfüllte sie sich ihren Traum. Walsers erste Reise führte sie allerdings nicht nach Lappland wie im Kinderbuch, sondern nach Grönland und Island. Zwei Jahre nachdem sie das Studium beendet hatte, 2006, nahm die damals 30-Jährige ihr gesamtes Erspartes – mehrere tausend Franken – und fuhr für zwei Wochen auf einem russischen Eisbrecher in die Antarktis.

Schon oft beschrieb Walser, was sie erlebte, als sie das erste Mal diese unendlich scheinende Welt aus Eis besuchte. «Die Landschaft hat mich bis ins Innerste berührt. Es fühlt sich an, als wäre man in einer anderen Dimension. Die Zeit vergeht langsamer.»

Über 100 000 Fotos

Ihre Eindrücke hält Walser fotografisch fest. «Es müssen inzwischen über hunderttausend Fotos sein», schätzt sie. Nicht zuletzt wegen ihrer Bilder wird sie immer wieder als Polarfotografin gesehen. Studiert hat sie allerdings nicht Fotografie, sondern Filmwissenschaften. «Ich entdeckte die Leidenschaft fürs Fotografieren bereits mit zehn Jahren und lernte mit den Jahren das Handwerk», erzählt sie.

Ihre Bilder finden sich in Kalendern, Büchern oder Zeitungsreportagen. Auch ein Buch über Polarfotografie hat sie geschrieben. «Weil mich meine Gäste immer wieder nach Tipps und Tricks fragen.»

Aussenstehende sagen über Walser schnell einmal: «Du hast deinen Lebenstraum verwirklicht.» Doch selber sieht sie das nicht so pathetisch. «Ich habe mir einfach einen sehr grossen Wunsch erfüllt.» Einen Wunsch, für den sie vieles in Kauf nehme. Walser musste ihre Flugangst überwinden, kämpft zu Beginn jeder Schiffsreise mit der Seekrankheit, muss ihre Privatsphäre preisgeben, weil sie ihre Wohnung in Zürich untervermietet, wenn sie auf Reisen ist. Manchmal plage sie in jener Welt aus Eis und Schnee sogar das Heimweh.

Regelmässig besucht sie ihre Eltern und ihren Bruder in Wettingen. Doch eine eigene Familie hat Walser keine. «Es hat sich nicht ergeben.» Für ihren Lebensentwurf erntet sie nicht nur Verständnis. «Ich musste mich immer wieder rechtfertigen, weil ich aus der Sicht anderer nichts ‹Rechtes› mache und das doch nur eine Phase sei.» Doch Walser liess nicht locker: Zunächst heuerte sie als Fotografin an, doch erst nach drei Jahren wurde sie in ein Guide-Team aufgenommen und durfte mit Touristen durch die eisigen «Urlandschaften» fahren. «Viel Geld verdiene ich mit dieser Arbeit nicht, und manchmal können Touristen auch sehr schwierig sein», sagt sie und muss schmunzeln, weil es ihr gleich wieder leidtut, so etwas zu sagen.

Zum Leben reiche es natürlich nicht. Walser hat immer gearbeitet, wenn sie in der Schweiz war. Doch im Moment macht sie ein Sabbatical und schreibt an einem historischen Sachbuch über eine der ersten Polar-Kreuzfahrten überhaupt. Der Schweizer Maler Hans Beat Wieland nahm als Passagier vor 120 Jahren an dieser Reise teil. Lange habe sie nach seinem Reisetagebuch, seinen Bildern und Fotografien gesucht und schliesslich in einem Archiv in Winterthur gefunden.

Kulturschock in der Schweiz

Walser ist inzwischen schon über 50 Mal in die Arktis und Antarktis gereist. Erst Ende September kehrte sie von einer siebenwöchigen Schiffsreise nach Hause zurück. Sie begleitete eine Expeditions-Kreuzfahrt – «es ist mehr Kreuzfahrt als Expedition» – von Alaska über Grönland, Island und Schottland nach Hamburg – 18 000 Kilometer.

Vom Schiff, das wie eine Kapsel sei, und jener anderen Dimension in das Hier und Jetzt heimzukehren, sei immer wieder ein Kulturschock. «Die Zeit läuft viel schneller, mein Telefon funktioniert wieder, Internet, die Migros, der Verkehr, die Menschen, der Lärm.» Aber sie brauche auch diese Welt, betont Walser.

Lange wird sie allerdings nicht bleiben. Bereits Ende November zieht es sie wieder in die Antarktis. Zwei Monate wird sie die Touristen auf dem Schiff oder der «Kapsel», wie sie sagt, im Eis und in der langsam laufenden Zeit begleiten.