Damals
Was nach Kriegsende aus den deutschen Nazis in Baden wurde

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren brachte auch in Baden Verlierer mit sich, etwa die führenden ausländischen Mitglieder der NSDAP-Ortsgruppe. Schon in den letzten Kriegstagen wurden Forderungen laut, sie auszuweisen.

Pirmin Kramer
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Der Krieg ist vorbei! Das Foto zeigt einen Zeitungskauf am Zürcher Hauptbahnhof am 8. Mai 1945. Am selben Tag beschloss die Bundesanwaltschaft die Auflösung der NSDAP-Landesgruppe Schweiz – mit Folgen auch für Badener. (Archiv)

Der Krieg ist vorbei! Das Foto zeigt einen Zeitungskauf am Zürcher Hauptbahnhof am 8. Mai 1945. Am selben Tag beschloss die Bundesanwaltschaft die Auflösung der NSDAP-Landesgruppe Schweiz – mit Folgen auch für Badener. (Archiv)

Keystone

Fast alle Menschen in Baden und Umgebung nahmen gestern vor 70 Jahren, am 8. Mai 1945, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht mit Erleichterung und Dankbarkeit zur Kenntnis.

Der Freudentag des Kriegsendes wurde von der Bevölkerung gemäss «Badener Tagblatt» impulsiv gefeiert: Die Kirchenglocken läuteten, die Stadtmusik konzertierte auf dem Schlossbergplatz, die Bezirksschüler besammelten sich auf dem Schloss Stein, und der Brown-Boveri-Chef liess die Arbeit in seiner Firma am 9. Mai bei voller Bezahlung ruhen, «um diesen Tag der Freude würdig begehen zu können».

Walter Boveri gab mit seinen Worten wohl die Gemütslage vieler Menschen in der Region wieder: «Durch eine wundervolle Fügung des Schicksals ist unser kleines Land vom Kriegsgeschehen verschont geblieben, und doch hat es an manchen bangen Stunden nicht gefehlt. Die nächsten Jahre werden kaum weniger schwierig, wenn auch für Leib und Leben des Einzelnen weniger gefahrvoll wie die vergangenen sein. Jedoch was immer kommen mag, wir sind überzeugt, es soll wieder aufwärtsgehen.»

Für fast, aber eben nicht für alle Einwohner Badens war die deutsche Kapitulation ein Grund zur Zuversicht. Denn das Kriegsende brachte auch in dieser Stadt Verlierer mit sich.

Gemeint sind die führenden ausländischen Mitglieder der Nationalsozialistischen Ortspartei sowie der Reichsdeutschen Gemeinschaft Baden – namentlich Johann Sihlfang, Johann Bundschuh und Ludwig Mair sowie deren Familien, die kurz nach Friedensbeginn des Landes verwiesen wurden.

«Antidemokratische Umtriebe»

In den letzten Kriegstagen war in der Bundesversammlung und in Kantonsparlamenten die Forderung laut geworden, Nationalsozialisten und Faschisten wegen antidemokratischer Umtriebe des Landes zu verweisen. Die Forderungen sammelten sich bald unter dem Begriff der «politischen Säuberung», wie ein Aufsatz der Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde festhält.

Eine Woche vor der Kapitulation, als die Lage des Deutschen Reiches im Krieg endgültig als ausweglos betrachtet werden musste, entschloss sich der Bundesrat zur Auflösung der NSDAP-Landesgruppe Schweiz und ihrer angegliederten Organisationen.

Die Bundesanwaltschaft argumentierte: «Das Weiterbestehen der NSDAP als Untergrundbewegung könnte sowohl die Ruhe und Ordnung im Inneren der Schweiz in erheblichem Masse stören, wie auch die äussere Sicherheit unseres Landes, das heisst vor allem unsere Beziehungen zum Ausland gefährden.»

Ab dem 8. Mai fanden im ganzen Land Durchsuchungs- und Fahndungsaktionen der politischen Polizei statt. Gemäss Badener Tagblatt sei der Tatbestand in jedem einzelnen Fall «objektiv, aber streng» untersucht worden.

Am 24. Mai unterbreitete die Bundesanwaltschaft dem Bundesrat den Antrag auf Ausweisung von 270 deutschen Staatsangehörigen – alles aktive Mitglieder oder Funktionäre der NSDAP oder anderer nationalsozialistischer Organisationen.

Artikel 70 der Bundesverfassung gab dem Bund das Recht, «Fremde, welche die innere oder äussere Sicherheit der Eidgenossenschaft gefährden, aus dem schweizerischen Gebiete wegzuweisen».

Durch Bundesratsbeschluss ausgewiesen wurde der damals in Baden wohnhafte 43-jährige Johann Sihlfang, Maler bei der Firma Brown Boveri. «Ausweisungsgrund: War bis 1944 Leiter des NSDAP-Ortsgruppe Baden. Übte einen starken Druck aus auf Deutsche, die den Naziorganisationen fern blieben», heisst es im Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung von Juli 1946.

Johann Sihlfang hatte sich mit einem Wiedererwägungsgesuch gegen die Ausweisung gewehrt, der Bundesrat wies dieses jedoch ab. Mit seiner Familie verliess er am 31. Juli 1945 die Stadt und dann das Land.

Dasselbe Schicksal ereilte den in Baden wohnhaften Mechaniker Johann Bundschuh, Sihlfangs Nachfolger als Leiter der NSDAP-Ortsgruppe und Chef der Reichsdeutschen Gemeinschaft Baden. Einen Tag vor seinem 44. Geburtstag beschloss der Bundesrat den Landesverweis.

Auch Bundschuhs Frau und die Kinder mussten aus der Schweiz ausreisen: Der Sohn war provisorischer Standortführer der Reichsdeutschen Jugend (RDJ), die Tochter Bund-Deutscher-Mädel-Führerin.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau verliess der Badener Modell-Zuschneider Ludwig Mair Ende August das Land. Er war bis Oktober 1944 Leiter der Reichsdeutschen Gemeinschaft Baden, sie war Leiterin der NS-Frauenschaft.

Im oben erwähnten Bericht des Bundesrates fehlt der Name Ida Hart, einer seit 1939 in Ennetbaden wohnhaften Deutschen. Als 1943 Karl Gölz starb, dessen Haushalt sie hier führte, teilten ihr die Behörden mit, der Grund ihres Aufenthaltes sei dahingefallen.

Laut der «Ennetbadener Post» ist im Bundesarchiv eine handschriftliche Notiz erhalten, in der offenbar aus Quellen der Fremdenpolizei den Behörden mitgeteilt wird, dass «Frl. Hart auch deshalb nicht erwünscht sei, weil sie eine ziemlich deutliche nationalsozialistische Gesinnung an den Tag gelegt habe und alles, was ihr zu Ohren kam, jeweils prompt den deutschen Parteistellen in der Schweiz rapportiert habe».

16 im Aargau wohnhafte Deutsche wurden in den Wochen nach Kriegsende wegen antidemokratischer Umtriebe aus der Schweiz verwiesen. Der Bundesrat betonte, sich bei den Entscheiden immer auch das menschliche Moment vor Augen gehalten zu haben.

«Es ist nicht wie früher, wo der Ausgewiesene einfach in sein Heimatland ausreisen konnte. Heute geht er einem ganz ungewissen Schicksal entgegen.» Das müsse gerade von einem Staat mitberücksichtigt werden, der sich rühme, eine der ältesten Demokratien zu sein und eine humane Staatsführung zu haben. Abschliessend könne aber festgestellt werden, «dass die ausgesprochenen Ausweisungen gerechtfertigt waren».

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