Wettingen
Vom Quartier auf die Müllhalde: Tennisclub wird 70 Jahre alt

In den vergangenen 70 Jahren haben die Wettinger ihre Spuren in der Schweizer Tennisszene hinterlassen. Und die aktuellen aargauischen Tennismeisterschaften sollen wieder Leben ins Vereinsleben bringen.

Nicola Imfeld
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1964 standen im Altenburgquartier noch fünf Tennisplätze – heute sind es deren acht. zvg

1964 standen im Altenburgquartier noch fünf Tennisplätze – heute sind es deren acht. zvg

Der Präsident des Tennisclubs Wettingen, André Graf, spricht nicht gerne über die Vergangenheit. Flüchtig blättert er durch die schwarz-weissen Bilder im Tennisheftli, das extra zu den aargauischen Tennismeisterschaften (ATM) erschienen ist. «Ich lebe in der Gegenwart und spreche lieber über die Zukunft, als in der Vergangenheit zu schwelgen», sagt Graf und klappt das Heftli zu.

Ein Blick in die 70-jährige Vergangenheit lohnt sich aber allemal, denn der TC Wettingen hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Der Klub wurde 1946 gegründet und war damals an der zentralgelegenen Fliederstrasse zu Hause, wo auch der erste Tennisplatz gebaut wurde. 18 Jahre später verlegte der wachsende Verein seine Heimat ins Altenburgquartier. Dort, wo früher eine Müllhalde, später eine Rollschuhbahn war, fand der TCW eine neue Bleibe.

Damals, als man noch mit Anzug und Krawatte an die Tennis-Events kam, schwangen vor allem die Reichen die Tennisrackets. Die Sportart mit dem gelben Filzball war für die Mittelschicht zu teuer. Heute trifft man in Wettingen jedermann auf einem der acht topmodernen Sandplätze an – ob Bauarbeiter, Polizist oder Banker.

Götti oder Warteliste

Der grosse Tennis-Boom Ende der 1980er-Jahre zeigte auch dem Tennisclub Wettingen seine Limiten auf. «Vor 25 Jahren brauchte man einen Götti, um dem TC Wettingen beitreten zu können. Die Wartelisten waren überfüllt», erzählt Graf. Heute ist dies anders, neue Mitglieder sind zur Seltenheit geworden. Der Stellenwert des Sports und des TCW hat sich im Laufe der Jahre verändert. «Früher war das Klubhaus ein sozialer Treffpunkt, heute kommt man nur noch, um zu spielen», so Graf.

Als Präsident und Tennisnostalgiker beschäftigt ihn diese Entwicklung. Die rund 450 Mitglieder sollen den Club nicht nur fürs Spiel nutzen, sondern auch vielmehr wieder als Begegnungsort. Deswegen führe Wettingen kein Reservationssystem im Internet, wie es viele andere Vereine tun. «So müssen die Spieler auf die Anlage kommen und schauen, ob es freie Plätze hat. Mit einem System im Internet ist alles viel anonymer, und das wollen wir nicht», sagt er.

Pedro Sales ist Titelfavorit

In den vergangenen 70 Jahren haben die Wettinger auch sportlich ihre Spuren in der Schweizer Tennisszene hinterlassen. In den 70er-Jahren war Jürg Schaffner das Aushängeschild des TCW, in den 80er- Urs Helfer und in den 90er-Jahren Marko Budic. Der wohl bekannteste TCW-Spieler der Vereinsgeschichte ist aber Reto Staubli aus Niederrohrdorf. Staubli rangierte einst in den Top Ten der Schweiz und begleitet seinen berühmten Freund Roger Federer regelmässig auf der ATP-Tour rund um den Globus.

Gut möglich, dass dereinst ein Wettinger Junior Roger Federer als besten Schweizer Tennisspieler ablöst. Denn: Der TCW hat den grössten Juniorenanteil der ganzen Schweiz. Von den 450 Mitgliedern spielt knapp die Hälfte noch auf Juniorenstufen.

Seit dem letzten Jahr hat der TCW auch wieder einen erfolgreichen Aktiven in seinen Reihen. Pedro Sales – die Nummer 22 der Schweiz – ist 2015 nach Wettingen gezogen und hat sich dem Verein angeschlossen. Sales gilt an den ATM als Kronfavorit im Hauptfeld der Männer. Er soll im Jubiläumsjahr für Wettinger Glücksgefühle sorgen.

Die seit Mittwoch laufenden kantonalen Tennismeisterschaften sollen wieder Leben ins Vereinsleben bringen. Das Klubhaus wird zu einem Begegnungsort – ganz nach dem Gusto des Präsidenten. Nur der Regen hat das emsige Treiben auf den Wettinger Tennisplätzen gestört. «Wir mussten schon auf die Aussenplätze in Baden und Neuenhof ausweichen», sagt Graf. Der Zuschauerauflauf sei bis anhin eher ernüchternd, «wohl wegen des Wetters», wie Graf vermutet. Insgesamt werden 1000 Zuschauer bis zum Sonntag erwartet.

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