Baden

Walter Vetterli: «Ohne meinen Sohn gäbe es die Firma nicht mehr»

Nie bereut, dem Junior übergeben zu haben: Walter Vetterli und sein Sohn Martin Vetterli, der Halden Express nun leitet.

Nie bereut, dem Junior übergeben zu haben: Walter Vetterli und sein Sohn Martin Vetterli, der Halden Express nun leitet.

Vor drei Jahren hat Martin Vetterli den «Halden Express» in Baden von seinem Vater Walter übernommen. Beide sind froh darüber.

Die Werkstatt des «Halden Express» liegt gleich unterhalb der Bezirksschule Baden. Dass der Generationenwechsel bei der Sanitärbude noch nicht allzu lange zurückliegt, beweist das Metallschild an der Eingangstüre. Auf diesem prangt noch immer der Name von Walter Vetterli. Das Gespräch mit Junior und Senior Vetterli findet gleich um die Ecke im Restaurant Linde statt. Bei einem kühlen Zwickelbier wird die Geschichte des «Halden Express» nochmals aufgerollt.

Martin Vetterli, man munkelt, Sie seien nicht mehr so oft beim Feierabendbier anzutreffen, seit Sie selbstständig sind. Stimmt das?

Martin Vetterli: Da ist sicher etwas Wahres dran. Ich arbeite definitiv mehr, als das zuvor als Angestellter der Fall war.

Bereuen Sie den Schritt in die Selbstständigkeit?

Martin: Nein, überhaupt nicht. Ich würde es wieder machen.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Sie die Firma Ihres Vaters übernommen haben – Zufall oder war es von Anfang so geplant?

Walter Vetterli: Geplant war gar nichts! Ich habe meinen Sohn zu gar nichts gedrängt.

Martin: Das kann ich nur bestätigen. Ich musste halt manchmal am Samstag für meinen Vater arbeiten; so bekam ich Einblick in diesen spannenden Beruf.

Sie mussten am Samstag arbeiten?

Martin: Ja klar, um mein Sackgeld zu verdienen. Als ich noch zur Schule ging, wollte ich eigentlich Orgelbauer werden.

Walter: Richtig, dass ich Martin ab und zu mit zur Arbeit nahm, hatte nichts damit zu tun, dass ich ihm den Beruf schmackhaft machen wollte. Es ging mir vielmehr darum, dass er für sein Sackgeld auch etwas leisten musste.

Aus dem Orgelbauer ist ja dann ganz offensichtlich nichts geworden. Weshalb entschieden Sie sich für den Sanitär-Beruf?

Martin: Zuerst habe ich bei einem Metallbauer geschnuppert, dann dreimal bei einem Sanitär – nicht bei meinem Vater. Ich war vom Beruf sofort angetan.

Nach abgeschlossener Lehre arbeiteten Sie ein paar Jahre für ein Wettinger Unternehmen. Wann wurde die «Halden-Express»-Nachfolge zum Thema?

Walter: Noch drei Monate vor meiner Pensionierung habe ich meinem Sohn gesagt, er müsse die Bude nicht übernehmen. Ich wäre nicht «verruckt» geworden, wenn er sich gegen die Nachfolge entschieden hätte.

Martin: Im Hinterkopf hatte ich die Idee natürlich schon. Doch zuerst kamen Lehre und das Militär. Nach dem Militär habe ich noch die Ausbildung zum Installateur gemacht. Irgendwann habe ich dann mit meinem Vater über die Zukunft des «Halden Express» diskutiert.

2009 war es dann so weit, Sie übernahmen die Bude. Erinnern Sie sich noch an diesen Tag?

Martin: Am allerersten Tag – das weiss ich noch genau – haben die einfach mein Telefon abgestellt. Die Telefongesellschaft war der Meinung, die Firma gebe es nicht mehr (lacht).

Wie muss man sich so eine Firmenübergabe vorstellen? Konkret: Mussten Sie Ihrem Vater die Firma abkaufen?

Martin: Ja klar, ich bin immer noch dran, die Firma an meinen Vater abzustottern.

Was genau zahlen Sie denn ab? Den Namen, den Kundenstamm, das Inventar?

Walter: Vor allem das Inventar und die Ausrüstung. Nur ein Beispiel: Unser Serviceauto war seinerzeit eines der teuersten in der ganzen Region Baden. Eingerichtet hat es fast 90000 Franken gekostet.

Martin: Sicher auch die Ausrüstung. Doch sind wir ehrlich: Ohne den Kundenstamm und den Namen, den Du aufgebaut hast, hätte ich die Firma gar nicht übernehmen können.

Sind Sie reich geworden mit dem Verkauf?

Walter: Viele haben das Gefühl, ich hätte ein Vermögen angehäuft, so nach dem Motto «dreimal einen Schraubenzieher anfassen und schon ist man Millionär». Dem ist aber garantiert nicht so.

Was wäre denn passiert, wenn Ihr Sohn die Firma nicht übernommen hätte? Hätten Sie die Firma einem anderen Interessierten verkauft?

Walter: Ohne meinen Sohn gäbe es sie wahrscheinlich nicht mehr. Denn es wäre sehr schwierig gewesen, einen Käufer zu finden, da keine Bank bereit gewesen wäre, einem Jungen den nötigen Kredit zu geben. So spiele ich nun quasi Bank für meinen Sohn, indem ich ihm finanzielle Mittel zur Verfügung stelle, die er mir laufend zurückzahlen kann.

Man hört ja oft, dass es dem alten Patron nicht leicht fällt, loszulassen. Mischen Sie sich noch oft ins Tagesgeschäft?

Walter: Nein, überhaupt nicht; ich habe meinen Sohn nie gefragt, wie es läuft. Gerade in der Anfangsphase rief er mich noch oft an und wollte wissen, wo dies und das zu finden sei. Dann habe ich natürlich gerne geholfen.

Sie reden auch nicht über Zahlen?

Martin: Eigentlich nicht. Den Jahresabschluss zeige ich meinem Vater jeweils schon ...

Walter:... doch ich komme nicht draus. (lacht)

Martin: Ich darf aber schon verraten, dass ich das Niveau mehr oder weniger halten konnte. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich meinen Vater schon gefragt, was ich falsch mache.

Juckt es Sie denn nie, Ihrem Sohn zu sagen, wie er es machen müsse?

Walter: Nein, wirklich nicht. Gut, wenn ich ihm zum Beispiel geholfen habe, einen Boiler anzuschliessen, und er wieder mal genau nur drei Winkel, einen Holländer und zwei Dichtungen mitgenommen hat, dann hat es mich schon gejuckt. Doch das muss er selber lernen.

Wie haben denn die Stammkunden den Stabwechsel aufgenommen?

Walter: Am Anfang hat es schon geheissen «jetzt sind doch immer Sie gekommen; Ihr Sohn hat doch nicht so viel Erfahrung». Ich habe dann jeweils entgegnet: «Wenn ich nach 30 Jahren nicht mehr Erfahrung habe als mein Sohn, dann habe ich etwas falsch gemacht.»

Martin: Ich selber hätte es schlimmer erwartet. Am Anfang hatte ich manchmal schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich für eine Arbeit länger brauchte als mein Vater, weil mir die Erfahrung noch fehlte. Umso grösser war dann die Bestätigung, wenn der Kunde mich wieder für einen neuen Auftrag anrief. Generell spüre ich in der Kundschaft viel Dankbarkeit, dass es uns überhaupt noch gibt und dass ich die Firma weiterführe.

Auch wenn Sie ihren Sohn nicht gezielt für die Nachfolge aufgebaut haben: Stolz dürften Sie allemal sein, dass er den «Halden Express» weiterführt.

Walter: Auf jeden Fall. Dies umso mehr, als ich von der Kundschaft höre, dass mein Sohn sauber und anständig ist. Mir sind Anstandsregeln sehr wichtig. So habe ich meinen Kindern mit auf den Weg gegeben, dass man immer «Grüezi» sagt und den Leuten dabei in die Augen schaut – und man lügt nicht.

Martin: Unter dem Strich geht es doch darum, dass ich mir – wie mein Vater – einen Namen aufbauen muss; den erhält man nicht einfach gratis.

Walter: Stimmt, da kommt mir gleich wieder folgende Anekdote in den Sinn: Einmal musste ich beim Rektor der Sekundarschule antraben, weil Martin wiedermal irgendeinen Seich angestellt hat. Der Rektor sagte zu mir. «Ihr Sohn ist zwar ein Schnoderi; aber er lügt nicht.» Damit konnte ich leben.

Letzte Frage: Wie fühlt es sich eigentlich an, ein Büezer zu sein?

Walter: Ich war immer gerne Büezer. Wissen Sie, wie oft ich von Kunden gehört habe: «Es waren schon studierte Ingenieure hier und konnten das Problem nicht beheben. Sie müssen gar nicht mehr schauen.» Dann habe ich an einer Schraube gedreht und voilà, das Gerät lief wieder.

Martin: Ich habe einige gute Freunde, die studiert haben. Neidisch war ich auf sie aber nie.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1