Baden
Warum es heute sechsmal mehr Kindernotfälle gibt als vor 20 Jahren

Immer mehr Eltern suchen mit ihren Kindern den Notfall im Kantonsspital Baden auf. Markus Wopmann, Leiter der Kinderklinik, über die Gründe und wie sich diese Zunahme auf die Arbeit auswirkt und warum er trotzdem Arzt wurde.

Martin Rupf
Drucken
Teilen
Markus Wopmann, Leiter KSB-Klinik für Kinder und Jugendliche.

Markus Wopmann, Leiter KSB-Klinik für Kinder und Jugendliche.

Sandra Ardizzone

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die sich im Kindernotfall des Kantonsspitals Baden (KSB) behandeln liessen, versechsfacht. Alleine in den letzten vier Jahren hat die Zahl um rund einen Drittel zugenommen.

Herr Wopmann, vor 20 Jahren behandelten Sie gut 2000 Kinder und Jugendliche im Notfall, letztes Jahr waren es rund 14 000. Sind unsere Kinder immer kränker und verunfallen viel öfters?
Markus Wopmann: Natürlich hatten wir in den letzten 20 Jahren ein leichtes Bevölkerungswachstum, das aber ganz sicher die massive Zunahme nicht erklären kann. Denn Kinder und Jugendliche sind nicht öfters krank als früher.

Zur Person

Der 61-jährige Markus Wopmann leitet seit 24 Jahren die Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonsspital Baden. Er ist zudem Leiter der Kinderschutzgruppe Baden und Präsident der Fachstelle Kinderschutz der Schweizerischen Kinderkliniken.

Wo sehen Sie dann die Gründe?
Grundsätzlich hat trotz oder vielmehr gerade wegen der zugänglicheren Informationen im Internet die Verunsicherung bei Eltern zugenommen. Dazu trägt sicher auch die heutige Medienlandschaft bei, wo es von Horrormeldungen nur so wimmelt.

Sind Eltern also ängstlicher geworden?
Nicht nur. Ich orte auch eine grosse Ungeduld. Viele Eltern haben das Gefühl, die Medizin könne alles heilen und das vor allem sofort. Ich sehe auch einen Zusammenhang mit der heutigen Konsumgesellschaft: Wir sind es gewohnt, dass wir jederzeit – also auch an einem Sonntagabend – einkaufen gehen können. Deshalb sollte doch auch jederzeit ein Arztbesuch möglich sein.

Wieso gehen die Eltern nicht einfach zu ihrem Kinderarzt?
Viele Eltern haben gar keinen Arzt mehr für ihre Kinder beziehungsweise haben am Abend oder am Wochenende nicht die Geduld, zu warten, bis die Praxis ihres Kinderarztes wieder öffnet. So verzeichnen wir jeweils am Sonntagnachmittag bis weit in die Nacht hinein die grössten Patientenzahlen. Viele berufstätige Eltern können es sich schlicht nicht leisten, mit einem kranken Kind in die Woche zu starten.

Lässt die grosse Zunahme an Patienten den Schluss zu, dass Sie vor allem Bagatellfälle behandeln?
Wir stufen die Fälle von 1, ganz dringend, bis 5, eigentlich gesund, ein. Knapp 80 Prozent der Fälle sind in den Kategorien 4 oder 5 anzusiedeln – wenn sie so wollen also Bagatellfälle. Kürzlich suchte uns ein Vater mit seinem Kind auf, weil es gesund war. Sie hören richtig, weil es gesund war. Diese Tatsache verunsicherte den Vater, da sein Kind vorher regelmässig krank war. Er wollte wissen, ob alles in Ordnung ist.

Sagen Sie den Eltern jeweils, dass sie sich einen Besuch hätten ersparen können?
Die Eltern kommen ja in erster Linie, weil sie verunsichert sind oder Angst um ihr Kind haben. Das nehmen wir natürlich ernst. Gleichwohl kommt es immer wieder vor, dass wir den Eltern sagen: «Deswegen hätten Sie jetzt aber nicht extra ins KSB kommen müssen.»

In vielen Fällen rufen Eltern vorher kurz den KSB-Notfall an, um ihr Kommen anzukündigen. Weisen Sie auch Eltern ab?
Ja, das kommt vor – nicht nur am Telefon, sondern auch hier vor Ort. Wenn zum Beispiel Eltern mit ihrem Kind hierher kommen, damit wir zum Beispiel dessen Knie einmal in Ruhe anschauen können, weil dieses immer wieder Probleme macht, dann müssen wir die Eltern klar darauf hinweisen, dass wir eine Notfallstation sind.

Was gibt es denn für Alternativen zum KSB-Notfalldienst?
In der Nacht sind wir tatsächlich die einzige Anlaufstation in der Region für Kinder. Doch samstags und sonntags gibt es tagsüber den kinderärztlichen Notfalldienst, den man aufsuchen kann.

Und wie erreicht man diesen?
Indem man die Nummer seines Kinderarztes wählt und dort erfährt, welcher Kinderarzt gerade Pikett hat. Zudem bekommt man auch über die kantonale Notfallnummer 0900 401 501 diese Auskunft.

Ergänzend dazu gibt es ja noch die kostenpflichtige 0900-Nummer des KSB. Wie gut wird die genutzt?
Ziemlich gut. Im Schnitt haben wir rund 60 Anrufe pro Tag, die in der Regel knapp 3 Minuten dauern.

Für Sie eine gute Sache?
Es gibt zwei Betrachtungsweisen. Die Telefonate werden von uns Ärzten entgegengenommen und beantwortet. Das kann je nachdem ein ziemlicher Stressfaktor sein, wenn hier auf dem Notfall gerade sehr viel läuft – immerhin sprechen wir von rund drei Stunden telefonischer Beratung täglich.

Und was ist das Positive?
Dass durch die Beratung am Ende einige Konsultationen vermieden werden können, die keinen Notfall darstellen. Deshalb rate ich Eltern generell: Lieber zuerst rasch anrufen, damit wir abklären können, ob sich ein Notfallbesuch überhaupt aufdrängt.

Obwohl die Nummer mit Fr. 3.16 nicht ganz billig ist, haben dieses Jahr bereits über 3000 Eltern angerufen ...
... Ja. Und das Verrückte: Wir versuchen, die Gesprächsdauer gerade wegen der Kosten jeweils so kurz wie möglich zu halten. Doch die Eltern lassen sich sehr oft sehr viel Zeit und nehmen es manchmal extrem gemütlich (lacht).

Können Sie es überhaupt riskieren, Eltern nicht ins KSB zu bestellen?
Wenn wir Auskunft geben, haften wir auch für diese. Darum: Wenn eine Beratung innert weniger Minuten nicht zu einem guten Ziel führt, raten wir den Eltern, das KSB aufzusuchen.

Wie hoch ist der Anteil ausländischer Eltern, die hierher kommen?
Sehr hoch. Wobei: Es ist oft nicht so, dass diese Eltern für ihre Kinder keinen Kinderarzt hätten. Viele wollen einfach so schnell wie möglich eine Besserung für ihr Kind.

Gerade diese Sorge um sein eigenes Kind kann bei Eltern zu grossen Stresssituationen führen. Wie erleben Sie das?
Bei uns gibt es folgendes Bonmot: «Kinder zu behandeln ist nicht schwierig, aber die Eltern schon.» Es kommt immer mal wieder vor, dass es im Warteraum laut wird – seien es Eltern, die aneinandergeraten, oder dass Eltern sich über uns Ärzte beschweren.

Sie und Ihr Team behalten dabei immer die Ruhe?
Meistens (lacht). Was uns dabei hilft, ist unser Einstufungssystem. Entscheidend ist nicht der Zeitpunkt des Eintreffens im Kantonsspital, sondern der Schweregrad der Erkrankung oder der Verletzung.

Ist es als Arzt nicht besonders belastend, Kinder leiden zu sehen? Oder anders gefragt, weshalb sind Sie gerade Kinderarzt geworden?
Natürlich können einem die Schicksale der jungen Patientinnen und Patienten sehr nahe gehen. Und doch ist der Anteil heilbarer Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen viel grösser als bei Erwachsenen, was mir unter dem Strich viel Befriedigung gibt.

Aktuelle Nachrichten