Wettingen

Vorkämpfer gegen Steuerfuss-Erhöhung: «Ich sehe enormes Sparpotenzial»

Andrea Bova in seinem Treuhandbüro in Wettingen.

Andrea Bova in seinem Treuhandbüro in Wettingen.

Ohne den bisher politisch nicht aktiven Andrea Bova gäbe es die «IG Attraktives Wettingen» nicht – was ihn antreibt, genau hinzuschauen.

Diese Woche finden in Wettingen gleich zwei Einwohnerratssitzungen statt, die eine wird heute Montag nachgeholt, weil sie wegen Corona abgesagt wurde, die andere findet regulär am Donnerstag statt – wegen den Abstandsregeln im frisch sanierten Tägisaal. Dieser ist genug gross, dass auch Besucher Platz finden. Dazu gehört seit Herbst regelmässig auch Andrea Bova, der am Anfang der Geschichte der «IG Attraktives Wettingen» steht. Diese schreibt sich das deutliche Ablehnungsresultat im Februar auf die Fahne als 73 Prozent gegen das Budget und die Steuerfusserhöhung von 95 auf 100 Prozent stimmten.

«Die meisten Wettinger wollen keine Steuerfusserhöhung und ich kämpfe dafür, dass das so bleibt», sagt Bova. Er ist 40 Jahre alt und lebt seit seinem fünften Lebensjahr – er kam mit seiner Familie aus Italien – in Wettingen. Hier wohnt er mit seiner Frau und zwei Kindern, hier führt er auch sein Treuhandbüro: «Ich fühle mich mit Wettingen sehr verbunden.»

Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, sich politisch zu engagieren, wenn da im letzten Herbst nicht die Budgetdebatte gewesen wäre: «Mein tägliches Business ist es, Abschlüsse mit meinen Kunden zu besprechen und herauszuarbeiten, wo im neuen Jahr optimiert werden kann.» Als er in der Zeitung von der Steuererhöhung las, dachte er, dass das, was er tagtäglich für seine Kunden mache, sicherlich auch in Wettingen möglich ist.

Deshalb begann er, die zugänglichen Dokumente genauer zu studieren und stellte ein Interview mit sich selbst ins Internet: «Das wurde auf Facebook überraschenderweise zahlreich geteilt.» Selbst bekam er das nicht gross mit, er ist nicht in den sozialen Medien unterwegs. So wurden aber die Einwohnerräte Orun Palit (GLP) und Martin Fricker (SVP) sowie der ehemalige SVP-Einwohnerrat Thomas Bodmer auf ihn aufmerksam und kontaktierten ihn.

Andrea Bova: Ein parteiloser Treuhänder will in Wettingen sparen

Andrea Bova spricht im Video-Interview über seine Anliegen.

"Bei Löhnen sparen, nicht bei Kultur und Musik"

Für Bova kommt es nicht infrage, einer Partei beizutreten: «Dieses Parteigehabe, diese gegenseitigen Schuldzuweisungen, das ist einer der Gründe, warum ich keiner Partei beitreten will.» Aber auch, weil er sich nicht mit allen Positionen der diversen Parteien identifizieren kann.

Er gründete aber zusammen mit den drei anderen im Januar offiziell einen Verein für die IG, um weiterhin eine Steuerfusserhöhung zu bekämpfen und den Gemeinderat dazu zu bringen – «an Orten, wo es halt wehtut» –, auf der Ausgabenseite zu sparen. «Als leidenschaftlicher Zahlenmensch sehe ich enormes Sparpotenzial.» Es gehe ihm nicht um einen Leistungsabbau: «Ich finde es keine gute Idee, das Gluri-Suter-Huus zu privatisieren oder die Ausgaben für die Musikschule zu kürzen, wie das die CVP-Fraktion vorgeschlagen hat.»

Für ihn sei Priorität 1:

Auch wenn es heisse, es gäbe kaum mehr Handlungsspielraum, da es sich bei den meisten Kosten um gebundene Ausgaben handelt, so könne eine Gemeinde doch über die Höhe gewisser gebundener Ausgaben selbst entscheiden: «Wenn ich mir die Zahlen anschaue und sehe, dass rund 35 Prozent der Verwaltungsangestellten auf ein 100 Prozent-Pensum gerechnet mehr als 100'000 Franken verdienen, dazu unter anderem die Prämie für das Krankentaggeld übernommen wird und man von weiteren Vorteilen profitiert, dann zeigt mir das, dass hier sicherlich noch Potenzial besteht, Kosten zu senken.» Das oberste Ziel einer Verwaltung dürfe nicht sein, der beste Arbeitgeber zu sein, sondern «dass die Einwohner nur für das bezahlen, was nötig und sinnvoll ist.»

Fachstelle Sport ist umstritten

Aktuell stört ihn das Vorgehen bei der Fachstelle Sport, wofür eine 50-Prozent-Stelle geschaffen werden soll. Am Donnerstag stimmt der Einwohnerrat über den Antrag ab: «Ich finde eine Anlaufstelle für Vereine eine gute Sache, aber ich finde nicht, dass dafür neues Personal benötigt wird.»

Die Voraussetzungen sind im Stellenbeschrieb festgehalten: ab 25-jährig, KV-Abschluss und möglichst Erfahrungen im Bereich Jugend und Sport: «Ich habe mit diversen Unternehmen gesprochen. In der Privatwirtschaft würde keine Firma einem 25-Jährigen für dieses Stellenprofil diesen Lohn, hochgerechnet auf 100 Prozent sind es 100 000 Franken, bereitstellen.» In der Finanzkommission scheint der Antrag für eine Fachstelle Sport auch umstritten, drei stimmten dafür, vier dagegen.

Bova sagt, er wäre gerne Teil der Fiko, als Nicht-Einwohnerrat ist das aber schwierig. Und: «Ich habe zu wenig Zeit für ein politisches Amt.» Das dachte er aber schon bevor er sich in die Wettinger Finanzpolitik vertiefte – und dafür noch immer viel Zeit investiert.

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