Die 34-jährige Prisca Malcolm sitzt an einem der Tische in der Cafébar, dem Quartiertreff im Langäckerquartier. «Hier im Quartier zählt nicht, was du hast, sondern wie du bist», sagt sie. Die Menschen seien offen und man kenne die Nachbaren im Haus – vorausgesetzt, man zeige Interesse. Malcolm erinnert sich, wie sie mit ihrer Familie nach Spreitenbach und ins Langäcker zog. «Mehrere Bewohner boten uns Hilfe beim Möbeltragen an», das habe sie
andernorts noch nicht erlebt.

Das Spreitenbacher Langäckerquartier zählt zu den ältesten Hochhausvierteln der Schweiz – und wohl zu den berühmtesten. Erst vor Kurzem geriet das Quartier wegen eines tragischen Familienmordes in die Schlagzeilen. Gegen 4500 Einwohner leben in den teilweise heruntergekommenen Hochhäusern und Blöcken. Die Schlangen der nicht zurückgebrachten Einkaufswägeli am Gehweg zum «Shoppi Tivoli» sind genauso legendär wie die «Albanerblöcke» an der Bahnhofstrasse, die ihren Übernamen tragen, weil dort nur Albaner wohnen, so erzählt man sich zumindest.

War das Quartier vor rund 50 Jahren ein Mekka für Konkubinatspaare aus dem Kanton Zürich, leben heute viele Migranten und Sozialhilfebezüger hier, weil die Wohnungen im Vergleich sehr günstig zu mieten sind. Auswärtige empfinden das Quartier intuitiv als anonym und sprechen allzu gerne vom Getto, auch die Spreitenbacher selber nehmen das Wort in den Mund, wenn sie über das Quartier reden. Wer hier wohnt, will schnell wieder wegziehen, glauben Aussenstehende. Doch die Menschen die hier leben, zeichnen ein ganz anderes Bild.

«Die Hilfsbereitschaft im Quartier ist gross», sagt Malcolm. «Einige Mütter unterstützen sich gegenseitig beim Kinderhüten», sagt sie. «Wenn ich durchs Quartier laufe, treffe ich immer jemanden, den ich kenne». Sie ist vor elf Jahren mit ihrem jamaikanischen Mann hergezogen, heute ist sie alleinerziehend mit drei Kindern. «Ich musste mir nie Gedanken machen wegen ihrer Hautfarbe, denn in ihren Schulklassen sind teilweise Kinder aus 18 verschiedenen Nationen. Für die Kinder sind kulturelle Unterschiede Alltag.» Im Quartier gibt es unzählige Kinderspielplätze. «Meine Kinder kann ich ohne Probleme auch mal alleine draussen spielen lassen. Da muss ich mir keine Sorgen machen.»

Im Herzen des Quartiers

Mit 5,4 Prozent verzeichnet Spreitenbach die höchste Sozialhilfequote im ganzen Kanton und mit 50,3 Prozent ist der Ausländeranteil einer der höchsten unter den Schweizer Agglomerationsstädten. Im Langäcker leben Menschen aus über 70 Nationen. Deshalb nahm die Gemeinde bereits vor zehn Jahren am «Projet Urbain» teil. Das vom Bund lancierte Programm diente zur Unterstützung und Entwicklung von «Quartieren mit besonderen Anforderungen». Unter dem Titel «Langäcker bewegt» sollte die mehrheitlich fremdsprachige Bevölkerung besser integriert, das Quartier räumlich offener und die Wohnblöcke saniert werden.

Als 2015 ein Kredit für eine 60-Prozent-Stelle zur weiteren Quartierentwicklung genehmigt werden sollte, lehnte die Spreitenbacher Stimmbevölkerung diesen ab. Längst ist nicht alles umgesetzt und das Quartier-Image hat sich nach aussen kaum verändert. Doch der Quartiertreff Cafébar, den die Gemeinde zusammen mit engagierten Langäcker-Bewohnern aufbaute, hat sich inzwischen etabliert, obwohl er nach der Abstimmung von 2015 auf der Kippe stand.

Auf der Theke neben der Kaffeemaschine steht ein Teekocher für Türkischen Tee. Ein Kaffee kostet 2.50 Franken, ein Türkischer Tee einen Franken. In der Cafébar trifft man regelmässig Doris Suter an, die Präsidentin des Vereins Treffpunkt Cafébar. Die 62-Jährige lebt seit 32 Jahren im Quartier.

Doris Suter, Präsidentin des Vereins Quartiertreff Cafébar, über das Quartier und seinen Treffpunkt:

Im Interview: Doris Suter, Präsidentin des Vereins Quartiertreff Cafébar, über das Quartier und seinen Treffpunkt.

«Wir organisieren hier verschiedene Veranstaltungen, Bastelnachmittage, den Samichlausbesuch oder das Herbstfest, damit sich die Menschen kennenlernen und Kontakt knüpfen können.» Zweimal die Woche ist die Cafébar nachmittags offen. «3200 Besucher, davon rund 700 Kinder, kommen pro Jahr in die Cafébar. Davon sind 70 Prozent Schweizer und 30 Prozent Ausländer», sagt Suter. «Wir wünschten, wir hätten noch mehr Gäste anderer Nationen», denn dies sei das Ziel der Cafébar, die verschiedenen Nationen zusammenzubringen, sagt die engagierte Frau.

«Sicher, die Klischees über das Langäcker kennen wir nur zu gut, aber wir, die hier leben, empfinden das überhaupt nicht so», sagt Suter. Im Gegenteil, wegen der vielen Wiesen, Bäume und Wege zwischen den Häusern fühle man sich eher wie in einem Dorf. «Die Menschen sehen von aussen immer nur die Hochhäuser, aber wir sehen das viele Grün dazwischen», sagt sie.

Auf das Familiendrama vom Februar angesprochen sagt sie, «das ist ein tragischer Fall, der aber nichts mit dem Quartier zu tun hat. Solche Dramen können überall passieren.» Auch Prisca Malcolm ist dieser Meinung: «Kaum eine Woche später tötete ein Mann in der Europaallee in Zürich seine Frau und sich selber. Solche Taten geschehen überall, auch in ‹Bünzlidörfern›.»

Nachts alleine unterwegs

Beide Frauen glauben nicht, dass es im Langäcker in irgendeiner Form mehr Kriminalität gibt als im Rest der Region oder der Schweiz. «Ich hatte noch nie Angst, wenn ich nachts alleine nach Hause lief», sagt Suter. Sicher kursieren immer mal wieder Geschichten aus dem Quartier, etwa dass ein Mieter in seiner Wohnung ein Bordell führe oder Geschichten von Jugendlichen, die sich zum Kiffen treffen. Aber eigentlich sei es hier extrem friedlich, dafür dass so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Das sehen nicht nur die beiden Frauen so, sondern jeder, den man fragt.

Das Spreitenbacher Langäckerquartier zählt zu den ersten Hochhaussiedlungen der Schweiz.

   

Die Regionalpolizei Wettingen-Limmattal fährt regelmässig Patrouille im Langäckerquartier, führt aber keine Liste zu Einsätzen in einzelnen Gebieten oder Quartieren. Doch im Corps ist man sich einig, dass das Spreitenbacher Hochhausviertel nicht als Hotspot gilt. «Unsere Einsätze im Quartier liegen im Durchschnitt zum übrigen Einzugsgebiet», sagt Repol-Kommandant Roland Jenni. «Wir leisten auch Rechtshilfe für verschiedene Ämter. Beispielsweise, wenn Personen betrieben werden und nicht zahlen, schreiten wir wenn nötig ein», erklärt Jenni und fügt an: «Auch diese Einsätze halten sich im Langäcker in Grenzen.» Einzig im Sommer, wenn Grill-Saison ist, müsse die Repol hin und wieder wegen Nachtruhestörung ins Langäcker ausrücken. «Das ist aber völlig normal, wenn viele Einwohner auf engem Raum leben.» Für Jenni steht fest: Von Getto könne man da beim besten Willen nicht sprechen.

Es gibt sogar Rückkehrer, die wieder ins Quartier ziehen, weil sie sich hier wohler fühlen als im alten Dorfkern von Spreitenbach, in Zürich oder Basel. «Im Langäcker kann man Menschen aus der ganzen Welt kennen lernen oder anonym bleiben, ganz nach der eigenen Fasson», sagt der 48-jährige Thomas G. Er lebte kurzzeitig ausserhalb von Spreitenbach, doch längst wohnt er wieder im Langäcker und arbeitet als Abwart im Quartier. «Ich bin hier aufgewachsen und fühle mich hier sehr wohl.»

Er ist quasi mit den Klischees vom Gettoquartier aufgewachsen und sagt nur: «Wir sind froh, wenn nicht alle hierherziehen wollen, wir haben es nämlich sehr schön hier.» Dann zählt er auf: «Im Keller des Quartiertreffs gibt es eine offene Werkstatt, die Bibliothek ist hier, im Quartier gibt es mehrere Kindergärten und die Leute sagen sich Grüezi – meistens auf jeden Fall.»