Baden/Schwefelbergbad

Vor 50 Jahren explodierte im Pfadilager ein Blindgänger: „Ohne Flugwacht wären einige verblutet“

Die Frontseite des «Badener Tagblatts» vom 31.7.1970.

Die Frontseite des «Badener Tagblatts» vom 31.7.1970.

Am 30. Juli 1970 gab es einen schweren Unfall im Sommerlager der Pfadi Baden Hochwacht. Die Verletzten hatten gleich mehrere Schutzengel. Sander Mallien war damals 12 Jahre alt und erinnert sich.

Heute vor 50 Jahren explodierte der Blindgänger. Die Badener Pfadfinder des Zuges Helios der Abteilung Hochwacht verbrachten das Sommerlager 1970 im Berner Oberland, in Schwefelbergbad im Gantrisch. Bei einer Bergwanderung passierte das Unglück. Sechs Pfader wurden dabei teilweise schwer verletzt: Thomas Renold, Felix Terrier, Peter Gröbly, Eric Stauffer, François Schmid und Sander Mallien, Badener Grossrat und derzeitiger Einwohnerratspräsident.

Mallien war damals 12 Jahre alt. Ihn traf es am schlimmsten. Er erinnert sich noch gut an den Unglückstag: «Am Morgen des 30. Juli starteten wir von unserem Lagerplatz unterhalb des Kurhotels Schwefelbergbad zu einer Wanderung. Der Aufstieg war anstrengend und wir jüngsten Pfadis beschlossen deshalb, zu siebt über eine kürzere Route vorzeitig wieder ins Lager abzusteigen.»

Das rostige Geschoss einer Panzerabwehrkanone

An den Hängen lag noch Schnee. «Ich genoss das sommerliche Herunterrutschen über die Schneeflecken, als ich plötzlich sah, dass meine Kameraden offenbar etwas Interessantes gefunden hatten, und eilte auf sie zu», erzählt Mallien. «In diesem Augenblick warf ein Kamerad das Ding wieder weg, da es rostig war und offenbar doch nicht so interessant. Genau in die Richtung, aus der ich hinzukam.»

Das mit einem Aufprallzünder ausgestattete Geschoss einer Panzerabwehrkanone der Armee explodierte. «Als nächstens fand ich mich, bei vollem Bewusstsein, am ganzen Körper blutend am Boden wieder», sagt Mallien. Da er unter Schock stand, habe er zunächst fast keinen Schmerz gespürt. «Aber ich hatte Angst, da ich meinen offenen Bauch und meine vielen anderen Fleischwunden sah. Und ich hörte, dass fast alle meiner Kameraden ebenfalls verletzt waren.»

Es war neblig und kalt an dem Tag. Einer der weniger schwer verletzten Buben eilte den Berg hinunter, um im Kurhotel Schwefelbergbad Verbandsmaterial zu holen. Ein anderer, welcher am Bein verletzt war, rutschte kurze Zeit später ebenfalls den Hang hinab. Am gegenüberliegenden Hang hörte ein wanderndes Ehepaar die Explosion, suchte mit dem Feldstecher die Umgebung ab und entdeckte den am Bein blutenden Pfader und eilte zu ihm. Er konnte gerade noch rapportieren, was geschehen war, bevor er ohnmächtig wurde. Das Ehepaar schlug Alarm.

«Jeweils mittwochs machte der Arzt Krankenvisite in Schwefelbergbad. Da er sich an jenem Mittwoch leicht erkältet fühlte, beschloss er, noch einen Tag länger im Kurhotel zu bleiben. Das war unser Glück, denn so war er noch in der Gegend und zwei Bauern konnten ihn mit dem Jeep nahe zu uns hinauffahren. Der Arzt verstauchte sich den Fuss im Gelände, aber leistete hervorragend erste Hilfe.» Bald schon hörten die Pfader, wie sich Helikopter näherten. Wie sie später erfuhren, war derjenige des «Blick» noch vor den Rettungshelis in der Nähe.

Die Rettungsflugwacht schickte einen Armeehelikopter aus Alpnach und eine Maschine der Air Glacier aus Sitten zum Unfallort. Wegen des dichten Nebels konnten sie nicht landen. «Knapp eine Stunde später begann es zu hageln und der Nebel lichtete sich etwas, so dass die Helikopter anfliegen konnten. Die helfenden Bauern mussten uns in die schwebenden Helikopter hieven», erinnert sich Mallien. Der schwerverletzte Sander Mallien wurde zusammen mit Peter Gröbly ins Bezirksspital Thun geflogen und sofort notoperiert, während die weniger schwer verletzten anderen Vier ins Inselspital nach Bern gebracht wurden.

Das Lager in Schwefelbergbad wurde am Tag nach dem Unfall vorzeitig abgebrochen, die heil gebliebenen Pfader kamen gegen Abend am Bahnhof Baden an. Der Unfall erregte viel Aufsehen in der Presse. Das Badener Tagblatt titelte am nächsten Tag auf der Frontseite: «Ohne Flugwacht wären einige verblutet.» Ein Retter berichtete: «Es war wie im Krieg. Die Knaben waren bis zu zehn Meter vom Explosionsort weggeschleudert worden. Sie lagen still da und gaben noch Lebenszeichen von sich, die aber immer schwächer wurden.»

Krankenbesuch von Bundesrat Gnägi

Der «Sonntags-Blick» schrieb zum Unfall, Touristen hätten den Blindgänger bereits Mitte Juli den Militärbehörden gemeldet, dieser sei aber nicht entfernt worden. Diese Geschichte erwies sich allerdings selbst als «Blick-Blindgänger», wie das BT ein paar Tage später schrieb. Das Militärdepartement hielt in einer Richtigstellung fest, dass viele Blindgänger von den Truppen wegen des schneereichen Winters nicht gefunden worden waren. Mit der späten Schneeschmelze seien die Geschosse erst im Sommer zum Vorschein gekommen.

Sander Mallien bekam im Thuner Spital Krankenbesuch von Bundesrat und Militärvorsteher Rudolf Gnägi. Nach zweieinhalb Monaten waren seine innere Organe und Fleischwunden soweit verheilt, dass er nach Hause entlassen werden konnte. Er blieb 20 Jahre aktiver Pfadfinder und wurde Abteilungsleiter bei Hochwacht Baden und Mitglied der Pfadi-Kantonalleitung im Aargau. Im Militär brachte er es zum Artillerieoffizier – zuletzt war er im Stab einer Panzerhaubitzabteilung. Abgesehen von vielen Narben geht es Sander Mallien wie auch seinen fünf Kameraden heute gut, wie er sagt. Heute besuchen sie zusammen den Unfallort im Gantrisch für einen kleinen Gedenkanlass.

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