Kerzen säumen an diesem Montagmorgen die grosse Treppe hinauf zur Kantonsschule Baden. An jenem 17. Juni 1996 wird allen Kantischülern schnell klar, dass etwas Furchtbares passiert sein muss. Tatsächlich: Drei Tage zuvor, am 14. Juni – also genau heute vor 20 Jahren –, kam es in Oberrohrdorf zu einem tödlichen Familiendrama. «Vater erschoss Ehefrau und einen Sohn. Er wollte seiner Familie den finanziellen Ruin ersparen», titelte das «Badener Tagblatt» damals. Dem Artikel war zu entnehmen, dass ein Vater (60) seine Frau (58) und seinen jüngeren Sohn (19) erschossen hatte. Nach der Tat habe der Mann die Leichen in die hauseigene Sauna transportiert. Auch den zwei Jahre älteren Sohn habe der Vater umbringen wollen. Doch weil dieser aufgewacht war, liess der Vater von der Tat ab. Am Sonntagmorgen ist der Vater dann nicht mehr im Haus. Am Vormittag ruft er schliesslich seinen Sohn an und gesteht ihm die Tat.

Weil der Mann immer noch bewaffnet war, habe die Polizei das Gebiet grossräumig mit einem Sonderkommando abgeriegelt und im ganzen Kanton einen Fahndungsalarm ausgelöst, schrieb das BT. Gegen Mittag habe der offensichtlich schwer gezeichnete Vater erneut zu Hause angerufen und seine ausweglose Situation erklärt. Diverse Computergeschäfte seien nicht im erwarteten Rahmen ausgefallen, nun stünde der finanzielle Ruin bevor. Das habe er seiner Familie ersparen wollen.

Am Nachmittag dann – nachdem ihn sein Sohn dazu überreden konnte – stellte sich der Vater auf dem Posten der Kantonspolizei in Baden. Das BT zitierte auch Werner Schälkli von der Informationsstelle des Polizeikommandos Aargau: «Die angesehene Familie war im Dorf bestbekannt und fest verwurzelt. Das Drama hat nach Bekanntwerden am ganzen Rohrdorferberg Bestürzung ausgelöst.»

Klassenlehrer: «Es war furchtbar»

In den folgenden Tagen wurden im BT zwei Todesanzeigen abgedruckt – eine von der Pfadi Hochwacht Baden, wo sich der ermordete Sohn stark engagierte. Die andere Todesanzeige schaltete die Kanti-Klasse 3aL: «Ein Teil von uns geht mit Dir verloren. Ein Teil von Dir bleibt in uns erhalten – und dafür danken wir Dir.»

Hans Jörg Schweizer (78), ehemaliger Latein- und Griechischlehrer an der Kanti Baden, erinnert sich noch gut an jenen Montag nach der Tat. Er war damals Klassenlehrer des Opfers – und per Zufall zuvor auch Lehrer des älteren Bruders. «Ich erhielt die furchtbare Nachricht bereits am Sonntag per Telefon, ohne jedoch zu erfahren, was genau passiert war.» Die Situation am Montagmorgen sei natürlich ganz schrecklich gewesen. «Viele Schüler hatten sich schon am Sonntag untereinander verständigt. Umso bemerkenswerter empfand ich den Umstand, dass die Klasse an diesem Morgen vollständig anwesend war. Die Schüler standen unter Schock und waren tieftraurig; viele Schülerinnen haben geweint, die Burschen waren eher gefasst.» An Unterricht sei natürlich nicht zu denken gewesen. «Ich erinnere mich nur noch, dass ich den Schülern eine kleine Geschichte vorlas, die ich damals für passend erachtete. Ansonsten haben wir nicht viel geredet, sondern einfach still um unseren Mitschüler getrauert.»

Wenn er ehrlich sei, dann müsse er rückblickend sagen, dass er und mit ihm das Kollegium mit dieser Situation überfordert waren. «Es gab zwar auch vorher Todesfälle und Schicksalsschläge, doch so etwas hatten wir noch nie erlebt.» Heute würden in solch einem Fall wohl Krisensitzungen einberufen und klar definierte Krisenszenarien durchgespielt. «Damals gab es am Morgen nicht einmal eine Zusammenkunft der Lehrpersonen. Man vertraute wohl darauf, dass ich die Situation zusammen mit meiner Klasse schon werde meistern können», so Schweizer. Er wisse aber, dass die Schule aus diesem tragischen Ereignis gelernt habe und heute ganz anders auf solch eine Tragödie reagieren würde.

Zum Glück keine Maturaexamen

Zum Glück habe seine Klasse bereits vor der schrecklichen Tat über einen sehr starken Zusammenhalt verfügt. «Trotzdem stand für uns Lehrer fest, dass wir von den Schülern bis zu den Sommerferien an schulischen Leistungen nichts mehr fordern können.» Die Sommerferien seien eine willkommene Zäsur gewesen, um Abstand vom Ganzen zu gewinnen. Ein Jahr später hätten seine Schüler dann die Matur abgelegt. «Nicht auszudenken, wenn sie zum Zeitpunkt der Tat mitten in den Maturaprüfungen gesteckt hätten», sinniert Hans Jörg Schweizer.

Rückblickend könne er sagen, dass diese schreckliche Tat bei aller Trauer und Betroffenheit zum Glück langfristig auf die seelische Befindlichkeit der Schüler und auf deren Leistung keinen negativen Einfluss hatte. Dies führt Schweizer nicht zuletzt auf den starken Zusammenhalt innerhalb der Klasse zurück. «Ich würde sogar sagen, diese Tragödie hat die Klasse noch enger zusammengeschweisst.»