Familienzentrum Karussell
Vom Selbsthilfeprojekt zum Vorzeigebetrieb in der Schweiz

Das Familienzentrum Karussell steht vor wichtigen Änderungen – und dem 20. Geburtstag. Das Karussell hat es punkto Frühförderung und Integrationsarbeit zu nationaler Bekanntheit gebracht.

Sabina Galbiati
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Das Familienzentrum Karussell ist bei Eltern und Kindern beliebt. 31 000 Besucher zählte es 2017.

Das Familienzentrum Karussell ist bei Eltern und Kindern beliebt. 31 000 Besucher zählte es 2017.

SEVERIN BIGLER

2018 stehen im Familienzentrum Karussell zwei Änderungen auf dem Programm. Betriebsleiterin Kathie Wiederkehr wird das Zepter bald weiterreichen (vgl. Box) und die Trägergemeinden – allen voran Baden und Wettingen – entscheiden über die finanzielle Zukunft des Karussells. Zuerst aber wird gefeiert, und zwar der 20. Geburtstag am kommenden Montag. Am 26. März 1998 gründeten Frauenvereine aus der Region gemeinsam mit engagierten Müttern den Verein Mütter- und Familienzentrum Karussell. Als sie ein knappes Jahr später im Provisorium im Josefshof beim Theaterplatz erstmals die Türen des Familienzentrums öffneten, hätte wohl niemand gedacht, dass aus dem Mütterselbsthilfe-Projekt eine professionell geführte Institution mit jährlich über 30'000 Besuchern erwächst.

Katharina Neuenschwander, die 1998 als erste Vereinspräsidentin bei der Gründung und Eröffnung mitwirkte, erinnert sich: «Für uns war das ein Pionierprojekt, und als wir das Karussell eröffneten, war das ein ganz spezieller Moment.» Kurze Zeit später zog das Karussell an den Kirchplatz. Das Mütter- und Familienzentrum wurde nach dem Prinzip der Selbsthilfe geführt: Mütter hüteten sich gegenseitig die Kinder und boten ihren Fähigkeiten entsprechend Kurse oder Dienstleistungen an.

Neue Betriebsleitung

Im August übernimmt Rosmarie Hubschmid die Leitung des Familienzentrums Karussell. Kathie Wiederkehr, die das Familienzentrum während der letzten fünf Jahre ausgebaut und geführt hat, geht Ende Jahr in Pension. Ihre Nachfolgerin ist ausgebildete Sozialarbeiterin und hat 15 Jahre lang das Frauenhaus beider Basel geleitet. Zuletzt war sie für die Fachstelle «Frauenhandel und Frauenmigration» FIZ tätig. Die 52-jährige Hubschmid lebt in Wohlen. Sie wird ab Mai in ihre neue Tätigkeit eingeführt. (Gal)

Finanzielle und räumliche Engpässe

Heute ist das Karussell weit über den Kanton hinaus bekannt: Der Schweizerische Gemeindeverband nutzt das Karussell als Vorzeigebeispiel, wenn er Gemeinden von Frühförderung und Integrationsarbeit überzeugen will. Keine Selbstverständlichkeit, hatte doch das Karussell in der Vergangenheit immer wieder mit finanziellen Engpässen zu kämpfen bis hin zur Fast-Auflösung im Jahr 2012: Damals verdeutlichte ein Bericht der Hochschule Luzern zur «Weiterentwicklung des Familienzentrums Karussell Region Baden», dass es grössere Räume, professionellere Strukturen und mehr finanzielle Mittel braucht. Jedoch zeichnete sich keine Verbesserung ab und so traten im November 2012 beinahe der gesamte Vorstand und die Betriebsleitung zurück. Mit einem Überbrückungskredit der Stadt Baden und einem erhöhten Beitrag der Gemeinde Wettingen wurde das Ruder herumgerissen. 2013 nahm Kathie Wiederkehr die Betriebsleitung auf und erarbeitete ein neues Konzept, das seit 2015 während einer vierjährigen Pilotphase getestet und von Baden, Wettingen, Ennetbaden und Obersiggenthal mitfinanziert wird. Auch das Raumproblem liess sich lösen: Dank des Gemeinnützigen Frauenvereins Baden konnte das Familienzentrum in die heutigen Räumlichkeiten an der Haselstrasse 6 ziehen.

Längst sind die Väter zu einem wichtigen Zielpublikum des einstigen Mütterselbsthilfe-Projekts geworden. Sie machen 20 Prozent der Besucher aus, nutzen Angebote wie das «Väter-Kinder-Frühstück» und besuchen das Treffpunktcafé. «Mir war es von Beginn an ein grosses Anliegen, die Väter mit ins Boot zu holen», sagt Betriebsleiterin Kathie Wiederkehr.

Weitere Gemeinden interessiert

Nachdem der Betrieb in den vergangenen Jahren professionalisiert wurde und an der Haselstrasse mehr Platz erhalten hat, sind die Besucherzahlen sprunghaft angestiegen, von rund 4000 Besuchern 2013 auf 31'000 im letzten Jahr. Die damals erste Vereinspräsidentin, Katharina Neuenschwander, ist begeistert von der Entwicklung des Karussells: «Es ist irrsinnig und genial, was das Team und allen voran Kathie Wiederkehr aus dem Karussell gemacht haben.»

Auch finanziell hat sich einiges getan: Das Karussell ist heute zu 44 Prozent selbsttragend. Weitere Beiträge stammen von Kirchengemeinden, Sponsoren und Gönnern. Erst im letzten Herbst lancierte Wiederkehr das «Public Privat Partnership»-Projekt, bei dem regionale Firmen während mindestens vier Jahren einen vereinbarten Beitrag leisten und im Gegenzug von verschiedenen Vergünstigungen und Angeboten für ihre Mitarbeitenden profitieren. Den grössten finanziellen Brocken tragen jedoch mit 50 Prozent – insgesamt 294'000 Franken jährlich – die Gemeinden Wettingen, Ennetbaden, Obersiggenthal und die Stadt Baden. Die vier Trägergemeinden entscheiden dieses Jahr im Rahmen der Einwohnerratssitzungen respektive Gemeindeversammlungen, ob sie nach Abschluss der Pilotphase das Karussell weiterhin unterstützen wollen. «Wir sind auch mit anderen Gemeinden im Gespräch», sagt Wiederkehr. Bei einigen könne nun ein Antrag gestellt werden; bei anderen sei die finanzielle Lage derart angespannt, dass sie von Anfang an abwinken. Dies obwohl 34 Prozent der Besucher aus anderen als den vier Trägergemeinden stammen.

In den kommenden Jahren will das Team des Familienzentrums das Erreichte festigen. «Wir möchten nicht weiter expandieren und wachsen, sondern die Qualität unseres Angebots sichern», sagt Wiederkehr.

Jubiläumsfeier am Montag, 26. 3., 17 bis 21 Uhr, im Familienzentrum Karussell, Haselstrasse 6, Baden. Geschichten von Simon Libsig.

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