Er ist kaum zu übersehen: der rote, überdimensionierte Stuhl beim Gstühl-Areal in Baden. Franz Streif blickt nach oben und sagt mit einem Schmunzeln: «Viele meinen, der Name des Ortes würde sich vom Stuhl ableiten. Dem ist aber nicht so.»

Der 80-Jährige, der sich seit seiner Pensionierung mit Leidenschaft der Geschichte Badens widmet, quert die viel befahrene Bruggerstrasse und stellt sich an die Ecke zur Rütistrasse. Dann zeigt er auf das Foto, das aus dem Jahr 1905 stammt. «Würden wir die Zeit zurückdrehen, würden wir nun in der Mitte des Gstühls stehen», sagt Streif.

Er hebt seinen Arm und zeigt einige Meter vor sich auf den Boden. «Wenn in Baden ein Haus gebaut wurde, schnitten etwa dort die Zimmerleute Sparren und Pfetten zu.» Danach setzten sie die Balken zu einem Dachstuhl zusammen. «Daher leitet sich der Name Gstühl ab», erklärt Franz Streif.

Franz Streif: «Im Gstühl war immer etwas los.»

Franz Streif: «Im Gstühl war immer etwas los.»

Seit dem Mittelalter benutzte die Bevölkerung Badens und Umgebung das Gstühl für den Hausbau. Auch Handwerker kleinerer Betriebe gingen dorthin. Ausnahme waren die Mitarbeiter einer Sägerei- und Zimmerei, die sich bis 1930 im Gebäude der heutigen Regionalwerke Baden AG an der Haselstrasse befand: «Die Zimmerleute hatten dort genug Platz.»

Wäsche zum Trocknen gelegt

Das Gstühl – städtebaulich gesehen zwar ein Platz, jedoch nur Gstühl genannt – wurde nicht nur benutzt, um Holzbalken zusammenzusetzen. «Die Badener gingen auch hin, um die Wäsche zu trocknen», sagt Streif. Jeweils am Morgen seien sie mit Zuber und Zainen bepackt auf den Platz gekommen und hätten ihre Wäsche auf die für jedermann zugänglichen Leinen aufgehängt. Einmal pro Monat musste die Wäsche aber weichen: «Dann nämlich kamen Bauern aus der ganzen Umgebung, um ihre Tiere auf dem Viehmarkt zu verkaufen», sagt Streif.

An den Lärm und den Trubel des Viehmarkts kann er sich noch gut erinnern. Franz Streif wuchs in der Altstadt an der Kronengasse auf. Zwischen den 1940er- bis Ende der 1950er-Jahre war er mit seinen Freunden regelmässig auf dem Gstühl. «Zuerst als Bub, dann als Jugendlicher während der Schreinerlehre», sagt er.

Die Luftaufnahme zeigt das Firmengelände der Biscuitsfabrik Schnebli im August 1928.

Im Gstühl wurde 1865 die Geschichte der Badener Zuckerbäcker-Dynastie begründet.

Die Luftaufnahme zeigt das Firmengelände der Biscuitsfabrik Schnebli im August 1928. 

Sein Chef, Otto Gläser, schickte ihn regelmässig hin, um Konstruktionspläne zu kopieren. «Wo heute das Gstühlcenter steht, befand sich früher eine Häuserzeile. Darin war auch die Lichtpausanstalt Moser eingemietet.» Auf dem Gstühl ansässig waren in Streifs Jugendzeit zum Beispiel auch die Buchdruckerei AG, die Konsumbäckerei, das Restaurant Seerose, die Kleiderfabrik Wolf und die Giesserei Heimgartner. «Obwohl Gewerbe vorhanden war, hatte das Gstühl für die Bevölkerung keine grosse Bedeutung», sagt Streif.

Auch städtebaulich nicht, da es damals noch am Rande von Baden und den Verkehrsachsen lag. Das änderte sich jedoch, als sich die von Charles E. Brown und Walter Boveri gegründete BBC zu einem Konzern entwickelte und das Quartier Martinsberg/Hasel entstand.

Autos stauten sich vor Schranke

Für die Jungen gab es rund um das Gstühl trotzdem viel zu sehen. Ihr Interesse fiel auf die Bruggerstrasse – die heutige Stadtturmstrasse –, die damals dem Durchgangsverkehr diente: «Alle drei Minuten schloss sich beim Nordportal des Schlossbergtunnels die Bahnschranke. Rund 200 Züge pro Tag fuhren vorbei. Die Autos und vor allem die Velos stauten sich dementsprechend auf der ehemaligen Bruggerstrasse ins unermessliche», sagt Streif.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Verkehrsprobleme unerträglich geworden: Die Zahl der Motorfahrzeuge, die den engen Stadtturm und die Bahnschranke passieren mussten, hatte sich in wenigen Jahren verdoppelt. «Im Vergleich zu damals ist der Verkehr heute harmlos», sagt er mit einem Lachen.

Dem Chaos ein Ende gesetzt hatte die «kleine Bahnverlegung»: Zwischen 1957 und 1961 wurde westlich der damaligen Schienenführung der Kreuzlibergtunnel gebaut, der vom Bahnhof ausgehend die neuralgischen Stellen unterquert. Im Gegenzug gaben die Verkehrsplaner den Schlossbergtunnel für den Strassenverkehr frei, womit die Autos nicht mehr durch die Innenstadt fahren mussten. Gleichzeitig wurde die Bruggerstrasse umgelegt – Mitten durch das Gstühl. «Damit wurde das Gstühl zur Durchfahrtsstrasse und ging als Platz verloren», erklärt Streif.

Überbleibsel der Gstühl-Ära

Seit der Umlegung und dem Bau des neuen Tunnels habe sich das Quartier enorm verändert. «Ausnahme bilden die Häuser am Hahnrainweg beim Schlossbergtunnel. Diese sind die einzigen Überbleibsel der Gstühl-Ära.» Trauern tut Streif dem Platz zwar nicht nach. Aber er blickt gerne auf die Zeiten zurück, als die Badener dort Leintücher aufhängten und Holzbalken zurechtschnitten. «Es war immer etwas los», erinnert sich Streif. Heute rollt der Verkehr.

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