Fusionen, Übernahmen, Stellenab- und Firmenaufbauten – alles hat der Industriestandort Baden bislang mehrfach überstanden. Doch wie sieht es jetzt aus? Historiker Bruno Meier, profunder Kenner der Region und Verfasser des Industriekapitels der neuen «Stadtgeschichte Baden», schmunzelt zuerst bei dieser Frage. «BBC wollte in den 1920er- Jahren in den USA expandieren, was missglückte. Im Gegenzug kaufte sich General Electric bei der BBC als Grossaktionär ein. Eine Übernahme konnte man nur mit einer Kapitalerhöhung verhindern», erzählt Meier.

«Was meine ich damit? Die Dinosaurier der Industrie haben überlebt, und das stimmt mich angesichts der Abbau-Ankündigung dennoch positiv», fügt Meier an. Es sei gut möglich, dass der Abbau weniger heftig ausfallen werde als angekündigt beziehungsweise dass in einer andern Sparte wieder ein Aufbau erfolgen könne. Meier schätzt zudem GE als vitaler ein als Alstom. Er hadert jedoch mit dem folgenschweren Verkauf der angeschlagenen Kraftwerk-Sparte 1999 durch die damaligen ABB-Herren Percy Barnevik und Göran Lindahl. «Aus heutiger Sicht erscheint der damalige Verkauf voreilig gewesen zu sein, das Kraftwerkgeschäft hat zwischenzeitlich auch wieder floriert», sagt Meier.

Und so begann Badens Industriegeschichte. Während die Gebrüder Bébié mit der Spinnerei in Turgi, die Badener Gebrüder Oederlin in Rieden mit einer Metallwarenfabrik (später auch Giesserei), Josef Scherer mit der Gerberei in Ennetbaden sowie die Industriellen Wild und Solivo in der Aue mit einer Baumwollspinnerei die Industrie limmataufwärts brachten, war die Stadt selber industriell noch im Hintertreffen. Das erwähnte David Hess im Jahr 1818 in seinem berühmt gewordenen Buch «Die Badenfahrt». Damals erlebte Baden dafür einen Boom der Bäderhotels.

1889/90 baute Friedrich Merker an der Bruggerstrasse seine Metallwarenfabrik. 1889 ersuchten die Badener Gebrüder Pfister um die Konzession für das Wasserkraftwerk Kappelerhof. Sie konnten gleichzeitig Charles Brown und Walter Boveri vom Industriestandort Baden überzeugen. Die Söhne zweier Industrie-Spezialisten waren 28 bzw. 26 Jahre alt, als sie auf dem Gebiet Hasel die erste Fabrik unter dem Namen Brown Boveri & Cie. erstellen liessen. 1892 startete der Betrieb mit 62 Arbeitern. Dem Auftrag für das Kraftwerk Kappelerhof (Boveri war Vizepräsident der Kraftwerk-Gesellschaft), folgte 1893 der Grossauftrag für ein Wechselstrom-Grosskraftwerk nach Frankfurt. 1901 kam die erste BBC-Dampfturbine vom Prüfstand.

Das Fabrikareal der BBC wuchs Anfang 20. Jahrhunderts beidseits der Bruggerstrasse sehr rasch. BBC war von Beginn an exportorientiert. Bereits im Jahr 1900 lag der Exportanteil elektrischer Maschinen bei 75 Prozent. 1900 wurde in Mannheim ein Betrieb eröffnet, 1903 die Tecnomasia in Mailand mit BBC-Beteiligung, dann Ableger in Frankreich, Norwegen, Österreich, Polen.

Dem Einbruch im Ersten Weltkrieg folgten ein kurzer Nachkriegsboom und dann ein erneuter Einbruch. Es fanden kartellartige Absprachen mit der Maschinenfabrik Oerlikon und Sulzer Winterthur statt. Doch mit der anziehenden Weltkonjunktur kam die nächste Wachstumsphase. 1924 war mit dem Tod der BBC-Gründer im Alter von 61 respektive 59 Jahren ein einschneidendes Jahr.

In den 1920er-Jahren wollte die BBC in den USA Fuss fassen und den Konkurrenten General Electric und Westinghouse entgegentreten. Die 1925 gegründete ABBEC wurde nach dem Börsencrash 1929 liquidiert. Stattdessen stieg GE bei der BBC ein. Diese beschränkte sich in den USA auf Lieferungen und das Lizenzgeschäft. Die damals weltgrösste Dampfturbine für New York wurde in der Halle 30 in Baden montiert.

Die BBC profitierte dann von der Kriegskonjunktur. In Mannheim baute man Motoren und Antriebe für U-Boote und Schiffe. Ein rasanter Ausbau nach Kriegsende ging einher mit der rasanten technischen Entwicklung. In der Beznau baute BBC 1949 das damals grösste Gasturbinenkraftwerk mit einer Leistung von 40 Megawatt. Im Bereich von Transformatoren, Relais, Schalter etc. war BBC zuvorderst dabei, auch bei der Ausrüstung elektrischer Lokomotiven.

BBC übernahm 1967 die Maschinenfabrik Oerlikon und 1969 mehrheitlich die Genfer Sécheron und arbeitete mit Sulzer und Escher Wyss. Das Wachstum erforderte weitere Bauten. Ausser dem Werk Münchenstein konzentrierte sich die BBC auf den Standort Baden. 1960 begann die Produktion im Birrfeld, wo damals Europas Produktionshalle stand. In Baden war der Zürcher Architekt Roland Rohn federführend bei einem Masterplan für weitere Ausbauten.

Von ABB bis Alstom

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Mitte der 1960er-Jahre war die Zahl der Arbeitnehmer im industriellen Sektor in der Stadt Baden mit über 16 000 Personen am höchsten. In den darauffolgenden Jahrzehnten nahm sie spürbar ab. 2015 waren es noch rund 9100 – Teilzeitstellen inbegriffen. Parallel dazu erlebte der Dienstleistungssektor einen stetigen Aufstieg. Zählte dieser 1955 unter 3000 Arbeitnehmer waren es 40 Jahre später rund 8500. Heute arbeiten in Baden 20 600 Personen (inklusive Teilzeit) im Bereich Dienstleistungen.(SAS)

Die blühende Kernkraft gab dem «Badener Dreigestirn Motor Columbus, NOK und BBC neuen Schub. Walter Boveri junior gründete in Würenlingen die Reaktor AG als Versuchsstätte; aus ihr ging das heutige Paul-Scherrer-Forschungsinstitut hervor. 1970 arbeiteten weltweit 90 000 BBC-Beschäftigte. Doch das Problem des gewachsenen Konzerns war, dass die innere Organisation nicht mithielt. Den Ölschock überstand die BBC, denn sie profitierte vom Wachstum in den Schwellenländern und der Substitution von Öl durch Elektrizität. Überkapazität im Kraftwerkbau, wachsender Widerstand gegen die Kernkraft drehten die Vorzeichen ins Negative. Ein erneuter Expansionsversuch in den USA scheiterte. Die Krise bei der BBC verschärfte sich in den 1980er-Jahren. Trotz Forschungszentrum und der eigenentwickelten Flüssigkristallanzeige kam die BBC nicht mehr auf Touren. Die Entwicklung des Turboladers für die Auto-industrie blieb auf der Strecke.

1985 wurde Fritz Leutwyler, Präsident der Nationalbank, in Baden geboren und Sohn eines Oederlin-Direktors, zum VR-Präsidenten gewählt, um die unter massivem Druck stehende BBC auf Kurs zu bringen. Er holte McKinsey-Mann Thomas Gasser und Bernd Müller-Berghoff von BBC Mannheim an die Spitze. Es wurde restrukturiert. Sie schufen Sparten und Unternehmensbereiche. Die Ländergesellschaften sollten besser in den Konzern integriert, Unternehmensteile abgestossen werden. Aus ersten Kontakten mit der schwedischen Asea folgten Kooperationsgespräche, die schliesslich zum Zusammenschluss führten, der am 10. August 1987, kurz vor der Badenfahrt, bekannt wurde.

Die Fusion zur ABB schlug weltweit wie eine Bombe ein. Sie veränderte die Perspektiven der Stadt und ihrer Region. Es entstand ein Konzern mit 170 000 Mitarbeitenden in 140 Ländern. Baden verlor die Firmenzentrale, das Hauptquartier ging nach Oerlikon. Kein Stein blieb auf dem andern. Im Nachgang der Fusion musste ABB-Schweiz-Chef Edwin Somm den Abbau von 2500 Stellen mitteilen. Vorübergehend gingen der Stadt 2000 Industriearbeitsplätze verloren, was für die Region ein schwerer Schlag war. Was nicht zum Kerngeschäft gehörte, wurde ausgelagert. Daraus entstanden neue Firmen. Das Wachstum des Dienstleistungssektors vermochte in den Folgejahren die Zahl der Arbeitsplätze mehr als nur zu kompensieren. 

Die «verbotene Stadt», der Stadtteil Baden Nord, zuvor geschlossenes Areal, wurde geöffnet. Die Nutzungsdurchmischung musste warten. Mit dem Aufschwung entstanden zuerst Engineeringbauten. Mit ABB Turbo bleibt sogar eine Produktionsstätte. Am Rande entstanden Wohnbauten (Martinsberg), ein Berufsschulzentrum, das Trafo mit Kongresszentrum und Multiplexkino. Bei der ABB indes ging Firmenchef Percy Barnevik auf Einkaufstour. Die ABB wuchs innert Kürze auf 220 000 Mitarbeitende an. Die ABB wurde weltweit zum Vorzeigemodell. Der Erfolg der forschen Gangart täuschte darüber hinweg, dass mit andern Firmen auch Probleme eingekauft wurden. Die Asbest-Vergangenheit der in Amerika eingekauften Combustion war dabei ein Tiefpunkt.

Ab 1990 häuften sich die Schwierigkeiten bei ABB. Der neue Konzernchef Göran Lindahl begann mit dem Ausverkauf. Hinzu kam, dass die gefeierte neue Gasturbine zum grossen Problemfall wurde. Die Bahntechnik wurde 1995 in die Adtranz, gemeinsame Tochter mit Daimler-Benz, überführt. 1999 verkaufte ABB dort ihre Anteile. 1999 wurde auch das Kraftwerkgeschäft in ein Jointventure mit der französischen Alstom eingebracht, kurz darauf stieg ABB aus. Alstom fand aus dem Gasturbinen-Debakel heraus. ABB fasste unter dem Präsidenten Jürgen Dormann Tritt. Es geht hinauf und hinunter. Es werden auch Stellen abgebaut, neue geschaffen. Bei Alstom führten Probleme letztlich zur Übernahme durch General Electric.

Quelle: Stadtgeschichte Baden