Baden
Warum sich in Baden die Kokain-Klienten verdoppelt haben

Die Sozialarbeiterin Regine Rust hat Jack beim ambulanten Kokain-Entzug im Beratungszentrum Baden therapeutisch begleitet. Sie und Bereichsleiterin Regine Rust sprechen über die Gefahren des weissen Pulvers.

Erna Lang-Jonsdottir
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Kokainkonsum in Baden hat stark zugenommen.

Kokainkonsum in Baden hat stark zugenommen.

Keystone

Jack hat acht Jahre lang massiv Kokain konsumiert. Nach zweieinhalb Jahren Therapie ist er jetzt seit acht Monaten drogenfrei. Wie realistisch ist es, dass er es bleibt?

Regine Rust: Natürlich kann niemand in die Zukunft schauen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, je länger die Abstinenz dauert, desto höher ist die Chance, dass sich das Verhalten erfolgreich etabliert hat. Das Risiko eines Rückfalls verringert sich im Laufe der Zeit, jedoch wird ein kleines Restrisiko immer bleiben.

Kokain macht psychisch abhängig, Heroin psychisch und körperlich. Was ist schlimmer?

Rust: Man kann nicht sagen, das Eine sei schlimmer als das Andere, da Heroin wie viele andere Drogen körperlich und psychisch abhängig macht. Kokain hat im Gegensatz zu Heroin nicht so massive körperliche Folgen. Neuere Forschungen haben aber gezeigt, dass der Kokainkonsum das Gehirn massiv schädigen kann, wodurch die Gedächtnisleistungen abnehmen. Mögliche Schädigungen sind Herz- und Kreislaufprobleme, Löcher in der Nasenscheidewand, Krampfanfälle und Leberschäden.

Ihre Statistik zeigt, dass der Konsum von Heroin zurückgeht. Die Kokain-Klienten beim Beratungszentrum Bezirk Baden haben sich aber verdoppelt. Woran liegt das?

Rust: Kokain macht Menschen leistungsfähiger. Höher, schneller, weiter – es ist eine Substanz, die gut in unsere heutige Gesellschaft passt. Die Gefahr der Verwahrlosung ist bei Kokainkonsumenten zunächst weniger gegeben. Wie das Beispiel Jack zeigt, gibt es Menschen, die jahrelang mit einer Kokainsucht leben, bis sie die sozialen Konsequenzen zu spüren bekommen.

K okain ist also in?

Sharon Katz: Kokain ist sicher im Zusammenhang mit dem Leistungsdruck in. Der Stoff ist zugänglicher und billiger geworden.
Rust: Die Zeiten, in denen sich nur die Reichen Kokain leisten konnten, sind vorbei. So berichten 18-Jährige, dass es sehr leicht ist, über Partydrogen mit Kokain in Kontakt zu kommen.

Das geschieht typischerweise durch Freunde und Bekannte?

Rust: Die wenigsten haben am Anfang Kontakt zu einem Dealer. Man wird neugierig. Die Gefahr, dass der Konsum regelmässiger wird, ist gross, da Kokain sehr potent ist.

Kokain ist eine der am schnellsten abhängig machenden Drogen. Heisst das, dass es beim ersten Mal abhängig macht?

Rust: Es gibt keine Droge, die bereits beim ersten Konsum eine Abhängigkeit auslöst. Aber Kokain hat eine sehr starke Wirkung. Es ist eine faszinierende Droge; sie steigert das Selbstwertgefühl und gibt eine unglaubliche Stärke sowie das Gefühl, unverwundbar zu sein. Das Gefühl ist so stark, dass die Gefahr besteht, dass man es immer wieder haben will. Deshalb kann es schnell unkontrollierbar werden und in einer Abhängigkeit enden.

Gibt es Faktoren, die eine Abhängigkeit begünstigen können?

Katz: Ob sich eine Abhängigkeit entwickelt, hat mit verschiedenen Faktoren zu tun. Eine grosse Rolle spielt das eigene Befinden, die Gesundheit, die familiäre Situation und das berufliche Umfeld. Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Prädisposition oder ihrer Persönlichkeit eher Gefahr laufen, eine Abhängigkeit zu entwickeln als andere. Doch grundsätzlich ist zu sagen, dass jeder Mensch abhängig werden kann. Es gibt aber auch Menschen, die Drogen konsumieren können, ohne davon abhängig zu werden.

Für wen wird der Konsum gefährlich?

Rust: Der Konsum wird gefährlich für Menschen, die zu wenig Strategien haben, mit spezifischen Lebenssituationen umzugehen und der Drogenkonsum zum Ausweg wird. Kokain hat etwas Trügerische; sogar das Gefühl der Einsamkeit wird beim Konsum gelindert. Deshalb ist der Fall umso tiefer, wenn das Gefühl der Einsamkeit wieder zurückkommt.

Kokain lindert, was geschieht genau im Hirn?

Rust: Durch den Kokainkonsum wird das Belohnungszentrum aktiviert und Glückshormone ausgeschüttet. Diesen Speicher kann man aber nicht endlos leeren. Ist der Speicher leer, fallen die Konsumenten in eine depressive Verstimmung. Damit sie sich wieder besser fühlen, sniffen sie wieder. Kokainabhängige müssen beim Entzug lernen, sich anders zu belohnen und das Glücksgefühl auf eine andere Art zu erlangen. Das ist ein harter Kampf. Bei Jack ist es ein grosser Erfolg, dass er nach acht Jahren Sucht mit einer ambulanten, zweieinhalbjährigen Therapie davon losgekommen ist.

Die Therapie dauerte aber lange.

Katz: Nach acht Jahren Konsum ist es nicht möglich, von heute auf morgen aufzuhören. Der Entzug ist ein Prozess mit Höhen und Tiefen.
Rust: Bei Jack hat beispielsweise der Alkohol die Hemmschwelle herabgesetzt und war dadurch immer wieder eine Brücke zum Kokain.
Katz: Sich selber einzugestehen, dass man ein Problem hat, ist der wichtigste Schritt, um von einer Droge loszukommen. Wir bieten fachliche Unterstützung, Menschen beim Ausstieg zu begleiten.