Die Plattitüde «Der Weg ist das Ziel» bekommt in dieser Geschichte einen all zu bitteren Beigeschmack. Es ist ein Sonntagnachmittag Anfang Mai. In einer der Wohnungen am Kreuzweg 13 bis 21 in Baden ereignet sich ein medizinischer Notfall.

«Es ging um Leben und Tod», sagt Milan M., der die Ambulanz gerufen hatte. «Ich war erleichtert, als ich wenige Minuten später den Sirenenton des Krankenwagens hörte», sagt er.

Der Ton sei immer näher gekommen, «doch zu meinem Schreck entfernte er sich plötzlich wieder». Dann kam der Ton wieder näher nur, um sich gleich wieder zu entfernen. «Es war zum Verrücktwerden», sagt Milan M.

An jenem Sonntag rennt er deshalb aus seiner Wohnung runter auf die Strasse und zum einzigen Zufahrtsweg, der aber mit einem Fahrverbot belegt ist. Währenddessen sucht die Ambulanz zuerst auf dem Schmiedeplatz, dann auf der Bruggerstrasse und schliesslich in der Wiesenstrasse nach einer Abzweigung zum Kreuzweg. Nach endlosen Minuten kann M. die Rettungskräfte in der Wiesenstrasse heranwinken und in den Kreuzweg lotsen.

Als M. später mit dem Patienten im Krankenwagen sitzt, ist er immer noch geschockt, er weiss zwar, dass die Ambulanz keine Schuld trifft, trotzdem denkt er: «So finden also Sanitäter bei einem Notfall den Kreuzweg 13 bis 21.»

Irrfahrt mit Navigerät

Zwei Wochen später zeigt Milan M. der Redaktorin auf einer Autofahrt mit Navigationsgerät, wie schwierig die Suche nach dem Kreuzweg ist. Egal, welchen Dienst der Autofahrer benutzt, er wird über den Schmiedeplatz und die Fabrikstrasse im ABB-Areal gelotst (rote Linie).

Nur versperrt auf der Fabrikstrasse ein Eisentor die Zufahrt zum Kreuzweg. «Als die Häuser am Kreuzweg vor sieben Jahren gebaut wurden, hat man die Anwohner vor unnötigem Verkehr der Lastwagen, die zur ABB fahren, schützen wollen, erklärt Uwe Bender, Bauinspektor bei der Stadt Baden.

Aus dem selben Grund stehen an der Abzweigung Bruggerstrasse/Kreuzweg Poller, sodass nur Fussgänger durchkommen. Und der vierte Zugang zum Kreuzweg erübrigt sich, weil es eine Treppe ist.

Weil die Rettungskräfte vom Navigationsgerät fehlgeleitet wurden, suchten sie einen anderen Weg. So, wie es vor ihnen bereits unzählige ortsfremde Handwerker, Zulieferer, Taxifahrer oder Verwandte der Anwohner gemacht hatten.

Das Fahrverbot beim Zufahrtsweg hätte die Ambulanz zwar gar nicht weiter beachtet, allerdings gibt es dort keinen Hinweis, dass sich am anderen Ende der Kreuzweg befindet.

Daran, dass weder Navigationsgeräte noch Fremde den Kreuzweg finden können, haben sich die Anwohner der 70 Wohnungen gewöhnt. «Wie sich das aber in einem Notfall auswirken kann, scheinen sie bisher nicht gewusst zu haben.»

Milan M. fragt sich: «Hätte die Person bei einem Hirnschlag oder Herzinfarkt überhaupt eine Überlebenschance gehabt? Was wäre geschehen, wenn jemand alleine in seiner Wohnung gerade noch die 144 anrufen, die Ambulanz aber nicht mehr hätte heranwinken können?»

Zentraler Hinweis fehlt

Nach dem Vorfall steht Milan M. vergangene Woche erneut an der Wiesenstrasse, wo das Strässlein zum Kreuzweg einmündet. Er zeigt auf die Fahrverbotstafeln. «Jeder, der den Kreuzweg sucht, fährt hier vorbei, am einzigen Weg, auf dem man mit einem Auto in den Kreuzweg kommt.»

Der zentrale Hinweis, dass der Kreuzweg sich am Ende dieses Weges befindet, fehlt. «Würde man hier eine Hinweistafel montieren, wäre das Problem weitestgehend gelöst», ist Milan M. überzeugt.

Weil es sich um einen Privatweg handelt, ist die Beschilderung und das Fahrverbot Sache der Eigentümerin, der Avadis-Pensionskasse. Auf der Verbotstafel heisst es: «Jegliches unberechtigte Befahren des Grundstücks ist richterlich verboten.»

Der Hinweis ist so klein gedruckt, dass man ihn aus einem Auto von blossem Auge gar nicht lesen kann. Er würde aber bedeuten, dass alle, die zum Kreuzweg fahren müssen, dies auch dürfen.

Als Milan M. vor kurzem das Problem der Stadt schilderte, hat man umgehend reagiert. «Ich konnte mich sofort in den Mann hineinversetzen», sagt Bauinspektor Bender. «Weil es sich aber bei dem Zufahrtsweg zur Kreuzstrasse um einen Privatweg handelt, ist die Stadt gar nicht zuständig», sagt er.

«Trotzdem haben wir die Situation bereits vor Ort mit der Stadtpolizei angeschaut und Avadis, der Besitzerin des Grundstücks, empfohlen, an der Einfahrt ein Hinweisschild zu montieren, damit Ortsfremde den Kreuzweg finden», erklärt Bender.

Der Avadis-Pensionskasse war dieses Problem bisher unbekannt. «Es ist aber selbstverständlich nicht unsere Absicht, dass Handwerker, Zulieferer, Taxifahrer oder die Ambulanz den Kreuzweg nicht befahren», sagt Mediensprecher Joachim Schrott.

Seit Bestehen der Überbauung von 2008 wäre dies der erste Vorfall. Nun wolle man sich die Situation anschauen und die nötigen Schritte unternehmen.

Eisentor war bisher unbekannt

Die Navigationsdienste habe man ebenfalls kontaktiert, sagt Bender. Von dem Eisentor haben die Kartenhersteller der Navigationsgeräte nie erfahren, weil es weder ein Gesetz noch eine Richtlinie gibt, wie und wer Änderungen des Strassennetzes an die Kartenhersteller weiterleitet.

Diese organisieren sich die Informationen grösstenteils selber, heisst es bei «Here», einem der grössten Navigationsdienste.

Beim Kantonsspital Baden heisst es, man habe die Verkehrssituation bereits in den Plänen notiert, sodass künftig alle Sanitäter wissen, dass die Abzweigung in der Wiesenstrasse der schnellste Weg zum Kreuzweg ist.