Baden
Von einer unerwarteten Begegnung mit Jesus und Allah

Begegnungen mit Personen, die realitätsfremd leben, finden immer wieder statt. Josef Sachs, Leitender Arzt Forensik der Klinik Königsfelden erklärt, wie man sich in solchen Fällen verhalten sollte.

Erna Lang-Jonsdottir
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Josef Sachs, Leitender Arzt Forensik in Königsfelden. az Archiv

Josef Sachs, Leitender Arzt Forensik in Königsfelden. az Archiv

Es ist Morgen kurz vor acht. Ein Mann trifft auf der Reaktion der az in Baden ein und möchte ein Interview mit einem Journalisten. Er müsse sich bei der Stadt Baden und der ganzen Bevölkerung entschuldigen. Er sei die Inkarnation von Luzifer, Allah und Messias. Er sei schuld, dass es den Menschen schlecht gehe und dass es keinen Regenbogen mehr gebe. Dieses Interview mit seiner Entschuldigung müsse sofort sein. Er sterbe vielleicht gleich.

Wer ist zuständig?

Die Redaktion konnte herausfinden, wo der Herr wohnt. Da er ängstlich wirkte, bot man ihm an, eine Zeitung zu lesen und beim Empfang der Redaktion zu warten. Die Redaktion nahm sofort Kontakt mit der Wohngemeinde auf. Der Gemeindeschreiberin war der Mann bekannt, unter anderem, weil er Aufenthalte in der Klinik Königsfelden hinter sich hat.

Angst vor Selbstmord

Da der Herr aufgrund seiner Äusserungen suizidgefährdet wirkte, bestand die Redaktion darauf, dass etwas unternommen wird. Bloss: Wer ruft in diesem Fall die Polizei? Die Wohngemeinde wollte nicht zuständig sein.

Letztlich übernahm die Jugend- und Familienberatung auf dringende Bitte diese Aufgabe, sodass die Stadtpolizei Baden 15 Minuten später bei der Redaktion eintraf. Was mit dem Herrn danach geschah, darüber durfte die Stadtpolizei keine Auskunft erteilen.

Die Polizistin Denise Lehmann betonte jedoch, dass es nicht nötig sei, in einem solchen Fall über die Gemeinde zu agieren. Es erklärt sich von selbst, dass ein solches Ereignis Hilflosigkeit, Unsicherheit und Angst auslöst. Deshalb hat sich die Redaktion der az Baden dazu entschlossen, das Gespräch mit dem Leitenden Arzt Forensik der Klinik Königsfelden zu suchen. Eine solche Begegnung kann jedermann passieren.

Herr Sachs, der Herr äusserte sich über seinen baldigen Tod und wirkte suizidgefährdet. Ist es in einem solchen Fall richtig, die Polizei zu alarmieren?

Hans Sachs: Das ist eine Situation, die sehr schwierig ist, zu beurteilen. Sicher ist: Falls jemand konkrete Suizid-Absichten äussert, sollte zweifellos die Polizei gerufen werden. Wirkt diese Person nur suizidgefährdet, so empfiehlt es sich, eine Fachperson der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) oder den ärztlichen Notfalldienst zu kontaktieren. «Unnötig» mit einem Polizeiaufgebot konfrontiert zu werden, weil das Gegenüber eine Aussage falsch interpretiert hat, ist sehr unangenehm. Im Zweifelsfall, wie dieser einer war, ist es aber richtig, die Polizei zu alarmieren.

Die Situation am Empfang der Redaktion war heikel. Telefonische Abklärungen mit Ärzten brauchen Zeit. Muss in einem solchen Fall verhindert werden, dass die Person flüchtet?

Wenn eine Person die feste Absicht äussert, zu gehen, kann sie nicht fest- oder aufgehalten werden. Sie können versuchen, die Person im Gespräch zu halten oder Sie können sich danach erkundigen, wohin sie gehen möchte.

Und was, wenn die Person nicht mehr gehen möchte?

Wenn die Person bleiben möchte, kann man ihr die Möglichkeit anbieten, sich für eine Weile in ein ruhiges Zimmer zu setzen. Nach einer halben Stunde lohnt es sich, das Gespräch mit dieser Person zu suchen, um sich ein Bild über den aktuellen Zustand zu machen. Vielleicht hat sich die Person beruhigt oder sie möchte mit einem Arzt sprechen. In einer solchen Situation kann man sich ruhig auf sein eigenes Gefühl verlassen. Wenn man das Gefühl hat, dass die Situation gefährlich wird, dann sollte man nicht warten und und sofort Hilfe anfordern. Das eigene Gefühl ist zuverlässiger als man denkt.

Generell: Wie gehe ich mit einer Person um, die auf mich zukommt, und sich als die Reinkarnation von Allah, Messias und Luzifer bezeichnet?

Falsch ist, wenn Sie sie bestätigen. Ebenso falsch ist, wenn Sie versuchen, ihr diese Vorstellungen auszureden. Richtig ist, wenn Sie nicht auf den Inhalt der Aussagen, sondern auf die emotionale Seite der Aussagen eingehen. Mit anderen Worten: Fragen Sie die Person danach, wie sie mit diesem Erlebnis umgeht, was sie zu tun gedenkt, wie sie sich dabei fühlt und ob sie Angst hat.

Kann ich bei solchen Äusserungen davon ausgehen, dass es sich um psychische Probleme handelt?

Davon können Sie ausgehen. Diese Regel – also nicht auf den Inhalt der Aussagen eingehen – können sie immer bei wahnhaften Äusserungen anwenden, die keinen Bezug zur Realität haben. Dabei ist es wichtig, dass Sie Interesse an der emotionalen Ebene zeigen. Sie können sich auf ein Gespräch einlassen. Verhindern Sie unbedingt, die Person zu bestätigen oder ihr zu widersprechen. Beides ist nicht zielführend.

Wie schaffe ich es, mich wieder von dieser Person zu distanzieren?

Drücken Sie sich klar aus und sagen Sie, dass Sie jetzt gehen müssen. Meistens sind diese Personen sehr verständnisvoll. Auch in dieser Situation können Sie der Person vorschlagen, dass sie sich an einen Arzt, Psychiater oder Seelsorger wenden kann, sofern sie das möchte. Solange Sie klar kommunizieren, werden Sie akzeptiert. Sie werden jedoch nicht akzeptiert, wenn Sie ungeduldig oder unehrlich wirken.

Was, wenn die Person von mir zu einem Arzt begleitet werden will?

Tun Sie das auf keinen Fall. Das könnte Sie überfordern: Sie wissen nicht, was hinter der Person steckt. Sie kennen weder die Vorgeschichte noch wissen Sie, in welchem Umfeld diese Person lebt. Wenn der Zustand nicht akut ist, können Sie ihn auf die erwähnten Anlaufstellen aufmerksam machen. Es gibt sogar den telefonischen Dienst der «Dargebotenen Hand». Stufen Sie die Situation als gefährlich ein, sollten Sie, wie bereits erklärt, den Kontakt zu Ärzten oder zur Polizei selber herstellen.

Stellen solche Menschen eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar?

Die allermeisten Menschen, die psychische Krankheiten haben, sind keine Gefahr. Es gibt eine kleine Gruppe, die gefährlich sein kann. Das sind Menschen mit Wahnideen, die sich auf eine konkrete Person oder auf eine Personengruppe konzentrieren. Ein Beispiel: Ich hatte einen Patienten, der das Gefühl hatte, eine bestimmte Firma trachte nach seinem Leben. In einer solchen Situation ist die Firma gefährdet.

Was raten Sie uns, falls der Mann erneut auf der Reaktion erscheint?

Sie müssen klar kommunizieren, dass er im Haus nicht erwünscht ist. Versuchen Sie zu verhindern, als Institution, in dem Fall als Zeitung, mit der Person in einen engeren Kontakt zu treten. Diese Beziehung könnte eskalieren. Der Mann könnte sich an Ihr Haus klammern, was eine Abgrenzung unmöglich machen würde. Setzen Sie klare Grenzen und raten Sie ihm, Hilfe zu suchen.

Und falls er nicht mehr gehen möchte?

Wenn sich diese Person weigert, ärztliche Hilfe anzunehmen, sollten sie die Polizei rufen. Der ärztliche Notfalldienst kann nur aktiv werden, wenn die Person kooperativ ist. Zwangsmassnahmen anordnen darf nur die Polizei.