Baden

Vor 100 Jahren kam das Tränenbrünneli an die Stadt – als Geschenk von Hans Trudels Freunden

Das vielleicht bekannteste Kunstwerk Badens: Hans Trudels Tränenbrünneli.

Das vielleicht bekannteste Kunstwerk Badens: Hans Trudels Tränenbrünneli.

Im Februar 1920 kauften Freunde des Künstlers das vielleicht bekannteste Kunstwerk Badens. Im «Badener Tagblatt» würdigten sie ihn und sein Werk.

Ungeliebt, verkannt und verschmäht: Bildhauer und Zeichner Hans Trudel (1881–1958) galt in seiner Heimatstadt Baden zu Lebzeiten als Sonderling. Er starb arm und ohne Anerkennung. Seine Kunst war umstritten, unter anderem wegen der Nacktheit seiner Figuren.

Heute stehen in Baden von keinem anderen Künstler mehr Werke im öffentlichen Raum als von Trudel. Das vielleicht bekannteste – so Kunsthistoriker Stephan Kunz in den Neujahrsblättern 2019 – ist der Tränenbrunnen, der an der Limmatpromenade steht.

Die Skulptur aus Kalkstein zeigt fünf weinende Kinder, jedes im Kummer für sich allein, auf dem Brunnen steht die Inschrift: «Jed’ Menschlein Weh, in Trän’ zerronnen; die Erde schluckt’s und weint’s in Bronnen.» Entstanden am Ende des Ersten Weltkrieges, war das Werk womöglich Ausdruck der düsteren Stimmung jener Tage, die Trudel vor seiner Rückkehr nach Baden in Wien erlebt beziehungsweise beobachtet hatte.

«Tröstende Gewissheit, dass aller Schmerz vergeht»

Der Brunnen eckte an: Provisorisch wurde er im Spitalareal an der Wettingerstrasse aufgestellt, doch die Krankenhauskommission wehrte sich, «weil der Anblick des Brunnens zu sehr auf die Gemüter der Kranken drücken würde». Erst als private Förderer das Geld für den Brunnen stifteten, erlaubte der Gemeinderat ab 1920 dessen Platzierung an der Limmatpromenade, so die Neujahrsblätter. Dass Trudel auch Freunde hatte, zeigt ihre Mitteilung, die das Badener Tagblatt diesen Monat vor hundert Jahren veröffentlichte.

Hier das Schreiben im Wortlaut, das zumindest in neueren Publikationen über das Tränenbrünneli nicht erwähnt wird: «Kunstfreunde Badens und Freunde des Bildhauers Hans Trudel haben das von ihm gehauene Tränen-Brünneli erworben, um es der Stadt Baden als Geschenk anzubieten. Mehrere erfreulich grosse Beiträge und eine sehr grosse Zahl ebenso erfreulicher kleinerer Spenden wurden zusammengetragen, um das hübsche Kunstwerk der Stadt zu erhalten.

Unter den vielen Gebern mögen die Konstrukteure, Zeichner und Lehrlinge des Dampfturbinen-Konstruktionsbüros der Firma BBC besonders erwähnt werden, die es sich nicht nehmen liessen, durch ihre Spenden dem Mann ihre Sympathie zu beweisen, der früher mit ihnen arbeitete, und der die Kraft besass, einen sicheren Beruf der Kunst zu opfern. Die Kindergestalten auf dem Tränenbrünneli zeigen uns das menschliche Weh in mancherlei Äusserungen, vom leisen Wimmern bis zum Aufschreien im körperlichen Schmerz mit krampfhaft geballten Fäusten.

«Ohne seine Freunde wäre es nicht an diesem Ort»

Aber aus der ganzen Gruppe spricht doch tröstend die Gewissheit, dass aller Schmerz vergeht, so wie Kindertränen von der Erde verschluckt werden, und dieser Trost verkörpert sich in dem ruhig weinenden, schönen Mädchen, das in der Mitte steht und an das sich alle übrigen Kinder schmiegen. Wenn einmal das Wasser aus dem Brünneli plätschert, dann wird die Verteilung seiner Massen noch günstiger in Erscheinung treten, und es wird in seiner künstlerischen Geschlossenheit und Lebendigkeit wirken können. Die Geber hoffen, dass die Stadt, in deren Bädern so viele Schmerzen geheilt werden, das Tränen-Brünneli annehmen und ihm, zur Freude der Einheimischen und Fremden, einen würdigen Platz bereiten möge.»

Die Stadt nahm das Geschenk an und platzierte es an der Limmatpromenade, wo es heute noch steht. Ohne Trudels Freunde, schreibt Kunsthistoriker Kunz, wäre das Tränenbrünneli nicht an diesem Ort. Umstritten war es aber noch lange Zeit: Im März 1925 beispielsweise wurde einer Kinderfigur der Kopf abgeschlagen und weggeworfen. Weitere Teile der Gruppe wurden mit schweren Gegenständen demoliert.

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