Im Bauerndorf Fislisbach ging es recht beschaulich zu und her in den Frühjahrstagen 1848. Ende März war der Sonderbundskrieg seit vier Monaten vorbei. Die Tagsatzung der Kantone arbeitete an einer Verfassung für die Schweiz, die im Herbst zum Bundesstaat werden sollte.

In Fislisbach bekam man davon noch nicht viel mit. Durch das Dorf rauschte der Bach, der im Frühling oft über die Ufer trat und Keller und Ställe unter Wasser setzte. Fislisbach hatte damals rund 600 Einwohner. 1830 hatte die Gemeinde zwar eine neue Kirche bekommen. Sonst bestand sie fast nur aus alten Bauernhäusern mit hohen Strohdächern, ohne Kamin, ohne Blitzableiter. Nur die Kirche, das Schulhaus und die ehemalige Zehntenscheune des Klosters Wettingen, die seit 1820 ein Bauernhof war (und später dann zum Gasthof Linde wurde), hatten ein Ziegeldach.

Stroh brannte wie Zunder

Im Winter 1847/48 grassierte der Typhus im Dorf. Aber es sollte alles noch viel schlimmer kommen. Der Historiker Tobias Wildi hat in den Badener Neujahrsblättern 1998 beschrieben, wie Fislisbach am 30. März 1848 an einem einzigen Tag fast ausgelöscht wurde. An jenem verhängnisvollen Tag brach um elf Uhr morgens in einem Haus in der Nähe der Kirche ein Feuer aus. Das Feuer sprang auf die Nachbarhäuser über, die Strohdächer brannten wie Zunder.

Bis am Nachmittag brannte fast das ganze Dorf nieder. Das Ziegeldach der Zehntenscheune verhinderte, dass die Flammen auf das grösste Haus im Dorf übergriffen. Die Kirche konnte knapp gerettet werden. 42 Häuser lagen in Schutt und Asche. 72 Familien, rund 500 Personen, waren obdachlos. Nur die etwas abseits gelegenen Häuser an der Mellingerstrasse blieben verschont.

Die Solidarität war gross nach der Katastrophe. Die Obdachlosen fanden Unterschlupf in den unbeschädigten Häusern und im kleinen Schulhaus. Die Schule blieb bis im November 1848 geschlossen. Viele der alten Strohdachhäuser waren bei der kantonalen Gebäudeversicherung stark unterversichert, die Bewohner bekamen kaum Geld für den Wiederaufbau.

Mit viel Fleiss der Fislisbacher

Der Regierungsrat erliess deshalb am 6. April einen Spendenaufruf im ganzen Kanton: «Liebe Mitbürger zu Stadt und Land, wir legen euch die Noth der so schwer heimgesuchten Gemeinde Fislisbach recht dringend an’s Herz. Öffnet eure milde Hand zum Trost der Unglücklichen; gebt ihnen durch freiwillige Liebesgaben Obdach, Kleidung, Nahrung zurück.» Die Aargauer gaben reichlich. Bis im Sommer 1849 kamen 23'000 Franken zusammen, damals ein Vermögen. Am 6. April 1848 setzte die Regierung auch einen «Hilfsausschuss für den Wiederaufbau von Fislisbach» ein, mit dem Badener Regierungsrat Kaspar Borsinger als Präsident.

Das Dorf wurde in nur einem Jahr mit viel Fleiss der Einwohner wieder aufgebaut. Baumaterial war knapp, Fislisbach hatte weder einen Steinbruch noch grosse Waldgebiete. Der Badener Architekt Kaspar Jeuch und der Fislisbacher Pfarrer Rohner hatten die Idee, die neuen Häuser als sogenannte Pisé-Bauten zu erstellen: Häuser aus gestampftem Lehm.

Der erst 23-jährige Architekt Alfred Zschokke aus Aarau zeichnete die Pläne für den Wiederaufbau. Er war der Sohn des Schriftstellers und Vordenkers des neuen Bundesstaats, Heinrich Zschokke. Auf das alte Ortsbild nahm man wenig Rücksicht, Zschokke strebte eine zeitgemässe und luftige Neugestaltung an. Die Stampflehmbauten waren damals eine Pionierleistung und galten als Muster für kostengünstiges Bauen. Bereits im ersten Winter bewährten sie sich als ausgezeichnete Wärmespeicher. Obwohl Zschokke hoffte, dass sich die Lehmbauweise über Fislisbach hinaus verbreiten würde, geriet sie bald wieder in Vergessenheit. Heute erlebt diese Art des Bauens gerade eine florierende Renaissance.

Zur Erinnerung an die grosse Katastrophe und den Wiederaufbau von Fislisbach hängt seit 1924 neben dem Eingang des Gemeindehauses ein Bronzereflief des Badener Bildhauers Hans Trudel, das den ganzen Schrecken zeigt. Morgen, am Karfreitag, jährt sich der Dorfbrand zum 170. Mal.