«Ecco la pizza! Einimol Napoli und einimol Quattro Stagione! Va bene? En Guete!», ruft der Pizza-Bäcker aus Apulien und serviert zwei ofenfrische Pizzas.

Giuseppe «Pippo» Salvatore (63) führt die kleinste Pizzeria der Schweiz – mit nur fünf Tischen. Oft wird es hektisch im kleinen Ristorante an der Unteren Halde 11 in der Badener Altstadt. Dann muss Pizza-Profi «Pippo» gleich zehn oder zwölf Pizzas auf einmal backen – Calabrese, Hawaii, Napoli, Prosciutto, Salami e Funghi. «Gopferdelli, da muss ich aufpassen, sonst gibt es ein Casino. Bis jetzt ging es immer gut», sagt Salvatore, der allein in der Küche steht.

Eine Kochlehre hat er nie gemacht. «Ich habe einfach meiner Frau zugeschaut, wie sie die Pizzas macht.» Ein Geheimnis sei sein Pizza-Rezept nicht. «Weisch, früher habe ich auf der Baustelle den Betonboden planiert, heute planiere ich den Pizza-Teig», sagt Pippo lachend und wallt zwei grosse Pizzaböden flach. «Der Teig ist ‹fatto a casa‹, hausgemacht.» Darauf legt Meister-Pizzaiolo «Pippo» grossen Wert. Etwas Mehl beim Auswallen macht den Teig kompakt und in die Tomatensauce kommt etwas Salz und wenig Olivenöl. Weitherum schwärmt jung und alt von Pippo’s Pizzas. Nur die Pizza «Vulcano» bestellt man mit Vorsicht. «Scharf ist eben wirklich scharf bei mir!», sagt «Pippo» und zwinkert mit den Augen. «Molto piccante mit Peperoncini! Da müssen viele weinen.»

Giuseppe Salvatore stammt aus Bagnolo del Salento, einem Dorf südlich von Lecce in Apulien, ganz unten im Stiefelabsatz Italiens. «Alle von der Familie arbeiteten auf den Tabakfeldern in der Region.» Andere Arbeit gab es kaum und der Verdienst war gering. «Mein Vater meinte: Geh vier, fünf Jahre in die Schweiz zum Arbeiten. Da kannst du für ein Haus sparen und heimkehren.» 1969 kam er als Saisonnier in die Schweiz. Bruder Antonio arbeitete bereits auf dem Bau, bei der Locher AG in Zürich.

«Kaum war ich drei Tage in der Schweiz, reiste mein Bruder zurück nach Italien.» Zwillinge waren auf die Welt gekommen. «Und ich war, erst seit drei Tagen, ganz allein in Zürich! Ich hatte Angst, dass ich am Morgen die Baustelle nicht finden würde!», erinnert sich «Pippo». «Auf der Baustelle putzte ich zunächst Nägel und Schaltafeln – das war alles noch Handarbeit. Da war auch ein älterer Arbeiter, vielleicht um die 70. Ihm half ich beim Tragen der schweren Armierungseisen. Man hilft den älteren Leuten, so hatte ich das in Italien gelernt, weisch. So wurde ich Eisenleger.»

«Meiner späteren Frau Arcona habe ich viele Liebesbriefe aus der Schweiz geschrieben», erzählt «Pippo». «Und sie schrieb mir zurück – immer hin und her. Jede Woche kam ein Brief.» Unvorstellbar heute. «Mit Computern und Smartphones will ich nichts zu tun haben. Das macht dich nur nervoso!», meint «Pippo» und rückt seine Dächlikappe zurecht. 1976 wurde geheiratet, seine Frau folgte nach in die Schweiz. In Schlieren gründeten sie eine Familie: Riccardo, Mauro und Flavio kamen zur Welt. «Heute habe ich sogar zwei Enkel: Gabriel und Maximilian.»

Später wurde Salvatore Spezialist für Vakuumbeton, arbeitete auf Baustellen in Andermatt, in Basel und St. Gallen. 27 Jahre blieb er der Locher AG treu, dann wechselte er zur Firma Bau Partner AG in Dietikon. Als sich immer öfter Rückenprobleme bemerkbar machen, fängt er 2009 als Pizzabäcker an. «Ein eigenes Ristorante war immer mein Traum.» Dass das so gut laufen würde, hätte er anfangs selbst nicht gedacht: «Ein ABB-Ingenieur aus den USA ass zwei Monate lang fast jeden Abend bei mir. Weisch wieso? Ein anderer Ingenieur hatte ihm in den USA empfohlen: Wenn du in Baden bist, musst du zu ‹Pippo›! Das ist verruckt: Von mir redet man sogar in den USA!», sagt «Pippo» ein wenig stolz. «Wichtig ist einfach: Die Pizze müssen con amore gemacht sein.»

Giuseppe «Pippo» Salvatore ist ein herzensguter Mensch. «Ich habe einfach Freude, wenn die Leute meine Pizzas schätzen.» Nur als ihn die Stadtpolizei Baden während einer Baustellenphase in der Altstadt trotz Jahres-Parkkarte mehrfach büsste, platzte ihm der Kragen: «Vaffanculo!», rief er im Stadthaus und erhielt eine zusätzliche Busse wegen Beamtenbeleidigung. «Wenn ich schon bezahlt habe, steht mir doch auch ein Parkplatz in der Altstadt zu!» Salvatore schüttelt ärgerlich den Kopf. «Gopferdelli! Mamma mia! So etwas geht doch nicht. Okay, die Sache ist jetzt erledigt. Basta.»

Bald will es «Pippo» etwas ruhiger nehmen. Bei einem Treppensturz zog er sich Blessuren am Arm und Handgelenk zu. «Zurzeit suche ich einen würdigen Nachfolger. Jemand, der die Pizzeria mit Engagement und Liebe weiterführt.» Seine treuen Fans und Kunden hoffen natürlich insgeheim, dass er noch ein Weilchen länger seine Pizzas aus dem Ofen zaubert.

Kehrt «Pippo», den die Badener ins Herz geschlossen haben, dann zurück in seine Heimat? «Nein. Dort unten kenne ich gar nicht mehr so viele Leute. Heute bin ich fast mehr Schweizer.» Vom Saisonnier aus einem kleinen apulischen Dorf zum beliebtesten Pizzabäcker von Baden – ein langer und weiter Weg. «Es war nicht immer einfach.» Salvatore nimmt einen Schluck Grappa. Und meint: «Die Schweiz hat mir viel gegeben. Ich habe ein Haus in meiner alten Heimat. Und eine tolle Familie. Ohne die Schweiz hätte ich das nicht erreicht. Dafür bin ich sehr dankbar.»