Baden/Würenlingen
Vom Wissenschaftler zum Pfarrer: «Als hätte jemand einen Schalter umgelegt»

PSI-Ingenieur Markus Zeifang macht mit 57 ein Vikariat – das Montagsporträt über einen Quereinsteiger.

Ursula Burgherr
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Quereinsteiger: Markus Zeifang fühlt sich als Vikar in der Reformierten Kirche Baden sichtlich wohl.

Quereinsteiger: Markus Zeifang fühlt sich als Vikar in der Reformierten Kirche Baden sichtlich wohl.

Sandra Ardizzone

Dienstagmorgen im Kompetenzzentrum für Bioenergie am Paul-Scherrer-Institut Würenlingen: Maschineningenieur Markus Zeifang telefoniert mit einem Industriepartner und erklärt ihm die Vorzüge eines von PSI-Forschern entwickelten Biogas-Projekts im praktischen Alltag. Dienstagnachmittag in der Reformierten Kirche Baden: Markus Zeifang, Vikar der reformierten Kirchgemeinde Baden, steht hinter dem schlichten Predigerpult aus Holz und Metall und liest im gelblich-warmen Licht der fünfeckigen Hängeleuchten aus dem Johannes-Evangelium. Probe für den Gottesdienst am Samstag. Der 57-Jährige trägt ein schwarzes Hemd mit Stehkragen und ein beiges Jackett. Im Talar will er erst nach Beendigung seiner Ausbildung im Jahr 2020 vor die Leute treten, nachdem er zum Pfarrer ordiniert wird.

Ein ungewöhnlicher Anwärter

Zeifang wurde in Stuttgart geboren und lebt mit seiner Frau Heike, einer Bauökologin, im zürcherischen Hochfelden. Sie haben drei erwachsene Kinder und zwei Enkel. In die Schweiz kam er dank einem Job und arbeitete bis 2015 bei der Alstom in Baden und Birr. Was bewegt einen gestandenen Berufs- und Familienmann in eher späten Jahren dazu, eine Theologieausbildung zu machen? «Mein Grossvater war bereits Pfarrer und die alltägliche Glaubenspraxis mit Tischgebet und Sprüchen aus dem Losungsbüchlein war für mich normal», erzählt Zeifang.

Seine Eltern hatten als Buchhändler jedoch keinerlei religiöse Prägung. Und auch er scheint mit seinem Pragmatismus und einem Job, in dem er wissenschaftliche Projekte auf ihre Funktionalität testet, ein eher ungewöhnlicher Anwärter für ein geistliches Amt zu sein. Doch der Schein trügt: «Als Jugendlicher war ich skeptisch und zweifelte an allem. Doch rund um die Dreissig keimte in mir immer mehr der Wunsch auf, einen tieferen Sinn im Dasein zu finden. Es musste doch mehr geben, als Projekte durchzuziehen oder Erfolg und materiellem Wohlstand hinterherzujagen.»

Eher zufällig begann Markus Zeifang in der Bibel zu lesen, die er von seinem Opa zur Konfirmation geschenkt bekam. Und das Neue Testament erwies sich für ihn als Offenbarung. Er hat Schwierigkeiten, in Worte zu fassen, was mit ihm damals genau passierte: «Es war, wie wenn jemand einen Schalter umgelegt hätte. Mir wurde klar, dass nur die allumfassende Liebe Bestand hat. Christliche Menschenliebe im Alltag zu praktizieren, wurde zum Sinn meines Lebens.»

2015 übernahm der Elektrokonzern General Electric die Energiesparte von Alstom. Damit war ein massiver Stellenabbau verbunden. Im selben Jahr bot das Konkordat der deutschsprachigen reformierten Landeskirchen in der Schweiz wegen akuten Pfarrermangels erstmals ein berufsbegleitendes theologisches Weiterbildungsprogramm für Quereinsteiger an. Es waren mehrere Gründe, die Zeifang dazu bewegten, sein Arbeitspensum auf 50 Prozent zu reduzieren, von Alstom zum PSI zu wechseln und gleichzeitig mit dem Theologiestudium anzufangen.

Seit September 2018 ist er Vikar – also auszubildender Pfarrer – in der Reformierten Kirchgemeinde Baden. Ein Blick in die Agenda zeigt: Neben seelsorgerischen Tätigkeiten wird er bis Weihnachten rund fünf Gottesdienste selber gestalten.

Wenn der drahtige Mann aus der Bibel liest, klingt seine Stimme ruhig und bedächtig. Beruflich hat er einen wesentlich zackigeren Ton drauf und kann auch energisch werden, um seine Ziele durchzusetzen. Wie wirken sich sein innerer Wandel und die jetzige Arbeit als Vikar auf sein Privat- und Geschäftsleben aus?

Grosse Veränderung

«Ich habe mich damals persönlich sehr verändert», bekundet Zeifang, «viele Menschen in meinem Umfeld fragten mich vor allem in der Anfangsphase, was passiert sei mit mir.» Der Vikar und Maschineningenieur liebt es, zwischen seiner weltlichen und geistlichen Funktion hin und her zu switchen. Beides ergänzt sich für ihn ideal: «Es ist nur von Vorteil, dass ich mitten im Berufsleben stehe und sehe, mit was sich die Leute im Alltag herumschlagen. So kann ich auch als Theologe darauf eingehen.»

Im Juli 2020 wird sein Vikariat in der Reformierten Kirchgemeinde Baden beendet sein und im September des gleichen Jahres läuft auch sein Vertrag am PSI aus. Würde er seinen Job für die Kirche aufgeben? «Das weiss ich nicht», meint Zeifang und gibt sich wieder pragmatisch. «Ich bin dann 59 und muss schauen, welche Möglichkeiten sich mir in diesem Alter noch bieten. Aber ich könnte mir gut vorstellen, mit beidem weiterzufahren.»

Und wie reagiert seine Frau, die einen Maschinenbauingenieur geheiratet und bald einen Voll- oder Teilzeitpfarrer als Partner hat? «Heike steht voll hinter mir. Ich lernte sie erst nach meinem Offenbarungserlebnis kennen», erklärt Markus Zeifang und lacht: «Meine Mutter sagte ihr einmal: ‹Also den alten Markus hättest Du ganz sicher nicht gemocht›.»

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