Wettingen
Warum er mit dem Saurer-Bus nach Skandinavien fuhr

Mit Walter Hugentoblers Abgang als VR-Präsident verlieren die Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen auch einen Chauffeur. Der 67-Jährige verrät, wie er das Reisebüro «Kontiki» gründete und wie der Busverkehr der Zukunft funktionieren wird.

Roman Huber
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Hinter dem Steuer – hier jenes des alten Saurers – ist Hugentobler zu Hause. zvg

Hinter dem Steuer – hier jenes des alten Saurers – ist Hugentobler zu Hause. zvg

Dominik Golob

Das Gespräch findet in Wettingen im RVBW-Sitzungsraum statt. Nein, er sei nicht mit dem Bus da. «Als freisinniger Bürger habe ich das Auto gewählt, denn ich muss nachher in die Fachhochschule», antwortet Walter Hugentobler schmunzelnd auf die provozierende Frage.

Gelassen und kompetent, so kannte man ihn als FDP-Politiker, der vor 20 Jahren den Wettinger Einwohnerrat präsidiert hatte. Stefan Kalt, Geschäftsführer der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW), lobt «seine unternehmerische Erfahrung und sein Gespür für die Bedürfnisse der Fahrgäste». Konzentriert auf das Wesentliche und sehr souverän habe er den Verwaltungsrat präsidiert, fügt Kalt an.

Walti Hugentobler könnte es mit 67 Jahren ruhiger nehmen. «Diese Zeit kommt noch», meint er, und schmunzelt erneut. Sein Arbeitspensum liege noch über 100 Prozent, sagt er, ohne dass er daraus einen Staat macht. Er sei kein typischer 68er gewesen, um zum Ursprung seiner «Bus-Geschichte» zu kommen. «Statt gegen das Establishment zu protestieren, suchten wir mit der Pfadi eine andere Antwort.» 1970 kauften die Pfader den 32-jährigen Saurer-Bus von den Autobetrieben Baumann für 800 Franken. Das war für sein Berufsleben weichenstellend. Der Saurer, ein 30-Plätzer, fuhr zuvor im Auftrag der Regionalen Verkehrsbetriebe ins Brisgi und auf die Baldegg.

Der Saurer auf der Fahrt von der Baldegg nach Baden. ZVG

Der Saurer auf der Fahrt von der Baldegg nach Baden. ZVG

Dominik Golob

Reisen statt Schuhe

Mit Hugentobler hatte die Pfadi ihren eigenen Fahrer; als Car-Chauffeur verdiente er sich während des Studiums etwas Geld. Der Saurer wurde instand gestellt und dann auf seine Reisetüchtigkeit erprobt. Erst ging es nach Schweden zum Kanufahren. «Für uns war es eine abenteuerliche Alternative des Reisens», erzählt Hugentobler. «Meine Eltern haben nicht daran geglaubt, dass es gelingen würde», fügt er an. So wurde er zum Reiseunternehmer, statt das Ruder der familieneigenen Schuhhäuser zu übernehmen.

Wirtschaftsstudium und Chauffeur-Tätigkeit trafen sich dann irgendwie in der Mitte. Die Reisetätigkeit mit der Pfadi führte 1979 zur Gründung des Reisebüros «Kontiki», benannt nach dem aus Schilf konstruierten Floss des norwegischen Forschers Thor Heyerdahl. «Mit dem Saurer-Oldtimer fuhren wir nach Skandinavien, Moskau und Leningrad und weiter bis ans Nordkap in Lappland», erinnert sich Hugentobler. «Und dann verschifften wir ihn für eine USA-Reise.» Die Faszination für das urschweizerische Gefährt hat ihn nicht losgelassen. «Er ist immer noch fahrtüchtig», weiss Hugentobler, der den Saurer vor zwei Jahren selber auf nostalgischer Fahrt zur Baldegg hinauf chauffierte.

Der Skandinavien-Marktleader

Es ist die Suche nach der Alternative, nach der Nische, die Hugentobler vorwärtstrieb. Nach zehn Jahren hatte Kontiki 13 Cars. 1992 erfolgte der Schnitt: Kontiki trennte sich vom Kerngeschäft, verkaufte die Cars und setzte auf das Tour-Operating.

«In kurzer Zeit waren wir Marktleader für Skandinavien-Reisen», schildert Hugentobler. Sein Erfolgsrezept: «Ich holte die besten Leute an Bord.» Der Betriebswirtschafter mit Doktor- und Professorentitel, unterrichtete daneben erst am Wirtschafts-Gymnasium, später als Dozent an Fachhochschulen. «Es ist eine ideale Konstellation, wenn man Praxis und Wirtschaftslehre so verbinden kann», sagt er. Im Jahr 2006 wurde Kontiki an Kuoni Reisen verkauft. Laut Hugentobler war es wirtschaftlich der richtige Entscheid.

Der richtige Mann für die RVBW

Im Jahr 2000 angelte ihn die frisch verselbstständigten RVBW. «Der Verwaltungsrat wurde gezielt mit Fachleuten aufgestellt», so Hugentobler. Die RVBW wurden bis dahin von einem Verbandsvorstand mit ungefähr 25 Gemeindevertretern geführt. In seine Zeit als VR-Präsident fielen wichtige strategische Entscheide: «Mit der Einführung des 15-Minuten-Taktes haben wir das Car-Unternehmen Twerenbold ins Boot geholt. Indermühle war bereits als Transportbeauftragter für die RVBW tätig.» Resultat: Die RVBW mussten weder ein neues Busdepot bauen noch neue Busse kaufen. Indermühle sowie Twerenbold steigerten den Umsatz, respektive lasteten die Flotte besser aus.

Die strategische Entwicklung war eine der Hauptaufgaben des VR-Präsidenten. Dazu gehörten die Verhandlungen mit dem Kanton als Besteller, Anpassungen im Betrieb und des Liniennetzes. «Die verlängerte Linie 12 vom Bahnhof Wettingen zum Kantonsspital ist ein Hit und wird während der Bauzeit am Schulhausplatz noch bedeutender», sagt Hugentobler.

Leitstelle ist ein Meilenstein

«Wir stehen heute als Verkehrsbetriebe sehr weit vorne in der Rangliste unter Verkehrsbetrieben», stellt er mit Befriedigung fest. Das gehe von Kosten, die Pünktlichkeit, Zuganschlüsse bis zum freundlichen und Deutsch sprechenden Chauffeur. Die Einrichtung einer Leitstelle war ein Meilenstein in Hugentoblers Zeit. Für einen zuverlässigen Verkehrsbetrieb in einer verkehrsbelasteten Agglomeration ist sie sehr wichtig. Das System wird nun weiter entwickelt.

«Jeder Bus erhält einen neuen Bordcomputer.» Damit ist der Chauffeur jederzeit genau im Bild über Verspätungen, Verkehrs- und andere Probleme und kann sich ganz aufs Fahren konzentrieren. «Der Stress in der Morgen- und Abendspitze ist für Chauffeure enorm. Wir müssen ihn reduzieren.» Hugentobler weiss, wovon er spricht. Er pflegte den Kontakt zu den Chauffeuren und setzte sich regelmässig hinter das Steuer eines Busses. «Ich steuerte jedes Jahr selber einen Bus.»

Wie der Busverkehr der Zukunft funktionieren wird? «Wir haben neu vier Hybrid-Busse im Einsatz», so Hugentobler. Neue Technologien gehörten zu seinen Steckenpferden: «Sie müssen aber wirtschaftlich nachhaltig sein.» Von der Neugestaltung des Schulhausplatzes würden die RVBW und Postauto profitieren. Die Umsetzung des Verkehrsmanagements aber komme für ihn zu schleppend. «Die Busbevorzugung muss mehr gefördert werden.» Hugentobler versteht sich dabei nicht als Verkehrspolitiker. Die Bedeutung von Velo, Bahn und Bus aber werde wachsen. «Oder wir verändern unsere Mobilität.»

Walter «Walti» Hugentobler, Junggeselle, ist vor drei Jahren vom Wettinger Lägernhang nach Ennetbaden an die Limmat gezogen. Er spricht von einem «Vernunftentscheid»: «Ich bin hier flexibler und besser im öV-Netz eingebunden», sagt er, und denkt dabei auch an seine Reisepläne, wofür er sich als viel beschäftigter Pensionär in der Zukunft noch mehr Zeit einräumen will.

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