Literaturstar

Vor 200 Jahren: Lyriker Georg Herwegh und seine Frau Emma heirateten in Baden

Beim Gefecht gegen das württembergische Militär fand der Traum der Revolution von Emma und Georg Herwegh ein jähes Ende.

Beim Gefecht gegen das württembergische Militär fand der Traum der Revolution von Emma und Georg Herwegh ein jähes Ende.

Der deutsche Lyriker Georg Herwegh war Mitte des 19. Jahrhunderts ein Literaturstar. Er und seine Frau Emma wurden vor 200 Jahren geboren. Sie kämpften für Freiheit und Demokratie. In Baden hatten sie geheiratet.

Die beiden Grabsteine auf dem Friedhof in Liestal sind schlicht. Nichts erinnert an das schillernde Leben der Verstorbenen, denen er gedenkt. Nichts deutet auf die glutvollen Gedichte des deutschen Dichters Georg Herwegh. Nichts verweist auf den radikalen Geist seiner Frau Emma, die in Männerkleidern in den Kampf zog. In einer unscheinbaren Ecke des Friedhofs ruhen sie; von der Öffentlichkeit praktisch vergessen. 200 Jahre nach der Geburt der beiden Revolutionäre soll ihre Geschichte wieder bekannter werden, so wurde ein Projekt zum Jubiläum initiiert. Georg Herwegh kam 31. Mai 1817 in Stuttgart zur Welt.

Herweghs «Gedichte eines Lebendigen» wurden in Preussen verboten. Dennoch verbreiteten sie sich rasant und gehören bis heute zu den Bestsellern unter den deutschsprachigen Lyrikwerken. Darin schreibt Herwegh gegen Tyrannen und Kleingeister an, beschwört die Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Verse wie «Reisst die Kreuze aus der Erde! Alle sollen Schwerter werden» schreien nach Kampf.

In den deutschen Königreichen und Staaten treffen die verbotenen Gedichte den Nerv der Zeit. Sie machen aus dem 24-jährigen Herwegh einen Literaturstar. Seine ungestüme Lyrik ergreift auch die Emma Siegmund, wohlhabende Tochter eines Berliner Seidenfabrikanten. Nachdem sie seine Gedichte gelesen hat, verkündet sie vor ihrer Familie: «Das ist die Antwort auf meine Seele!»

Beim Gefecht gegen das württembergische Militär fand der Traum der Revolution von Emma und Georg Herwegh ein jähes Ende.

Beim Gefecht gegen das württembergische Militär fand der Traum der Revolution von Emma und Georg Herwegh ein jähes Ende.

Emma hat schon in ihren Jugendjahren Kontakt zur polnischen Intelligenz geknüpft. In einer zwölf Jahre älteren Freiheitskämpferin findet sie eine Freundin und ihr politisches Vorbild. Deren Geschenk, ein Ring mit der Inschrift «Noch ist Polen nicht verloren», trägt sie ihr Leben lang. Heute schimmert er in einer Vitrine des Dichter- und Stadtmuseums.

Heirat in Baden statt in Zürich

Die Geschichte von Georg und Emma Herwegh ist geprägt von Verfolgung und Flucht. Kennen gelernt haben sie sich nur, weil Preussen die Zensur ein wenig lockerte und sich Georg aus Zürcher Exil auf seinen Triumphzug begeben konnte. Nach der Verlobung ist die Freiheit vorbei. Der preussische König Friedrich Wilhelm IV. verbannt Georg; er kehrt in die Schweiz zurück.

In seiner Heimat steckbrieflich gesucht, beantragt er in Zürich das Bürgerrecht. Der Kanton lehnt ab, auch die Aufenthaltsbewilligung. Zürich befürchtet «leicht unangenehme Verhältnisse und Verwicklungen mit fremden Staaten». Der Regierungsrat beschloss, den feurigen Verseschmied der republikanischen deutschen Jugend auszuweisen.

Für die Eheschliessung war die Stadt Baden ausersehen worden. Dafür braucht es die Erlaubnis des aargauischen Kleinen und des Grossen Rates. In Aarau wurde um die Bewilligung ersucht. Dort schüttelt man – noch weht der Geist Zschokkes durch die Aargauer Hauptstadt – ob des Zürcher Bannspruchs den Kopf. So lässt man Herwegh wissen: «Wir freuen uns, durch diese Bewilligung den Beweis geben zu können, dass noch nicht alle Kantone der Schweiz der Spiesserei verfallen sind.» Zwei Wochen später sind Emma Siegmund und Georg Herwegh Herr und Frau Herwegh.

Am Hochzeitstag im März hat es stark geschneit. Die kurzfristig angesagte Trauung findet in der reformierten Kirche statt. Der Prediger meint, er sei ja nicht vorbereitet. Doch Herwegh antwortet: «Tut nichts, Herr Pfarrer, je kürzer, desto besser, der langen Rede bedarf’s nicht.» Geheiratet wird in Zivilkleidern, weil die Garderobe aus Berlin erst acht Tage verspätet eintraf. Der Brautschleier sei im «kleinen Ort» noch kurzfristig aufgetrieben worden. Beim Eintritt soll der Anarchist Bakunin, einer der prominenten Gästeschar, die Braut galant mit «Adieu Mademoiselle» verabschiedet, als sie wieder aus der Kirche heraustrat ebenso galant mit «Bonjour Madame» empfangen haben. Die Festgesellschaft kehrt dann in den «Freihof» zurück, wo sie auch untergebracht ist. Die Eltern der Braut sind zwar noch auf der Anreise aus Berlin. Mit ihnen wird eine Woche später noch einmal gefeiert.

Baselland nimmt Herwegh auf

Nach der Wegweisung aus Zürich springt der junge Kanton Baselland ein. Die Gemeinde Augst gewährt ihm Bürgerrecht; am 10. April 1843 genehmigt Liestal ihm das Kantonsbürgerrecht. Nach der Kantonstrennung 1833 hatte sich die säkulare Strömung im Landkanton akzentuiert. 1834 beschloss der Kanton Basel-Landschaft etwa den «Badener Artikel», in dem er gemeinsam mit Luzern, Bern, Zug, Solothurn, St. Gallen, Aargau und Thurgau die staatlichen Ansprüche gegenüber der Kirche durchzusetzen versuchte.

Im Buch «In Historischen Dokumenten» von Fritz Klaus steht, dass das Baselland Flüchtlinge «immer mit offenen Armen» aufgenommen habe. Dies nicht nur aus Güte gegenüber Flüchtlingen. Dem Kanton fehlten intellektuelle Fachkräfte. Und jede Einbürgerung spülte Geld in die Kassen. Herwegh hat den hohen Preis für sein Baselbieter Bürgerrecht kaum bereut, denn es schützte ihn und Emma fünf Jahre später in lebensbedrohlicher Lage.

Eine Affäre und die Revolution

So geschehen zwei Monate nach der Februarrevolution 1848 in Paris, wo die Herweghs hingezogen sind. Mit Arbeitern verkehren sie wie mit Heinrich Heine, George Sand oder Victor Hugo. Auch Karl Marx zählt zu ihren Freunden. Während Georg den Pariser Klatsch mit einer Affäre befeuert und seine Ehe in eine Krise stürzt, eröffnet Emma einen literarisch-politischen Salon. Aus dem intellektuellen Umfeld bricht sie aus: Sie besucht Handwerkervereine und springt auf Wirtshaustische, um politische Reden zu halten.

Im Februar jagen Bürger König Louis Philippe vom Thron; im preussischen Berlin rollt die Märzrevolution an. Emma und Georg seien «taub vor Enthusiasmus» gewesen, notiert eine Freundin. Die «Deutsche Demokratische Legion» wählt Georg zum politischen Präsidenten. Mit Emma und einem kleinen Freiheitsheer ziehen sie in den Kampf. Doch hessische und württembergische Truppen verfolgen Herweghs Truppe. Sie zählt noch Zeitpunkt um die 650 Personen. Die übermüdeten, hungrigen und spärlich bewaffneten Freischärler wurden vier Tage gejagt und flüchten dann in alle Richtungen. Ein Bauer versteckt Emma und Georg, kleidet sie zu ihrem Schutz in Lumpen und stellt sie auf eines seiner Felder. Mit Heugabeln geschultert, überquert das Ehepaar dann in Rheinfelden die rettende Schweizer Grenze. Als Baselbieter Bürger droht ihnen keine Auslieferung.

Von ihrer versuchten Revolution bleibt eine Haarsträhne, die Emma Georg abschnitt und als Erinnerung aufbewahrt hat. Sie befindet sich heute noch im Herwegh-Archiv in Liestal.
Herwegh-Heirat in Baden: Urs Tremp hat die Geschichte in den Badener Neujahrsblättern 1994 niedergeschrieben.

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