Baden/Kirchdorf

Was ist nun, wenn der Hauswart geht?

Die Terrasse des architektonisch prägenden Hochhauses der Architekten Bölsterli und Weidmann wurde diesen Sommer unter der Bauleitung von Viktor Egger saniert und neu gestaltet. Hier goss er jeweils auch die Pflanzen. -rr-

Die Terrasse des architektonisch prägenden Hochhauses der Architekten Bölsterli und Weidmann wurde diesen Sommer unter der Bauleitung von Viktor Egger saniert und neu gestaltet. Hier goss er jeweils auch die Pflanzen. -rr-

Viktor Egger, die unentbehrliche Kraft im BT-Hochhaus in Baden, wird heute nach 42 Jahren pensioniert. «Es ist wie im Militär, es bleiben nur die schönen Erinnerungen im Kopf.»

Heute den Letzten, und morgen den 65. Geburtstag. Seit 42 Jahren geht Viktor Egger hier fast täglich ein und aus. Er hat weder je einen Leitartikel geschrieben noch ein Redaktionsstatut mitverfasst, und dennoch war er während Jahrzehnten eine der wichtigsten Personen in diesem Zeitungsbetrieb.

Als in den 90er-Jahren die Druckmaschine wegen einer Panne stillgestanden war und ein Teil der Zeitung bei der NZZ gedruckt werden musste, schaffte es das Badener Tagblatt nach einem Hitchcock-Finale, die Hauptauflage dann doch an der Stadtturmstrasse 19 zu drucken. Das war vor allem Viktor Egger zu verdanken, der nach einer Krisensitzung in der Nacht rechtzeitig am richtigen Ort die richtigen Ersatzteile organisieren konnte.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit

Wir haben in der neu gestalteten Cafeteria zum Gespräch abgemacht. Der Umbau war sein letztes Werk als Bauleiter im Hause. Es ist der Ort, wo Vik Egger während Jahrzehnten mit den Handwerkern Pläne angeschaut und geschmiedet und seinen Pausenkaffee getrunken hat. Im Jahre 1973 wurde der 23-jährige Betriebsmechaniker beim Badener Tagblatt angestellt. Holperte es in der Rotation des Zeitungsdruckes, gab es Probleme mit der Mechanik in der Spedition oder hatte ein Schriftsetzer – damals noch in Blei – einen «Spritzer», wurde Vik Egger auf den Platz gerufen. «Und dies konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit, werktags oder am Wochenende, sein», fügt Egger an.

Plötzlich ertönt Pepe Lienhards «Sie ist meine Swiss Lady, …» – Viks Natel-Klingel-Melodie. Ein Handwerker ruft an. Er habe keine Zeit und rufe zurück. Vik versorgt das Natel in der Tasche und sagt: «Früher, da gab es kein Natel. Und wenn ich als Pikettmann zu Hause am Abend in eine Beiz ging, musste ich deren Telefonnummer hinterlassen.» Er erzählt gerne aus den früheren Zeiten.

Ja, es habe sich vieles verändert. «Die Technik, die Leute in der Redaktion kommen und gehen schneller, und es ist alles viel hektischer», oder man tue zumindest so, fügt er an. «Früher hatte man sich mehr Zeit genommen, um die Kameradschaft zu pflegen», meint Egger. «Die Geschäftsausflüge mit dem Betrieb», die würden ihm ewig in Erinnerung bleiben. «Als uns Otto Wanner anlässlich seines 80. Geburtstages drei Tage nach Zermatt eingeladen hatte», fährt es ihm gleich aus dem Mund. «Oder die Skitage», sagt Egger, bis zu seinen beiden Hüftgelenk-Operationen leidenschaftlicher Skifahrer.

Schöne Erinnerungen bleiben

Ja, den Rücken habe er auch zweimal operiert, und dann noch dies und jenes. «Zum Teil ist das vererbt», sagt Egger nüchtern. Zum Teil mag es vom Heben grosser Gewichte bei der Arbeit gewesen sein. Doch Viktor Egger kehrte nach jeder Operation wieder zurück. Hadern tut er mit nichts. «Es ist wie im Militär, es bleiben nur die schönen Erinnerungen im Kopf», meint er. Dann zählt er all die vielen Projekte im Hause auf, bei denen er die Bauleitung innehatte. Der Einbau der Rohrpost und dann der Unterhalt, davon könnte Egger ein Lied singen. Habe er bei einem Defekt auf grossen Anschlägen «Rohrpost ausser Betrieb» geschrieben, so habe sicher ein Redaktor dies nicht beachtet und eine «Bombe» versenkt. Egger: «Redaktoren können zwar schreiben, aber nicht alle lesen», meint er und lacht heute darüber. Auch die Druckplattenherstellung beim Fotosatz sei technisch sensibel gewesen, erinnert er sich; da sei er oft gerufen worden.

Die Einrichtung der neuen Zeitungsspedition oder der Einbau der neuen Druckmaschine, das seien dann intensive Projekte gewesen. «Meine Frau hat uns am Sonntag sogar das Mittagessen vom Restaurant Hirschen in Kirchdorf bringen müssen», weiss Egger. Ein Thema für sich sei früher der Lift gewesen. Da musste er dutzende Male von zu Hause ausrücken, weil jemand durch ein ungeschicktes Manöver die Türe blockiert hatte.

Chef Stadtturmstrasse 19

Im Jahre 1997, als nach der Fusion des «Badener Tagblatts» mit dem «Aargauer Tagblatt» der Zeitungsdruck und dann in Etappen die Redaktion (ausser Regionalredaktion Ost und «Schweiz am Sonntag») in die Aarauer Telli verlegt wurde, übernahm Vik Egger hälftig für die AZ, hälftig für die Tagblatt-Haus AG von Hans Wanner, Hauseigentümer und Bruder von Verleger Peter Wanner, den Hausmeister-Job. Es folgte eine Sanierung nach der andern. Neue Lüftung, Asbestsanierung, Einbau der Drehtüre und Justierung, Umbauten aufgrund von Mieterwünschen und vieles mehr. «Soweit es ging, ordnete ich die lärmigen Arbeiten auf frühmorgens oder übers Wochenende an, damit man in den Büros nicht zu sehr gestört wurde», sagt Egger. Er schaute für alle, die im eleganten Hochhaus mitten in der Stadt ein- und ausgingen, auch für die Handwerker. Aber wenn es sein musste, wenn jemand einen reservierten Parkplatz vor dem Haus besetzte, dann konnte Vik Egger durchaus mal Klartext reden.

42 Jahre lang war Vik Egger buchstäblich Mädchen für alles. Wenn es sein musste, schraubte er USM-Möbel auseinander oder zusammen. Er kaufte zwar teure, aber qualitativ beste Bürostühle für die Redaktion. «Wenn die so lange arbeiten, dann brauchen sie gesunde Stühle, das macht sich letztlich für das Unternehmen bezahlt», begründete er. Man sagt ihm zudem nach, er habe den Riecher für gute Geschäfte. «Ich habe manche Gegengeschäfte mit Handwerkern und Lieferanten abgeschlossen, und fast immer waren beide Seiten zufrieden», sagt er. Vik Egger ging in all diesen Jahren für das Unternehmen durchs Feuer, wenn es sein musste. Das wusste man in den Chef-Etagen. Darum genoss er auch dort besonderes Ansehen.

Endlich Zeit für anderes

«… und ich der Mann aus den Bergen», tönt es nochmals aus der Tasche. Marco Sisofo, Leiter Dienste der AZ, ist am andern Ende, und man spricht kurz über den Abschiedsapéro von heute. «Es chömed scho es paar», sagt Egger bescheiden. Anwälte, Architekten, Geschäftsführer und zweifellos auch Verleger und Chefredaktoren, all die Journalisten, Journalistinnen und Sekretärinnen und auch ein paar Ehemalige werden ihm zum verdienten Ruhestand gratulieren. «Gut, die Biberli-Aktion von Insieme werde ich weiterhin ins Haus bringen. Und ich habe mit Hasi (Hans Wanner) abgemacht, dass ich bei den nächsten Projekten im Haus noch unterstützend dabei sein werde», fügt er an.

Die restliche Zeit ist reserviert, für seine Frau Rosmarie, die drei Kinder und vor allem für die Enkelkinder, aber auch für den Umschwung des Hauses in Kirchdorf und den wöchentlichen Jass mit andern BT-Pensionierten. Und eben, wie es die Handy-Melodie erahnen lässt: Ferien in den Bergen.

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